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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Vom Klimawandel frei-gelegter Mund

Hamburg

Zwar ist Daniel Falbs Gedichtband Orchidee und Technofossil ein Gedichtband genanntes Buch, und solcherart zu lesen, doch verbirgt sich hinter der vierfachen Faktencollage mit Umbruch nur wenig Lyrisches im klassischen Sinne. Vielmehr trauen sich die Gedichte das, was der nur wenig vorher (mit denselben Fakten gespeiste) Essayband Geospekulationen Falbs nicht oder nur in Andeutungen getan hat: mit harten Informationen zu spielen. Die metaphysische Seite des Absterbens zu Erden ist im philosophischen Merve-Band effektiv und furchterregend diskutiert, denn es ist alles „wahr“. Es handelt sich um eine wissenschaftliche Argumentation (die bisweilen „abdriftet“ in coole, nicht-wissenschaftliche Schlenker aus Literatur o.ä.).

Orchidee und Technofossil geht den umgekehrten Weg, anhand der beigefügten Jahreszahlen der Entstehung seiner vier Teile abzusehen, ist er in etwa gleichzeitig entstanden, und nutzt die vollkommene Freiheit lyrischer Darstellung (mittels jeweils unterschiedlichen Lyrischen Ichs bzw Darstellungs- oder Vortragsstimmen), um in Faktenterritorium vorzudringen, dieses in nicht voraussetzungslos lesbaren Gedichtcollagen,:___STEADY_PAYWALL___ manchmal Paem genannt, abzusetzen. Heraus kommen Zahlenballette, Koordinaten, Verweise, wissenschaftlicher Apparat und manchmal, aber das in jedem Abschnitt, ein klein wenig Falbheit: die Wortmanipulationen, Sprachwechsel, Schreibfehler, genussvoll hereinbrechend Obszönes, Essen, Kotzen und unmissverständliche Realia-Politik, außerdem eine Art Bildrauschen oder wie es bei Photoshop hieß „Staub und Kratzer“, über dem Text eingeschabt.

Über das „Unboxing“ der „Kinder von niemandem: unverschuldet. Synthetisches Erbgut: keine konkreten Eltern“:

„Alle Kinder dem

  ‚globalen Norden‘

     ent-reißen.

Fahr mit ihnen nach

   FabiannBabystan

die lange, gezeichnete Straße entlang

  mit dem gemalten Auto,die

Kinder-tages-stätte

am Anderen Ende der

Erde –

das Erbe

muss aufhören,

das stammesgeschichtliche Relikt

Das Ganze scheint sich nicht wirklich entscheiden zu wollen, ob man mit Fakten Poesie treiben kann, oder ob Poesie, nur weil man sie so nennt, Gedichtband, alles „essen kann“ und wenn ja, ob für das deutlich verstehbare Anliegen Falbs, die anthropozäne Vergiftung jedweden Stratums zu benennen und das Museum des Holozän (sprach-) politisch vorzubereiten, die Taktik von Geospekulationen aufgrund ihres anderen Sortierzugangs, nicht vielleicht sogar im Kern weitreichendere, auch lyrischere Früchte trägt.

Denn das Vorenthalten wesentlicher Informationen macht aus Orchidee und Technofossil an vielen Stellen bloß ein modisch scheinendes Diskursglossar auf, 12345678910 sagt sprachlich wenig, eine eigene Behängung mit großtuerischen Attributen wie „Analyse“ z.B. der „Vertriebswege von kookbooks“ wie es im Gedicht vorkommt, um lediglich die Namen GVA und Göttingen in den Strom zu werfen, ist als lyrische Operation genauso wenig von sprachlichem Werkwillen oder Gestaltgeburt gekennzeichnet. Kurz, Falb bewegt sich auf einem äußerst schmalen Grad von kopflastiger Gedichtproduktion, weiß das allerdings auch. Nicht umsonst sind die vier Langgedichte mit einer Zusammenfassung angekündigt, die wie bei Paradise Lost‘s „The Argument“ vor dem eigentlichen Losgehen kurz eine (allerdings wiederum recht packende) Prosa auspackt, um dort die wesentlichen Verhandlungen und Fakten / Dokumente, die die Gedichte nutzen, einzuordnen. Wie zum Beispiel, dass es in Svalbard einen Saatguttresor gibt, mit dem das Svalbard Paem dann u.a. kotzend umgeht. Gäbe es dies „The Argument“ nicht, würde Orchidee und Technofossil vermutlich in Belanglosigkeit degenerieren, so aber wird durch das reflexive Selbstbezeichnen wieder einmal Gegenwind weggeatmet.

Nichtsdestotrotz „liefern“ die vier Verhandlungen nicht unbedingt Erhellendes, noch wollen sie lyrisch gefallen. Sie wirken oft absichtsvoll schlampig, fast von oben herab. Das Kanker Quartett beispielsweise geriert sich als eine Art Vortrag, voller ahhms, hrrrrrs, ähems etc. zur medizinischen Versorgung Krebskranker, im Anthropozän bekanntermaßen ein Biomachtpolitik-Relais unter vielen weiteren.

Dabei stehen die demografischen Erscheinungsbedingungen des Kankers im Zentrum – das Erscheinen Ihres Kankers wird als Ihr Privileg, Ihr Adelstitel erkannt.

Das Performative ist stets eine interessante Idee, aber es erschöpft sich auf Papier durchaus. Die vielen direkten Anreden sind gute Rüttler, aber auch sie werden einmal müde. Insgesamt ist Orchidee und Technofossil, mit einem sehr wörtlichen Cover ausgestattet, zwar eine wichtige, sperrige, nicht unanregende Veröffentlichung, aber nicht unbedingt ein essentieller Gedichtband. Wohingegen Geospekulationen desselben Falbs andererseits breit empfohlen sein soll.

Daniel Falb
Orchidee und Technofossil
kookbooks
2019 · 80 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3937445984

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