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Wortschau, Veranstaltung Marburg
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Wortschau, Veranstaltung Marburg
Kritik

Geschüttelreimt und nicht gerührigt

Zur 6. Ausgabe der Literaturzeitschrift [SIC]
Hamburg

center of attention, da kommt das kiffen ganz recht, das kullern auf der grenze zu assi. […] die melancholie bumbst dich sonst in den sumpf.

Die sechste Ausgabe der Literaturzeitschrift [SIC] [sic!] hat sich dem Themenschwerpunkt Rap verschrieben. Auftakt: Felix Schiller. Der gibt einem mit seinem Prosagedicht „artifacts“ erstmal die volle Dröhnung an Zeitgeist und Begriffsdropping, nicht ohne Witz und Style, aber der Text gerät eher rezitierend als stimulierend. Obgleich als Remix gelungen, klingt er nicht sehr eigenständig. Wobei, der Titel kündigt es ja an, hier geht es um Artefakte, nicht um freshe Lines; um Beschau & Show und nicht Metaphysik.

ich schreibe jetzt für eine gegenaffentlichkeit
[…]
champanger & cholesterin
nenn es die tagebücher des k. cocain
[…]
und das tischgebet:
homo homini lupus
Esst!

Anna Fedorova schwingt in den fünf Gedichten aus ihrem Zyklus „import/export“ die Sprache wie einen nölenden Morgenstern, brachial in den Ausfallschritten, voller viral gehender Wortspielereien, die gleichsam etwas Schwachsinniges, etwas Lustvolles, und immer wieder etwas Bezeichnendes, Einschneidendes haben. Der Text entgeht (zumeist) dem Anstrich des Aufgesetzten und verliert sich nicht in seinem Schema – Fun, Fun, Fan.

Martin Piekar besingt die Entfernungen im Beat und wettert wider den Fernseher (auch wenn gerade kein Wetterbericht gesendet wird) und bezeichnet ihn als Rubikwürfel, was ein nettes Bild ergibt, das sich aber meiner Ansicht nach schnell abnutzt und nicht für eine ganze Gedichterörterung eignet. Du Medium, sagt Piekar zum Televisions-Gerät – dabei ist er doch selber Medium. Auf Wikipedia heißt es schön:

Ein Medium ist nach neuerem Verständnis ein Vermittelndes im ganz allgemeinen Sinn.

Piekars Verse flimmern und zappen zwar, strudeln und klicken, aber vermittelt wird mir wenig. Besser gefällt mir da schon sein leicht angeschreddertes Gedicht „Uhrenvergleich“, in dem er nicht nur Dichtern wie Björn Kuhligk und Tom Schulz seine Reverenz erweist, sondern auch ein viel dichteres Setting durchexerziert.

Sich nichts sagen lassen an
diesem einen Abend: Freitag,
das Telefon im Anschlag,
auf dass der Müßiggang
möglicherweise doch geteilt
werden kann.

Alexander Graeffs kleine Tristessen, hin und her gewiegt in 3 Gedichten, können mich nicht so wirklich hinterm Ofen hervorlocken. Diese tristen Lieder umkreisen zwar mit unprätentiösen Absichten Alltagsabgründe, aber die Spalten, die sie zerreißen, sind zu dünn, als das man fürchten könnte, in sie hineinzufallen.

Kottiseits
ist Winterschlaf die einzige Verheißung,
wie ein Knöchelbruch im Schnee,
doch kein Martinshorn erklingt,
nur ein paar vereiste Junkies (Türkisches Café)
nutzen ihre Gunst der Stunde:
Doktor, bitte Lyrica mit C.

Auch bei Jochen Körber werde ich von Tristesse-Noten aufgespießt, angeritzt. Hier haben sie im ersten Gedicht allerdings etwas Schönes, Sanft-Scheißdraufliches. Kottiseits, das ist ein schönes Wort. Manchmal reicht das ja, um die Zärtlichkeit in Gang zu setzen und aus dem Rest des Gedichts ein bisschen Wehmut, ein bisschen Erfahrungshorizont zu kitzeln.

Ihr kennt die Klischees… kaltes Dachgeschoss, morsche Dielen, ein Arschloch, das einem sein Arschloch vermietet, um einen darin wohnen zu lassen, ohne vorher wenigstens einmal durchzuwischen. […] Ach scheiß drauf, dann waren wir eben ne Band oder sowas, aber wen hat das schon interessiert? Uns jedenfalls nicht.

Mich eher auch nicht; als Leser bin ich nicht wirklich angefixt von Mario Osterlands kurzem Text (einem Intro, so der Titel, zu einem längeren Text vielleicht) der sich hingerotzt gibt und für meinen Geschmack einmal zu oft den Schnodder hochzieht. Ich bin kein Fan von Attitüden und arrangierten Pöbeleien, vielleicht bleibt mir der Charme des Textes deshalb verborgen.

Der Fahrer hält ein gutes Tempo und die Gebäude werden spärlicher. Die Gehsteige enden manchmal einfach in einem Haufen Pflastersteinen und fangen beim nächsten Gebäude wieder an.

David Fuchs Geschichte „Wasser“ umfasst zwar nur knapp 2 Seiten, aber auch auf dieser kurzen Strecke gelingt ihr, dank beeindruckender erzählerischer Ökonomie, ein dichter Schnappschuss. Es passiert nicht viel: Flug, dann Landung in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, dann eine Autofahrt. Ein bisschen Atmosphäre und ein Schluss, der einem, ohne große Dramatik, ohne spektakuläre Handlungselemente, durch Mark und Bein geht. Bemerkenswert.

Aus [SIC] Nr.6

Ein Zusammenschnitt von Graff-Abschnitten aus dem ersten Teil von Robert Prossers lesenswertem Roman „Phantome“ folgt – darin enthalten: zwei Liebesgeschichten, ein kurzer Abriss der Herkunft von Graffiti und eine Ode an den Nervenkitzel, das Subversive in dieser Kunstform.

Jacob Teich schreibt über seinen Großvater. Nein, über einen Zwischenfall vor einem Plus in Berlin-Köpenick, eine Messerstecherei. Nein, über seine Hip-Hop-Band. Nein: über all das und nichts davon. „Wie, Helden weinen nicht?“ ist eine lose Montage und gleichzeitig eine flüssige Erzählung, ein Text ohne Fokus, in dem wir dennoch beobachten können, wie Erzählen oft ein Versuch bleibt, aber deshalb nicht scheitert, sondern Räume öffnet, triggert, Verdichtung bleibt.

Dann aber das Loch und der Schlauch, der alte Bagger und der Tanklaster. Wie hätte er da widerstehen können?

Ich muss zugeben, dass ich mit dem Kurzprosastück von Norbert W. Schlinkert, dessen Kurzbioeintrag so vielversprechend klingt, leider nicht sehr viel anfangen kann. Irgendwie begreife ich weder die Pointe, noch die Intention. Okay, da steht ein Tanklaster und da ist ein Loch und ein Bagger, soweit die Haptik, die Optik, die Staffage. Und was macht Text? Ist er nur ein Streifen ohne Knalleffekt?

19.05.16 Wie uneinsichtige Schildkröten schlurfen die Leute heute über den Platz; sie weichen nicht einmal den von Schülern frisch hingespuckten Kaugummis aus. Der Himmel ist verhangen. Du sagtest, er sei fischfarben, ich entgegnete aus Gewohnheit: Nein, er ist schal wie Ziegenmilch. Ansonsten passiert nichts.

Eintragungen vom Busbahnhof; luzid, ambivalent-humorig, dann und wann strudelnd. Immer wieder wird in dieser urbanen Umgebung – voller Geschäfte, großstädtischem Treiben und Tourismus – der Zipfel eines anderen Themas greifbar. Worte wie „Erstaufnahmestelle“, das Warten auf Veränderung und die Atmosphäre des Ortes, der eigentlich Durchgangsort sein sollte, nicht Aufenthaltsort, bewegen wie sanfte Lüfte die Schleier des Textes, offenbaren nichts Konkretes. Samuel Hamens Text generiert eine feine Ungewissheit, man liest die Eintragungen sehr oft und sehr genau und sieht dabei auch das Alltägliche mitunter mit anderen Augen.

Wir messen die Empathie des Menschen mit einer Empathiefeststellungsmaschine (die der Onkel erfunden hat) und erschaffen eine Armee, die wir in den Krieg führen, im Kampf gegen Egoismus, Arroganz und die Vollschlankheit des präfrontalen Cortex.

Das Interview mit Zetta & Der Benman lässt mich etwas unbeeindruckt zurück. Ich glaub das ist nicht meine Art von Humor.

Der Verlauf ist das Entscheidende, daher sich die Zeit nehmen, hören und wieder hören.

Gregor Babelotzkys beeindruckendes Portrait (+ Studie) des 1000 Lines-Songs „Von Nichts“ des deutschen Rap-Duos Manfred Groove, mit Rückgriff auf Lukrez und einigen steilen Thesen und einigen etwas gewagten Verallgemeinerungen, ist auf jeden Fall die Perle des Heftes – so ein Text, nachdem man sich so richtig angefeuert, zerlesen und heimgesucht fühlt, essayistisch und poetisch angegangen.

Fazit: Vielleicht war ich nicht die ideale Person, diese Ausgabe von [SIC] zu besprechen – ein Rap-Fan hätte hier mit etwas Background vielleicht manchmal scharfsinnigere Anmerkungen anbringen können. Einigen Texten bin ich mit meiner Unbedarftheit sicher nicht gerecht geworden. Dennoch: die Studie von Babelotzky und einige Gedichte haben mich sehr angesprochen, das macht ja schon einen guten Schnitt.

Daniel Ketteler (Hg.) · Christoph Wenzel (Hg.)
[SIC] Nr.6
[SIC] Literaturverlag
2017 · 64 Seiten · 6,00 Euro
ISSN:
1860-6156

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