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Kritik

Eine Kulturbibel allerfeinsten Kalibers

Zu den gesammelten Essays von David Foster Wallace † 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien
Hamburg

Wallace lehnte es ab, sich mit postmodernen Ironie gegen die Zumutungen seiner Lebenswelt abzuschotten. Gegen diesen Sicherheitsabstand des Denkens suchte sein ästhetisches Sensorium vielmehr immer wieder die Konfrontation mit diesen Zumutungen. Mit dem Gestus, aus peinlich und peinigend genauen Selbstbeobachtungen, Suchbewegungen ins Allgemeine abzuleiten, knüpfte er an Michel de Montaigne als den Begründer des modernen Essays an. […] Seine Essays sind Hirnschrittmacher, in denen die ganze US-amerikanische Gegenwartskultur zur Sprache und mit sich ins Gespräch kommt. (Aus dem Vorwort)

Der Titel des Vorworts zu dieser tausendseitenschweren Ausgabe lautet: „Eine Kultur im Selbstgespräch“. Betrachtet man den Umfang und die Vielschichtigkeit dieses essayistischen Gesamtwerkes, erscheint dieser Titel angemessen, nicht um seine Schwere, sondern vielmehr seine Dimensionalität und seine Konsequenz zu verdeutlichen.

David Foster Wallace, der genau vor 10 Jahren starb, war nicht nur einer der wichtigsten Romanciers der neueren angloamerikanischen Literatur, sondern darüber hinaus ein Schriftsteller, der sich mit nahezu allen kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen wollte; der diese geradezu, wie Ulrich Blumenbach in seinem Vorwort gut herausarbeitet, für seine Pflicht, für seine Verantwortung hielt (in dem Sinne, dass wir alle für die Gegenwart verantwortlich sind und uns mit ihr deswegen auseinandersetzen müssen).

Die gesammelten Essays präsentieren weite Teile dieser Auseinandersetzung. Unterteilt sind sie in die Kategorien „Tennis“, „Ästhetik, Sprache und Literatur“, „Politik“, „Film, Fernsehen und Radio“, „Unterhaltungsindustrie“ und „Leben“. Außerdem vorhanden in dieser Edition ist ein Verzeichnis mit knappen Erläuterungen zu Begriffen und Personen.

Niklas Luhmann schrieb einmal, Verständlichkeit dürfe kein Prinzip, das etwas verhindert, was gesagt werden kann. Nach dieser Maxime mutet Wallace seinen Lesern und Leserinnen auch präzisionsfrenetische Satzgebilde und philosophische Höhenflüge zu wie die Entfaltung von Wittgensteins Argument der Unmöglichkeit von Privatsprachen in einer schädel- und satzspiegelsprengenden Fußnote. (Aus dem Vorwort)

David Foster Wallace war ein Intellektueller, daran besteht wohl kein Zweifel. Aber er war als Intellektueller ebenso unkonventionell, eigensinnig und wandelbar wie als Romanautor. Das Besondere an seinen essayistischen Texten ist nicht allein ihre Bandbreite, sondern zusätzlich die Art, mit der es Wallace gelingt, sein Schreiben bei so unterschiedlichen Themen wie Tennis und Metafiktionalität, Wahlkampf und Pornoindustrie, Kreuzfahrten und David Lynch auszubreiten, auszuleben.

Seine Beschäftigung mit „niederen Themen“ machte man ihm öfters zum Vorwurf – auch wenn er in den meisten Fällen die konventionellen Rahmen seiner Inhalte reflektierte und sprengte. Er aber wollte immer zum Kern vorstoßen, ganz gleich, ob es um den Kern eines komplexen Films oder um die Wesenszüge einer Erotikmesse ging; seiner essayistische Prosa gelingt es, beide Erscheinungen als Faszinosa mit einzigartigen, zu erforschenden Zügen zu beschreiben. David Foster Wallace hätte seinen Kritiker*innen mit einem Zitat von Albert Vigoleis Thelen aus „Die Insel des zweiten Gesichts“ antworten können:  

Soll die Nachtigall nicht singen dürfen, was die Spatzen von den Dächern pfeifen?

Oft erreichen Wallace Texte, auch aufgrund dieser Herangehensweise, eine eigene, besondere Qualität: es gelingt ihnen eine Verschmelzung von Verkopfung und Intuitivem, Abstraktion und Anschaulichkeit. Seine Fußnoten können ein Mindfuck sein und zugleich eine simpel-beflissene Bemerkung, die Stellung zu etwas ganz Alltäglichem oder zumindest etwas Konventionellem bezieht.

Foster Wallace war beides: konservativ in seiner Didaktik, bahnbrechend in seinen Erkenntnissen. Bei allem, was er zitiert und auf das er Bezug nimmt, liegt es nah zu glauben, dass er viele Geländer zum Denken nutzte – die meisten seiner Ansätze und Schlussfolgerung sind jedoch sehr eigenständig, seine Gedankengänge schweben oft über den Schlachtfeldern der Diskurse und Debatten, werfen sich weder leichtfertig ins Getümmel, noch kehren sie ihnen den Rücken. Vielmehr arbeiten sie geduldig eine eigene Warte, eine eigene Position heraus, beziehen sich stets auf beide Seiten des Spektrums, loten das zu Verstehende aus, das Greifbare, das Sagbare aus.

Nicht enthalten sind in dieser Sammlung die Texte „Schicksal, Zeit und Sprache“ (Wallace Auseinandersetzung mit Richard Taylors Theorie des Willensfreiheit, erschienen bei Suhrkamp) und auch nicht der Text über Georg Cantor und die Unendlichkeit (erschienen bei Piper); auch „Signifying Rappers“ (erschienen bei Kiepenheuer & Witsch) ist leider nicht enthalten, vermutlich, weil der Text zu umfangreich ist und Wallace nicht der alleinige Verfasser war.

Ansonsten wird man wohl keinen non-fiktionalen Text von Wallace vermissen. Auch die bereits als Einzelbände erschienenen Titel „This is water“, „Der große rote Sohn“, „Am Beispiel des Hummers“ und „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ sind enthalten.

Andere Höhepunkte und Glanzstücke sind eine Liste der „fünf übel unterschätzen Romane aus den USA > 1960“, eine ausufernde Rezension zu David Marksons Roman „Wittgensteins Mätresse“, der verstörend-erhellend-eigensinnige Bericht „Hoch, Simba“, den Wallace schrieb, nachdem er John McCain im Vorwahlkampf begleitet hatte, sowie ein Essay über Wallace Besuch am Set von David Lynchs „Lost Highway“, der sich zu einer grandiosen Analyse von David Lynchs Gesamtwerk (anno 1995) auswächst. Ein paar Ausschnitte aus diesem Text, für den allein sich die Anschaffung schon lohnt:

Filme sind ein autoritäres Medium. Sie machen einen verwundbar und dann beherrschen sie einen. Es gehört zum Zauber des Kinos, sich ihm zu überlassen, sich von ihm beherrschen zu lassen. Man sitzt im Dunklen, sieht hoch, findet sich in tranceartiger Distanz zur Leinwand, kann die Menschen auf der Leinwand sehen, ohne von den Menschen auf der Leinwand gesehen zu werden, die Menschen auf der Leinwand sind viel größer, schöner und unwiderstehlicher als man selbst.

[…]

Vielleicht ist das sogar Lynchs einziges und wahres Programm: in unsere Köpfe einzudringen. Ihm ist definitiv mehr daran gelegen, in unsere Köpfe einzudringen, als darin irgendwas zu veranstalten.

[…]

Seine Welt mag vom Bösen heimgesucht werden, aber auffällig ist, dass die Verantwortlichkeit für das Böse in seinen Filmen nie gierigen Konzernen, korrupten Politikern oder anonymen Serienirren in die Schuhe geschoben wird. Lynch interessiert sich nicht für die moralische Verurteilung einzelner Figuren. Er interessiert sich vielmehr für die psychischen Räume, in denen die Menschen zum Bösen fähig sind. Er interessiert sich für das Dunkel. […]Lynchs Gewalt versucht noch, etwas zu bedeuten.

Es gibt noch viele andere kleinere und größere Entdeckungen; manchmal ein ganzer Text, oder nur eine Abschweifung, eine Fußnote, eine witzige oder kritische Bemerkung am Rande. Nach einer Weile lesen ist man immer darauf gefasst, dass einem gleich etwas Gescheites, etwas Brillantes, etwa Tiefsinniges aus Wallace Sätzen entgegenfließt, -springt.

Auch die bereits als Einzeltitel erschienenen Beiträge sind natürlich eine Lektüre wert – bei zweien, „Am Beispiel des Hummers“ und „Das hier ist Wasser“, bin ich sogar davon überzeugt, dass man sie einmal gelesen haben sollte (letzteren vielleicht sogar mindestens einmal im Jahr lesen sollte).

Ganz gleich ob Gelegenheitsvoyeur*in, Cineast*in, Tier- und/oder Menschenfreund*in, politisch interessiert, homme/femme de lettres, Feuilletongenießer*in, kritischer Geist, von der Postmoderne begeistert oder von der Postmoderne enttäuscht, kulturaffin oder bereit es zu werden: hier kommt jede/r auf seine/ihre Kosten.

In vielerlei Hinsicht brauchen wir anscheinend eine Kunst, die uns moralischen Trost bietet, und die intellektuellen Verrenkungen, mit denen wir einem Kunstwerk eine gusseiserne Moral zu entlocken versuchen, sind schockierend, wenn man sie näher betrachtet.

David Foster Wallace war gegen eine solche Kunst mit gusseiserner Moral und doch kein Mensch, der dem Ethischen nicht zugeneigt war; ganz im Gegenteil: die richtige Ethik für den Umgang mit der Welt zu finden, dieses Unterfangen begleitet sein ganzes Werk. Aber er glaubte daran, dass Kunst Begegnung ist und nicht Belehrung, Erfahrung und nicht Diktat (und dass wir an der Begegnung wachsen, an der Auseinandersetzung und nicht durch Vorgaben, in die wir hineinwachsen sollen). In diesem Sinne sind auch seine Essays eindeutig Kunstwerke, denn sie sind in der Lage (wie er über David Markson schrieb):

uns an die unendlichen Zugriffsmöglichkeiten der Literatur zu erinnern, sie lassen Hirne pochen wie Herzen, sie rechtfertigen die Vermählung von Denken & Fühlen, Abstraktion & gelebtem Leben, transzendenter Wahrheitssuche & alltäglicher Plackerei, Vermählungen, die in unserer glücklichen Ära der technischen Verstopfung und des Unterhaltungsmarketings anscheinend zunehmend nur noch in der Fantasie möglich sind.

Seine gesammelten Essays sind ein Buch für die Insel. Ein Buch gegen die Insel. Eine Bibel des Kulturellen, die für beides plädiert: für das Hirn – und für das Herz!

David Foster Wallace · Ulrich Blumenbach (Hg.)
Der Spaß an der Sache / Alle Essays
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach und Marcus Ingendaay
Kiepenheuer & Witsch
2018 · 1088 Seiten · 36,00 Euro
ISBN:
978-3-462-04989-3

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