Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Unweit der Industrieanlage die Schulbank

Auf der Suche nach den Lücken im deutschen Bildungssystem mit „Streulicht“ von Deniz Ohde
Hamburg

Als junge Universitätsabsolventin kehrt die Ich-Erzählerin heim, in die vollgestellte Wohnung ihres Vaters in einem Fabrikvorort von Frankfurt am Main. Hinter dem Ortsschild riecht es anders, fällt ihr auf, und doch hat man sich nach kurzer Zeit schon daran gewöhnt. Auch ihre beiden besten Freund*innen aus der Schulzeit, Pikka und Sophia, haben sich an das Leben unweit der Börsenstadt gewöhnt ‒ Pikka an seinen Job als Fabrikarbeiter in der Chemieindustrie, deren Schlöte weithin zu sehen sind und die in der kalten Jahreszeit Wasserdampf ausstoßen, der sich als feiner weißer Schnee auf den Ort senkt; Sophia an ihre nahe Zukunft als Leiterin eines Kindergartens. Die beiden heiraten in den nächsten Tagen, und diese Einladung bringt die Protagonistin zurück an den Ort ihrer Jugend. Vor der „Silberfarm“ sitzend, ___STEADY_PAYWALL___einer Hütte in einer Schrebergartensiedlung, die die Freundesgruppe öfter aufsuchte,  erinnert sie sich an ihre schmerzhafte Vergangenheit, die ärmlichen Verhältnisse in ihrer Familie als Tochter eines Fabrikarbeiters und einer türkischen Mutter, an die Sammelwut ihres Großvaters und an die Ungleichbehandlungen in ihrer frühen Schulzeit.

„ich war immer zu früh in der Schule. Ich erwartete, dass man mir die zehn Cent von letzter Woche zurückgab, und zahlte bei Verabredungen immer getrennt. […] Ich ging nicht bei Rot über die Straße, ich hatte nur eine Muttersprache, ich hatte nur einen Geburtsort, ich hatte einen deutschen Nachnamen und zwei Vornamen, von denen der eine geheim war, ich rasierte mir die Monobraue, ich sagte : ‚Nicht ich bin Türkin, sondern meine Mutter‘“.

Es ist für die namenlose Ich-Erzählerin eine ganz andere Schulzeit als für Sophia, die beste Startvoraussetzungen mitbringt, sich in der 5. Klasse als Klassensprecherin aufstellen lässt und gewählt wird, obwohl zu dem Zeitpunkt eigentlich noch gar keine Klassensprecher*innen vorgesehen sind. ‚Schau mal, du sieht so aus wie alle hier‘, sagt Sophia zur Protagonistin, als sie zu zweit in einem migrantisch geprägten Viertel unterwegs sind, und wickelt ihr einen Schal wie als Kopftuch um den Kopf. Schockstarre.

„Sophias Blick glitt an mir auf und ab, als wäre sie unbeobachtet, als würde ich gar nicht mitbekommen, wie sie mich betrachtete, als stünde ich hinter einer verspiegelten Glasscheibe, durch die nur sie blicken konnte, und ginge dahinter auf und ab wie ein eingesperrtes Tier, das immer nur seiner eigenen Reflexion in die Augen sieht, eine Katze im Nachthaus des Zoos, die Pupillen geweitet zu großen, schwarzen Tellern.“

In der Öffentlichkeit trägt die Erzählerin bewusst ihren deutsch klingenden Vornamen und gibt sich alle Mühe, nicht aufzufallen ‒ ein Vorgehen, das ihr gleichzeitig zum Verhängnis wird, denn die Lehrkräfte fordern vor allem ein selbstbewusstes Auftreten, verlangen, dass sie ‚lauter rede‘ und schnelle Antworten gebe. Deniz Ohdes Debütroman, der auch neben Romanen wie Leif Randts „Allegro Pastell“ oder Iris Wolffs „Die Unschärfe der Welt“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht, ist indirekt eine Anklageschrift an das deutsche Bildungssystem, das sich zwar als integrationsfördernd bezeichnet, wo sich aber in der Wirklichkeit fast niemand traut, Geld vom Förderverein für die neue Lektüre zu beanspruchen, wo nicht genau hingeschaut wird, ob eine schüchtern, verängstigt, gehemmt, traumatisiert oder unbegabt ist, wo nichts als die bloße Leistung zählt und wo eine Lehrerin die Erzählerin angsterfüllt fragt: „Du bist aber schon deutsch, oder?“ Es ist aber vor allem ein unverblümter, direkter und genauer Bericht einer jungen Frau, die ihr Leben lang vermittelt bekommen hat, sie würde später mal als Friseuse oder Putzfrau ihren Lebensunterhalt verdienen, und die es kaum glauben kann, dass sie nun die Freiheit hat, nach dem nachgeholten Abitur woanders zu leben und sie nun die ZEIT nicht lesen muss, um sich zugehörig zu fühlen, sondern lesen kann. Es ist auch Teil dieser Geschichte, dass Hoffnung und Zuspruch von einer anderen Teilnehmerin der Abendschule kommt, die der Protagonistin versichert, dass sie intelligent ist. Oder dass eine Lehrerin an dem Gymnasium, an dem sie dann ihr Abitur macht, ihr Talent erkennt und sie wirklich fördert. Was man dem Roman, der  dieses Jahr auch mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet wurde, vorwerfen kann, ist, dass er durch seine nüchternen Beschreibungen, durch seine Vermeidung von Ironie oder Poesie und durch seine vielfachen inhaltlichen Wiederholungen auf Vieles verzichtet, was manche Menschen an Literatur schätzen. Es ist aber vielleicht die einzige Form, in der diese Geschichte erzählt werden kann ‒ denn es ist in gewisser Weise auch eine Geschichte von Mikro- und Makro-Aggressionen, die für die Ich-Erzählerin die Welt ausmachen.

„Die ständige Anspannung, unter der ich im Klassenraum saß, die Alarmbereitschaft vor der geschlossenen Wohnzimmertür, dieses ständige Abwehren von Gefahren nistete sich in meinem Körper ein. Ein juckender roter Ausschlag breitete sich auf meiner Brust aus, den mein Vater mit abgelaufenen Salben behandelte.“

So ist es zwar ein großer Moment, als die Ich-Erzählerin im Alter von 23 Jahren ihr Abitur mit 2,0 macht und ihr Vater stolz im Publikum sitzt. Es verbindet sich aber kein triumphales Gefühl damit, denn sie trägt die Angst und die Wahrnehmung, im eigenen Heimatort fremd und unpassend zu sein, weiter tief in sich. Die Ich-Erzählerin hat aber gelernt, sich zu zeigen und sich nicht allen Situationen auszusetzen: Als sie an der Uni bei einem Gruppenvortrag ihren wirklichen Namen auf die Power-Point-Folie schreibt und die Dozentin daraufhin im Anschluss mit den Worten „Alle Erasmus-Studierende zu mir“ zu ihr gestikuliert, setzt sie ihren Rucksack auf, wendet sich ab und verlässt den Hörsaal.

Deniz Ohde
Streulicht
Suhrkamp
2020 · 284 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42963-1

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge