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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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Kritik

Reale Visionen und imaginierte Hunde

Hamburg

Deniz Utlu, geboren 1983, hat Volkswirtschaftslehre in Berlin und Paris studiert und wurde in diesem Jahr mit dem Literaturpreis seiner Heimatstadt Hannover ausgezeichnet, eine Würdigung, die ihm neben seinem Wirken als Dramatiker, Lyriker, Kolumnist und Essayist nicht zuletzt auch für seinen 2015 erschienenen Debütroman "Die Ungehaltenen" zuteil wurde, in welchem der Autor, wie die Jury anmerkt, "pointiert und plastisch die zentralen Themen Identität, Familie und Zugehörigkeit" verarbeitet.

Einige Aspekte dieser Thematik nimmt Utlu auch in seinem zweiten Roman auf und führt damit konsequent einen begonnenen literarischen Weg fort. Er löst sich jedoch von der Perspektive des Andersseins qua topografischer beziehungsweise sprachlich-kultureller Herkunft (in seinem ersten Roman ging es um die ersten beiden Generationen türkischstämmiger Einwanderer), schreibt das Sujet vielmehr durch ein wie selbstverständlich inszeniertes, durch Vornamensgebung internationalisiertes Figurenensemble fort, welches sich innerhalb eines die gesamte Zivilisation umspannenden Systems von Wettbewerb und Rentabilität ganz neue Bezugspunkte zum Leben schaffen muss.

Kara, dem in Berlin lebenden Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive die Handlung durchgängig geschildert wird, erscheint in einer Art Vision während eines turbulenten Fluges in einem schweren Gewitter ein lang vergessener Kommilitone, der linkische und mit nur wenigen sympathischen Attributen ausgestattete Ramón, "[e]r, für den nie Raum blieb, der immer zu viel war, immer überflüssig, nie willkommen, nur da". Ramón, der sich während der Studienzeit in Berlin ungebeten in die seit frühester Jugend bestehende Freundschaft von Kara und Vince einzuklinken versuchte, der geduldet wurde, aber nie dazugehörte und eines Tages dann doch ganz unangekündigt abtauchte. Inzwischen ist Vince ein erfolgreicher Jungmanager und aus der gemeinsamen WG mit Kara ausgezogen. Statt wie geplant seine Noch-Freundin Nadia in Frankfurt zu besuchen, spürt Kara dem verschwundenen Ramón in Berlin nach und kommt dabei in zahllosen Überblendungen von Zeit, Raum, Wirklichkeit und Einbildung seinem eigenen Dasein auf die Spur. Als Angestellter eines Versicherungskonzerns hat Kara die Aufgabe, die Kosten eines Lebens zu berechnen; dies wird für ihn reflektorischer Ausgangspunkt für die Fragen an seine eigene Existenz. Kara findet Ramón schließlich und bietet ihm an, in das leere Zimmer von Vince zu ziehen. Dort bekommt der eines Nachts Besuch von zwei merkwürdigen Fremden und ist kurz darauf wieder verschwunden. Über Ramóns Schwester Rahel führt seine Spur nach Paris, wohin Kara ihm folgt, als ihm klar wird, dass es diesmal ein Abschied für immer sein könnte - Ramón scheint plötzlich in Zusammenhang mit einem Terroranschlag zu stehen. Damit ist aber nichts Wesentliches verraten, denn in diesem Buch ist ohnehin nichts so ganz und gar wie es scheint.

Wer Deniz Ultus neuen Roman nur oberflächlich aufnähme, könnte Inhalt und Verfahrensweise womöglich missverstehen: als die Beschreibung einer Männerfreundschaft, an welche ein Sonderling anzudocken sucht, dekoriert mit ein paar wenig konturierten Frauengestalten, das Ganze vor den milieuhaft inszenierten sozio-pittoresken Kulissen von Berlin und Paris, eine ständige Überlagerung von Realität, Traum, Vision und Rückblick. Da hinein gestrickt ein zerstückelter Essay, gespickt mit wirtschaftswissenschaftlichen Formeln, die eine pseudophilosophische Definition des Wertes von menschlichem Leben zu entwerfen suchen. Und ein bisschen Thrilleralarm wäre am Ende auch noch dabei.

Aber das würde dem Buch nicht gerecht. Ja, "Gegen Morgen" ist ein relativ handlungsarmer Roman, und ja, sein poetisches Strickmuster braucht sich im Laufe der Lesezeit ein wenig ab. Dennoch gelingt es Utlu über weite Strecken, vor allem in der ersten Hälfte des Romans, durch eine minutiöse Beschreibung von scheinbar unwichtigen beobachteten Details eine unterschwellige psychologische Spannung aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Diese stützt er sehr geschickt durch sich gegenseitig durchdringende erzählerische Sphären von Gegenwart und Vergangenheit, Überblendungen von realen Wahrnehmungen und Imaginationen. Nie kann sich seine Leserschaft so ganz sicher sein, in welcher Ebene das Geschehen gerade angesiedelt ist. Das kann man als verwirrend und störend empfinden - oder aber als virtuoses artistisches (im Sinne Gottfried Benns) Instrumentarium. Es ist tatsächlich, über die gesamte Distanz des Buches gesehen, beides: ein Zeichen dafür, dass das Buch mit seinen etwa 270 Seiten erheblich zu lang geraten ist.

Ein immer wiederkehrendes Motiv sind die Hunde, die aus dem Nichts aufgetaucht durch die nur noch von Kara bewohnten Zimmer streifen: sie wirken wie Bindeglieder zwischen den Realitätsebenen, sind offenbar selbst nicht wirklich, denn sie nähren sich lediglich sporadisch von alten Brötchen und Blumenkohl, und fast ausschließlich Kara geht auf sie ein, streichelt sie, auch wenn andere Personen anwesend sind. Und doch fügen sie sich nahtlos in Szenen des diegetischen Hier und Jetzt. So überzeugend ist die Parallelität von Traum und Wirklichkeit, die eigentliche Unauflösbarkeit ihrer psychologischen Verbindung, selten literarisch inszeniert worden. Das Motiv der Hunde stellt, wie so vieles in Utlus Roman, Fragen an die Leserschaft: manifestiert sich in ihnen das Hündische von Ramóns Anhänglichkeit? Stehen auch sie für das Verdrängte als solches? Worin besteht denn das Verdrängte? Es gibt Anhaltspunkte, dass es nicht nur um verpasste Freundschaft gehen könnte, sondern unterschwellig auch um eine uneingestandene latente Homosexualität des Ich-Erzählers, wenn sich etwa mitten in eine Kuss-Szene zwischen Kara und Nadia unvermittelt und unkommentiert Ramóns Gesicht schiebt, oder der geheimnisvolle Besucher Ramóns Kara in einem Moment größter Erschöpfung körperlich nahe kommt und ihm den Kopf streichelt: "Ich will nicht, dass dieses Gefühl je aufhört, denke: berühre mich noch einmal an der Stelle, aber kaum habe ich das gedacht, spüre ich seine Finger an einem anderen Punkt [...]".

Eine weiteres Motiv schiebt sich immer wieder in die Lektüre, das der volkswirtschaftlichen Lebensberechnung. Mit immer neuen Formeln wartet Utlu auf, die freilich mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten: "War unsere Freundschaft Teil der versunkenen Kosten für Ramón? Wie viel hatte er in uns investiert, in Vince und mich? [...] Was davon muss er heute noch in sich tragen? Welchen Nutzen hat das Leben für ihn? Und der Tod? Wenn wir uns den Nutzen (U) des Lebens als eine Kurve vorstellen, ist ihre Steigung (δU/δL) dann positiv oder negativ? Nimmt der Nutzen mit einer zusätzlichen Einheit Leben zu oder ab? U(L); mit δU/δL > 0 oder  δU/δL < 0?" Das ist einerseits faszinierend, aber auch irgendwann redundant, und wenn Utlu dann schließlich auf Seite 248 zu der Erkenntnis kommt: "Der Versuch, das Leben zu optimieren, es als Optimierungsproblem zu formulieren, ist bereits eine Entfernung vom lebendigen Leben" kann man sich des Gedankens nicht erwehren, das diese Quintessenz auch auf weniger Umwegen zu haben gewesen wäre.

Einige Fäden des Plots bleiben lose Enden, erlauben die persönliche Leseinterpretation in verschiedene Richtungen. Berührende Szenen, ernsthafte Fragen nach dem Leben und seinen Bedingungen machen "Gegen Morgen" durchaus zu einem lesenswerten Buch, dass vor allem eines gerade nicht versucht: allgemeingültige Antworten zu geben, wie sie Volkswirtschaft und Wirtschaftswissenschaften formulieren. Utlus eigene Studienerfahrungen konsequent an den Lebenserfahrungen zu messen ist ein achtbares Unterfangen, dass letztlich vor allem an seiner Konzeption als Roman scheitert: verknappt auf das Wesentliche und als längere Erzählung angelegt auf hundertzwanzig Seiten wäre sein literarisches Konzept vielleicht wirkungsvoller gewesen.

Deniz Utlu
Gegen Morgen
Suhrkamp
2019 · 269 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42898-6

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