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Kritik

Wir sind ja nicht zum Spaß hier

Deniz Yücels gesammelte Texte – von Silivri nach Almanya
Hamburg

Heute vor genau einem Jahr wurde Deniz Yücel in Istanbul inhaftiert. Das ist eine ziemlich große Scheiße, um es mal vorsichtig zu formulieren. Nicht nur weil Möchtegernsultan Recep Tayyip Erdogan bei seiner Freilassung das letzte Wort hat und er, wie es versierte Geiselnehmer so tun, schon versucht hat, Deniz gegen ein paar nach Almanya geflüchtete Offiziere einzutauschen, denen er irgendwas mit Putsch vorwirft – wie auch rund 60.000 anderen, die aus politischen Gründen in Haft sind. Und immer wenn Tayyip wieder von den Osmanen schwafelt, möchte man ihm dringend ein Geschichtsbuch in die Hand drücken – oder einen Text von Deniz.

Denn ein paar dieser Texte sind der offizielle Grund für seine Inhaftierung in Silivri – es heißt, die Intellektuellendichte dort sei höher als bei jeder guten Tageszeitung. Kein Wunder bei 160 einsitzenden Journalisten. Da können auch Iran und China nicht mithalten. So ist das im Land mit „der freiesten Presse der Welt“ (O-Ton Erdogan).

Gut ist: Diese und viele andere Texte aus den letzten dreizehn Jahren zuzüglich einiger aus dem Knast herausgeschmuggelter Texte kann (und sollte!) man jetzt gebündelt nachlesen: Deniz Yücels langjährige gute Freundin und Kollegin Doris Akrap hat in Abstimmung mit ihn die Sammlung „Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte“ zusammengestellt. Sie erscheint heute bei Nautilus:

Alle, die ich hier im Gefängnis kennengelernt habe – kurdische Aktivisten, Makler, Katasterbeamte, festgenommene Richter und Polizisten, Gangster – alle haben mir gesagt: „Du musst das aufschreiben, Deniz Abi.“ Ich habe gesagt: „Logisch, mach ich. Ist schließlich mein Job. Wir sind ja nicht zum Spaß hier.

Wenn man in zwanzig Jahren fragen wird, was die Türkei kurz vor ihrem Gründungsjubiläum vorwiegend produziert hat, wird es heißen: Gefängnisbücher. Der ehemalige Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar hat eins geschrieben, der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli, den Tayyip bis nach Spanien verfolgen ließ, nachdem er schon in den Siebzigern, Achtzigern und Nullerjahren das zweifelhafte Vergnügen türkischer Gardinen erlebte. Und nun Deniz Yücel. Er wird nicht der letzte sein in dieser Reihe. Und auch in den Jahrzehnten davor waren Gefängnisbücher ein Zeichen dafür, wie viel Schiss der Staatsapparat vor seinen Intellektuellen hatte. Orhan Kemal. Nazim Hikmet. Man könnte jetzt eine beachtliche Liste aufmachen. You get it... kaum ein ernstzunehmender Journalist oder Schriftsteller, der nicht schon mal gesessen hat oder zumindest mit absurden Anklagen vor den Kadi gezerrt wurde.

Das vorliegende Buch ist ein Ritt durch Deniz Yücels Arbeit. Es geht um die Türkei, um deutsche Ausländerdebatten, um Journalismus, Biokoks, Mülltrennung und Islamismus, um durchgeknallte Betonlinke ebenso wie um die Pegida-Deppen, um alles von DKP bis FDP und darüber hinaus. Und jeder, wirklich jeder einzelne dieser Texte ruft in Erinnerung, warum man ihren Autor seit einem Jahr so schmerzlich vermissen muss. Seinen Humor und seine Ernsthaftigkeit, seine Polarisierung und Differenzierung, seine Bissigkeit und Hartnäckigkeit und nicht zuletzt seinen Perfektionismus wenn es darum geht, Texte zu formulieren, die genau die richtigen gegen ihn aufbringen und allen anderen etwas geben, woran man sich reiben, sich fetzen kann. Es sind Texte, denen kopfnickende Zustimmung zuwider ist, die einen Kontrapunkt zu allem Glatten und Gefälligen setzen.

Man will einfach wissen: Was würde Deniz schreiben zum GroKo-Theater, zu den Möchtegern-Goebbels-Ausfällen aus der braunen Bundestagsfraktion oder zu Heimatminister Seehofer? Heute vor genau einem Jahr wurde Deniz Yücel in Istanbul inhaftiert. Das ist auch deshalb eine ziemlich große Scheiß, weil wir in Almanya zwar ein paar verflucht gute und eine Armee ziemlich lausiger Journalisten, aber keinen zweiten wie Deniz Yücel haben.

Eines aber macht dieses Buch deutlich, so wie auch die Bücher von Dündar, Akhanli und all den anderen: Es ist eine unfassbar dumme Idee, zu versuchen, Stimmen zum Schweigen zu bringen. Es funktioniert nicht. Nicht mehr heute in einer vernetzten globalisierten Welt. Und es wird auch nie wieder funktionieren. Genau genommen geht es mit Karacho nach hinten los. Gut so! Und dennoch: Jeder einzelne Tag, den Deniz Yücel in Haft verbringt, ist ein Tag zu viel. Jede verdammte Minute ist eine zu viel.

Deniz Yücel · Doris Akrap (Hg.)
Wir sind ja nicht zum Spaß hier / Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte
Mit einem Vorwort von Doris Akrap
Edition Nautilus
2018 · 224 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-96054-073-1

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