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Kritik

Wirklich schöne Gedichte, ohne aber

Hamburg

Mit dem 2019 erschienen Lyrikband „wirklich schöne gedichte, aber“, das vom zuckerstudio waldbrunn in Berlin herausgegeben wurde, legt Dennis Mizioch sein Debüt vor. Beim zuckerstudio handelt es sich um ein Literaturlabel in Berlin, das auch zuvor bereits interessante und sehr gelungene Erstlingswerke von bislang noch unbekannten Autoren herausbrachte. Im Bereich Lyrik ist neben Dennis Mizioch auch die Künstlerin und Dichterin Lorraine, die dort ebenfalls ihren ersten Gedichtband veröffentlichte und den vorliegenden Band illustriert hat, als Autorin hervorzuheben, die es längst verdient hätte, zu einer größeren Öffentlichkeit zu finden.  Neben Romanen erscheinen im zuckerstudio schmale Bücher, vom Umfang her vergleichbar mit Veröffentlichungen in Adrian Kasnitz‘ parasitenpresse. Um solch einen schmalen Band handelt es sich auch bei dem Debüt von Dennis Mizioch, das 16 Gedichte aus den vergangenen Jahren enthält.

  Blick ins Buch, Illustration Lorraine

Der Titel des Bandes ist seinem gleichnamigen Gedicht entnommen, das gleichermaßen Teile der Poetik skizziert, wenn es heißt:

wirklich schöne gedichte, aber
dazwischen bist immer noch du
streifst dir den cardigan
von den schultern, deine
pupillen viel zu klein
für das verspielte grinsen
als ein windstoß
meine gebannten worte
vom tisch fegt, nur
das letzte hältst du fest
[…]

Es ist auffällig, wie oft in Miziochs Gedichten von einer Vermischung zwischen äußerer Erfahrungswelt und Poesie oder Sprache im Allgemeinen die Rede ist. Wie bei Brinkmann finden die Bereich Wahrnehmung, Versprachlichung von Wahrnehmung und Alltagsstimmungen/-beobachtungen zu einer Poetik zusammen. Das Leben, die Beobachtung und die Sprache koexistieren beim lyrischen Ich dieser Texte stets gleichberechtigt nebeneinander und bilden Grundpfeiler einer eigenen Lebensart. Dabei wird die Poesie manchmal durchaus resignativ betrachtet:

ich kann keine familie gründen
mit meinen gedichten und dir.

Sie ist aber auch Erinnerungsmedium für ein Ich und ein Du, das sich in der realen Welt voneinander entfernt hat. Nur auf dem Papier, also auf der weißen Fläche, die von allem, was zuvor geschehen ist, unberührt bleibt, können sich die Beiden noch begegnen:

wir werden uns nur noch
auf weißen Flächen begegnen

Die Dichotomie zwischen dem Ich und dem Du ist dabei nie gleichbleibend. Mal widerspiegelt sich in dem Du die große Liebe des Ichs, das dieses entweder nie erreichen kann oder das sich von ihm entfremdet hat, mal ist das Du eher ein passives Gegenüber, ein Redeanlass, etwas, das mit dem lyrischen Ich zusammen einen Raum bildet, in dem die Sprache in ausschweifenden Versbewegungen zu denken beginnt, dabei immer wieder Verwandlungen durchläuft. Vor allem in münzen werfen, dem meines Erachtens stärksten Gedicht des Bandes, ist das Du eher ein Ausgangspunkt für die intensiven und atemlosen Denk- und Suchbewegungen der Sprache:

münzen werfen
an einem schmierigen
sonntag im februar
mit athen in der zeitung
und oslo in deinen augen
jeder liest sie anders
deine augen. Und als ich vor jahren
in oslo aus dem auto stieg
gab es einen großen knall:
oslo dehnte sich aus
von dort wo ich stand
[…]
und wenn die münze
im sonnenlicht blitzt
das nicht da ist
sind wir leer
für eine sekunde sind wir leer
und es gibt nur den flimmernden punkt
der wie ein sonnenuntergang
auf deiner handfläche landet
und sich ausdehnt
wie tocotronics explosion sich ausdehnt
wie oslo sich ausdehnt
wie der atem in der luft sich ausdehnt
an einem schmierigen
sonntag im februar
mit münzen, die wie runen
auf deiner handfläche landen
mit münzen, die sich menschen
am brötchenstand reichen wie begrüßungen
mit münzen, die noch warm sind
von den körpern, die sie trugen
mit oslo in deinen augen
kalt und weit und fremd
mit gefühlen, die in der luft verlaufen
mit worten, die wie runen
auf dem papier landen
mit worten, die sich menschen
am brötchenstand reichen wie münzen
mit worten, die nicht warm sind

Es ist passend, dass die Titel der Texte gleichermaßen die ersten Verse bilden. Der Versuch, im Nachhinein eine konkrete Essenz in den Gedichten zu suchen, die sich zu einem Titel kondensieren ließe, täte dem Charakter der Texte, sich quasi im Prozess des Lesens nach und nach erst zu erschaffen, Unrecht. Neben kraftvollen und drängenden Versen wie den obigen finden sich in Miziochs Band aber auch ruhige Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben, fast Stimmungsbilder, wie z.B. knack&back sonntagsbrötchen, das auf sehr treffende Weise die Katerstimmung beim Frühstück nach einer langen Nacht einfängt und das mich in seiner Fokussierung auf einen für uns alltäglichen Gegenstand wie die Waschmaschine und in seinem sprachlichen Gestus stark an Brinkmanns Orangensaftmaschine erinnerte. Auch von Brinkmann inspiriert ist in seiner szenisch/filmischen Darstellung zuerst sind die schatten und, die szenische Darstellung einer Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und einer Frau auf einem Fahrrad, das in dem Bild und asphalt eine leinwand schatten mündet.

Trotz der Traditionslinie hatte ich aber nie den Eindruck, eine Brinkmann-Kopie zu lesen oder die Gedichte mit dem Begriff Neue Subjektivität labeln zu wollen. Das dem Beat nahestehende Lebensgefühl, das durch diese Verse weht, ist authentisch und modern. Ein großartiger Band eines Autoren, der schon lange mehr Bekanntheit verdient hätte.

Dennis Mizioch
wirklich schöne gedichte, aber
zuckerstudio waldbrunn
2019 · 40 Seiten · 9,00 Euro
ISBN:
9783748579175

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