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Kritik

Den Sprichwörtern auf die Schliche kommen

Was haben uns die „Adagia“ des Erasmus von Rotterdam zu sagen?
Hamburg

Die AfD hat eine Stiftung. Nein, eigentlich zwei. Aber da gibt es Streit. Auch wenn die Stiftungen ja eh „nur“ „parteinah“ sind. Die, für die Alice Weidel ist, hat sich jedenfalls nach einem gewissen Desiderius Erasmus von Rotterdam benannt. Und man kann sich jetzt fragen, warum das so ist. Die Stiftung sagt, weil Erasmus gegen Zensur war und den Machthabern seiner Zeit misstraute. Man kann vermuten, sie meinen „Lügenpresse“ und „Establishment“. Und als jemand, der Europa bereiste, entwickelte Erasmus

„anspruchsvollere Vorstellungen von den kulturellen Werten gewonnen, für die Europa stand und stehen sollte.“

Weil man diese Werte, die in der Begründung der Namensgebung nicht wirklich ersichtlich werden, teilt, heißt man jetzt eben so.

Wolfgang Hörner und Tobias Roth vom Verlag Das Kulturelle Gedächtnis wollen Erasmus‘ Namen vor der Befleckung durch rechts retten. Das wird mit einer schmalen Publikation versucht, die den Titel „Der sprichwörtliche Weltbürger“ trägt und eine Auswahl aus den „Adagia“ Erasmus‘ beinhaltet, einer Sammlung von Sprichwörtern samt Kommentaren, die vor über 500 Jahren erstmals erschien. Darin sind Sätze, die man schon aus der Schule (Nosce te ipsum/ Erkenne dich selbst) oder Fußballmannschaft kennt (Unus vir nullus vir/ Einer ist keiner). Aber auch Einsichten, zu denen man wohl erst später im Berufsleben schmerzlich kommt (Divitae non semper optimis contingent/ Reichtum fällt nicht immer den Verdienstvollen zu) oder Vorwürfe, die man sich vielleicht einmal geschworen hatte, nie selbst in einem Streit zu äußern (Elephantum ex musca facis/ Aus einer Mücke einen Elefanten machen).

Im Vorwort erläutern Hörner und Roth Erasmus‘ Denken und Leben deutlich fachkundiger als die AfD-Stiftungsseite. Erasmus begehrte ein „Weltbürger“ zu sein. Er lehnte alle Bürgerrechte, die ihm als bekannten Gelehrten und Bibel-Übersetzer angetragen wurden, ab. Stolz schrieb er, der in Zeiten großer konfessioneller Konflikte lebte, um seiner Freiheitsliebe willen, nie einer Partei angehören zu wollen. Das Vorwort schließt mit dem Verweis auf die Bibliothek von Venedig, deren Ausstattung dadurch zustande kam, dass Griechen, die vor den Osmanen aus ihrer Heimat flohen, dort Zuflucht fanden und durch ihr Wissen, ihre Bücher sowohl Erasmus’ Werk ermöglichten als auch die Renaissance damit in Gang setzten. Zwei Sprichwörter über Flüchtende gibt es auch in der vorliegenden Auswahl. Aber ebenso eine Auslegung zum „Hostes domesticus/ Der innere Feind“, bei dem es sich Erasmus zufolge einfach „um einen Schwätzer handelt, der ununterbrochen redet und dabei alles liefert, womit man ihn widerlegen kann.“

Erasmus war zweifelsfrei ein großer Philologe. Aber etwas einseitig ist seine Darstellung in diesem Bändchen dann schon. Keine Erwähnung im Vorwort findet sein philologisch nachweisbarer Antisemitismus. Erasmus‘ Pazifismus ist zudem nicht gleichzusetzen mit Kritik an Gewalt, die von (wie auch immer legitimierten) Herrschern ausgeht. Erasmus ging es um „Ausgleich“: Wann bedeutet das aber schlicht Befriedung, Entsagung bei anhaltender Not? Hinterfragen lässt sich auch die Charakterisierung des Lateinischen von Hörner und Roth:

„Es ist die überzeitliche Sprache der Kunst und Kultur, die keinen Alltag kennt, keinen Territorien verpflichtet ist, keine Tagesbefehle annimmt.“

Aber trotzdem ist es eine, in der befohlen wurde — zum Beispiel, Territorien zu unterwerfen, wo Kunst und Kultur wohl gedieh, aber auch nicht von selbst:

„Haben die Könige die Felsbrocken selbst herbeigeschleppt?"(Brecht)

Es ist Sprache einer der mächtigsten Institutionen der Welt, die unterm Deckmantel des Glaubens reelle machtpolitische Interessen verfolgt. 

Trotzdem ist es gut, den Erasmus zur Hand zu nehmen. Nicht nur weil Goethe die „Adagia“ angeblich immer bei sich hatte. Sondern weil es sich bei den Sprichwörtern um eine Textart handelt, bei der es besonders auf die Leser ankommt.

„Wir sind im selben Boot“:

Ist das Aufruf zu nationaler Geschlossenheit oder eine Erinnerung daran, dass alle Menschen einer Zeit globalen Gefahren ausgesetzt sind? Und wann ist das Beschwichtigung über bestehende soziale Unterschiede hinweg. Sprichwörter zwingen gerade durch ihre schier endlose Interpretationsmöglichkeit dazu, Position zu beziehen. Dabei kann Erasmus helfen, da er den kurzen Sätzen auf die Schliche kommt, indem er ihren historischen Horizont bei Homer, Cicero und Konsorten eröffnet und so Verkürzungen vorbeugt

Schließen soll diese Rezension mit Anfang und Ende des Kommentars von Erasmus zu

„Lucri bonus est odor ex re qualibet“,

kurz: Geld stinkt nicht:

„Zweifellos witzig, aber trotzdem abscheulich ist dieser bekannte Ausspruch Vespasians. Als er in seiner schamlosen Habgier so weit ging, den Urin mit einer Steuer zu belegen, und sein Sohn ihm darob Vorhaltungen machte, dass er aus so einer ekligen Sache Gewinn ziehen wolle, hielt er ihm das bald darauf aus dieser Steuer eingegangene Geld unter die Nase und fragte ihn, ob es etwa stinke. (... Es folgen einige Stellen recht unverschämte Habgier bei den Klassikern ...) Es ist paradox, dass sich die Menge über Dichter und Schauspieler entrüstet, wenn sie einmal derartiges auf die Bühne bringen, statt dass sich jeder über sich selbst entsetzt, weil er im Leben Dinge tut, deren bloße Erwähnung auf der Bühne er nicht ertragen kann.“

Desiderius Erasmus von Rotterdam · Wolfgang Hörner (Hg.) · Tobias Roth (Hg.)
DER SPRICHWÖRTLICHE WELTBÜRGER / Eine Auswahl aus den ADAGIA
Übersetzt von Tobias Roth und Theresia Payr
Verlag Das Kulturelle Gedächtnis
2018 · 96 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-946990-28-4

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