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Kritik

Muhfriedene Quasselasseln

Ein Band mit zeitgenössischen Tiergedichten für Kinder macht Lust auf Sprachspiele aller Art
Hamburg

Was gibt es Aufregenderes, als ein Kinderbuch – gerade vom Postboten überreicht und schnurstracks, das heißt RITSCHRATSCH mit vereinten Mama- und Kinderhänden aus dem Umschlag befreit – aufzuklappen und mit dem erwartungsvoll einem auf den Schoß kletternden Kind zu testen? Ist es was fürs Kind? fragt sich die Mutter. Ist das was für mich? fragt das Kind. Lässt sich schon mal gut aufschlagen, klappt nicht gleich wieder zu, das Papier stinkt nicht und muss nicht vorsichtig geblättert werden – Test eins bestanden. Es gibt Bilder!, und da, auf Seite 72, Hallelujah!, sogar ein ROTES Auto. Test zwei fröhlich hupend absolviert.

Nun aber die Texte. Die Mama weiß noch nichts, muss mit flinkem Auge Probe lesen, das Kind sucht nach weiteren Lieblingsdingen und -tieren, denn ja, es gibt viele Tiere, handelt es sich doch um ein Tiergedichtkinderbuch, von namhaften deutschsprachigen Lyriker*innen bei einem Wochenendworkshop mit logistischer, finanzieller und ideeller Unterstützung der Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Internationale Jugendbibliothek sowie der Stiftung Lyrik Kabinett zusammengereimt.

So kommt es zwischen Kind und Mutter zu wildem Hin und Her über und mit dem Buch. Hierhin, dahin blättern, die Illustrationen belachen, ein, zwei Verse vorlesen – das Flohgedicht zum ROTEN Auto eignet sich leider gar nicht, denn es kommen zu viele fernfrühkindliche Begriffe vor: fidel, München, Hofbräuhaus, Bierschaum … Und „Fasching im Tierpark“ – das ist ja erst was für Zehnjährige, so ein raffinierter Witz, die Bilder dazu gefallen aber auch dem Kind, und Mamagei versteht sogar schon der Zweieinhalbjährige (der viel Humor hat und Papageien liebt, seit er einen echten im Friseurladen kennenlernen durfte).

Großartig kommen beim kleinen Betrachter und Zuhörer alle Gedichte an, die lautmalerisch sind, die „Quasselasseln“ von Ulrike Almut Sandig zum Beispiel, die genau das machen, was wir beide mit am besten können, nämlich „massenhaften Quatsch zu quasseln“ und dabei viel zu reimen à la „Quatsch im Matsch“. Und Wortneuschöpfungen fallen auf fruchtbaren Mama-Kind-Boden, mit viel a und e und u und i, fliegen sie auch bei uns täglich ein und aus, durchaus japanisch angehaucht, schnuckipuki, akipukipaki, schnuffelpuffelt und knödelblödelt es vom Frühstück bis zur Nachtflasche. Schon meine Mutter hatte und hat eine große Vorliebe und viel Talent für Suchtabenstauch und Vakolwechsel, und ich merke, ich habe das geerbt oder gelernt, weshalb mir das Gedicht vom „Kätroppchen und dem wösen Bolf“ von Mathias Jeschke natürlich sofort gefällt. Für den Kleinen ist das aber noch zu schwer, denn Jeschke tauscht nicht nur bei den Hauptwörtern, sondern auch unter Artikeln, Partikeln und Verben eifrig, was die Sache ganz schön schwierig macht (und unverstehbar, wenn man noch nicht selbst mitlesen kann). Wir blättern weiter und entdecken die „Stubenfliege“, gleichfalls von Mathias Jeschke, die auf der Gartenliege des grünen Krabbelkäfers faulenzt und partout nicht ins Zimmer zurück will, soviel der sie auch anpöbelt. Die Bilder von Nadia Budde passen herrlich. Und dann kommen sie, die Wesen, die uns bis jetzt gänzlich unbekannt waren, jedenfalls für sich genommen, aus Gesichtern weggeschwommen.

BARTAGAME! Schon mal von ihnen gehört? Erfunden hat sie Arne Rautenberg, der das ganze Projekt von Lyrikerseite aus koordiniert und, jedenfalls in meinen Augen, auch die schönsten, überraschendsten, kindgerechtesten, poetischsten Gedichte beigesteuert hat. Die BARTAGAME leisten das, was zur derzeitigen Sprachspielstufe meines Kindes am besten passt: Eine geheimnisvoll-aufregend klingende Wortneuschöpfung, die der Gattung des Lebendigen zugeordnet ist und Sachen hat und macht, die sich auf den eigenen Namen reimen, der sich verändern lässt und dadurch noch lustiger und aufregender wird (BARTAGEIME, das Drä-Chinösen-Prinzip). Arne Rautenberg verwendet kurze Verse mit Paarreim, das kommt, wie auch Haufenreime, bei Kleinkindern sehr gut an, und er wiederholt bereits Gesagtes in leichter Variation, auch das ein Erfolgsrezept. Bei anderen Gedichten habe ich so meine Zweifel, ob sie von Kindern, auch größeren, gut aufgenommen werden: Sie sind nicht überraschend genug, wenden sich mit ihrem Sprachwitz eher an Erwachsene oder sind zu nachdenklich, melancholisch, erwachsenenweltverhafet. Dass auch solche Stimmungen durchaus in Kindergedichte passen, beweist der bereits gerühmte Arne Rautenberg. In seinem Gedicht „Wälzende Islandponys im Schnee“ (aber müsste es nicht „SICH wälzende ...“ heißen?) hält er wunderbar Balance zwischen Sehnsucht, Kälte, Wärme, Geborgenheit, Autonomielust, Träumerei:

    islandponys im
    fallenden schnee
    wie schön ist
    was ich seh

    wie sich islandponys
    auf den rücken legen  
    strampelnd die beine
    in flocken bewegen

    da sagt mir mein rücken mein bauch
    kann ich nicht auch
    so frei und so rein
    wie ein islandpony sein?

Die Illustrationen sind fast durchgehend überaus gelungen, und wenn es mal eine Doppelseite ohne sie gibt, fällt einem erst so richtig auf, wie wichtig sie für die Aufnahme der Gedichte sind. Im Vierzeiler von Heinz Janisch, „Am See“

    Gestern, beim Spazierengehen
    hab ich einen Schwan gesehen.
    Er glitt ans Ufer, ganz leise,
    und wünschte mir eine gute Reise.

macht erst die Tuschezeichnung von Regina Kehn aus dem lyrischen Ich einen alten Hasen mit Rollator – warum, erschließt sich mir allerdings nicht. Und der „Muhfrieden“ (wiederum von Arne Rautenberg) wird, bei meinem Kleinen jedenfalls, vorerst nicht Blätterliebling werden, da er bilderlos blieb. Wie schade!
    

    muhhause ist da wo die kuh wohnt
    wo alle kühe muhsammen lachen
    sich muhgeständnisse machen
    hörst du mir muh! hör ich dir muh!

    muhhauf stehen also die riesen
    kauen muhfrieden auf wiesen
    nur beim muhbettgehen gibt’s etwas ruh
    da fallen der kuh die augen muh

Aber natürlich darf man das Buch weiterdichten und -malen. Wenn da also auch bei Ihrem Exemplar muhhause, auf Seit 57, demnächst eine Herde schlafender Kühe auftaucht, bitte nicht wundern.

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (Hg.) · Stiftung Internationale Jugendbibliothek (Hg.) · Stiftung Lyrik Kabinett München (Hg.)
EIN NILPFERD STECKT IM LEUCHTTURM FEST – TIERGEDICHTE FÜR KINDER
KINDERBUCH | MICHAEL AUGUSTIN, TANJA DÜCKERS, HEINZ JANISCH, MATHIAS JESCHKE, ARNE RAUTENBERG, ULRIKE ALMUT SANDIG | NADIA BUDDE, JULIA FRIESE, REGINA KEHN, MICHAEL ROHER (ILLUSTR.)
Mixtvision
2018 · 121 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-95854-126-9

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