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Kritik

Maisie Williams als Teiresias!

Hamburg

"Der Schnitt durch die Sonne" ist ein Roman von Dietmar Dath (schon wieder einer!), und eigentlich ist damit alles Wissenswerte gesagt:

Es gibt erstens wieder ein völlig abgedrehtes Setting, das uns gerade seiner Abgedrehtheit wegen zu besonders eifriger suspension of disbelief reizt; dieses Mal hat es mit intelligenten Sonnenstürmen (oder Sonnenwirbeln? Magnetstürmen? Plasma…dingern? Ich bringe die Nomenklatur durcheinander) zu tun, die mit einigem Aufwand Bewusstseinsabbilder ( … wiederum: Nomenklatur …) zwischen Sonne und Erde hin und her beamen.

Es gibt zweitens die gewohnte Dath'sche Erzählhaltung – nennen wir sie 'science fiction als sozialistischer Realismus', oder umgekehrt – welche plausible, dreidimensionale Figuren in jenes abgedrehte Setting pflanzt, wobei die Plausibilität kaum (also: schon, aber verkraftbar wenig) dadurch geschmälert wird, dass sich jede dieser Figuren gerade ein bisschen gar zu reflektiert zur eigenen psychosozialen – also: klassenmässigen – Typologie verhält. Will sagen: Sie sind alle so aufreizend un-neurotisch, höchstens mal 'gestört' wegen etwelcher Umstände, die Figuren bei Dath1, dass es (mir) jedes Mal entsprechend schwer nachvollziehbar scheint, warum gerade diese Figuren in gerade diese Art allzeit-prompter Selbstanalyse eingeübt sein sollen.

Es gibt drittens wieder ein theoretisches Problem, das innerhalb der Fiktion für die realen Bruchstellen der letzten hundert Jahre marx'scher Theorie und fortschrittlicher Praxen einsteht, also Anlass bietet zur literarischen Nachbearbeitung der Frage, warum zum Geier die Sowjetunion trotz der Überlegenheit ihrer philosophischen Grundlage den kalten Krieg verloren hat. Erneut ärgert sich der Rezensent in diesem Zusammenhang, dass er diese wunderbar zitable Stelle im "Implex" (oder war's "Klassenkampf im Dunklen"?) nicht wiederfindet, wo Dath von Genreliteratur sinngemäß sagt, sie biete diese besondere Möglichkeit, ein Phänomen zugleich metaphorisch und als realen Gegenstand vorkommen zu lassen, wobei man beide Ebenen gegeneinander stellen könne … und das aber besser und erhellender sagt, als ich es hier erinnere.

Viertens die unvermeidlichen Stelle, an der Daths Figuren unvermittelt Kenntnisse in höherer Mathematik auspacken, die wir ihnen beim Lesen einfach mal glauben wollen; und fünftens die stolz ausgestellte Ahnung des Romanciers von den entlegeneren Winkeln der Popkultur.

Alles beim fortschrittlich Alten also in Dathland. Es mag sich nun der geneigte Leser fragen, warum wir den "Schnitt durch die Sonne" dann überhaupt noch lesen sollen, da wir das geschilderte Muster in "Abschaffung der Arten", "Venus siegt" (in der Neuausgabe mit 150 Seiten zusätzlich), "Feldeváye", "Pulsarnacht" und "Leider bin ich tot" schon mit Variationen kennengelernt haben. Und wir können dem antworten: Weil es funktioniert, das Muster. Was Dath in seinen Romanen macht, ist nicht weniger, als eine Vorstellung davon aufrecht zu erhalten, was die deutschsprachige Literatur sein könnte, wenn sie sich denn tatsächlich mal dazu entschließen würde, auf der Höhe ihrer Mittel und ihrer Theoriegeschichte unterhaltsam zu sein und auf irgendwas Wirkliches hinauszuwollen. Es ist keine Mühe, diesen Figuren folgen zu wollen, und wir erkennen sowohl identifikatorisch als auch distanziert-theoretisch (dh. in Bezug auf die soziale Wirklichkeit, die wir bewohnen), warum uns, was sie erleben, etwas angeht – und das, obwohl sie (wie angedeutet) gelegentlich dazu tendieren, miteinander in sokratischen Lehrdialogen zu reden. Ob wir diese verwunderliche Glaubwürdigkeit dann unter "Verführungskraft des abgedrehten Szenarios" verbuchen, oder doch unter allzu parteilicher Rezeption unsererseits – ausgehungert, wie wir sowohl nach lesbarer deutschsprachiger science fiction als auch nach äh sozialistischer Unterhaltungslektüre sind – steht auf einem anderen Blatt.

Gegebenenfalls schwierig an gerade diesem Dath-Roman ist vielleicht die sozusagen messianische Qualität des "Koronakinds" (selber lesen!) – die Parallele, die zu ziehen wir zwischen den Zeilen eingeladen werden, von christlich-messianischer Heils- und lenin'scher Staatslehre; der Abgleich materialistischer Geschichtsauffassung mit religiös-geschichtlichen Teleologien, der zwar diskursiv durchgekaut wird, aber als Thema erstmal herumsteht. Diese religiöse Unterton rührt natürlich daher, dass "Der Schnitt durch die Sonne" deutlich  monomythischer, "epischer" gestrickt ist als frühere Romane von Dath … was wir uns wiederum als Schattenseite des an sich erfreulichen Umstands denken dürfen, dass Dath sich beim "Schnitt durch die Sonne" dem einen oder anderen Schnitt durch den Text von Seiten des Lektorats gebeugt zu haben scheint. Im Gegensatz zur "Abschaffung der Arten" setzt der Text nicht mit ca. 150 Seiten Aufwärmübungen für Autor und Leser ein, sondern tatsächlich gleich mal mit dem Plot, und mit ihm endet er auch, statt noch ein paar Schleifen um die durchschnittene Sonne zu drehen.

Ja doch, "Der Schnitt durch die Sonne" darf, kann und muss unumwunden empfohlen werden, vielleicht sogar als Einstiegsdroge für bislang mit Dath unvertraute Zeitgenossen; und wenn es jemals eine Verfilmung gibt, dann bitte mit Maisie Williams als Teiresias.

  • 1. mit Ausnahme des Icherzählers in den Salzweißen Augen, aber das zählt ja fast nicht mehr
Dietmar Dath
Der Schnitt durch die Sonne
S. Fischer
2017 · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-10-397306-8

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