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Kritik

Wenn man zerbricht

Hamburg

In der Landwirtschaft ist der Begriff Brache seit Jahrtausenden bekannt. Anweisungen für das Nichtbestellen eines Ackers finden wir schon im Alten Testament, nämlich im 3. Buch des Mose, „Das Buch Levitikus“ genannt, in dem es über „Das Brachjahr“ heißt:

Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen, sechs Jahre sollst du deinen Weinberg beschneiden und seinen Ertrag ernten. Aber im siebten Jahr soll das Land eine vollständige Sabbatruhe zur Ehre des Herrn halten: Dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden. Den Nachwuchs deiner Ernte sollst du nicht ernten, und die Trauben deines nicht beschnittenen Weinstocks sollst du nicht lesen. Für das Jahr soll es ein Jahr der Sabbatruhe sein. (Die Bibel, Einheitsübersetzung, Lev 25, 3-5)

Die Verdoppelung des Worts „Sabbatruhe“ verstärkt die Wichtigkeit der Ruhe für landwirtschaftlich genutzte Böden, die diese zur Erholung brauchen. Ein Jahr den Acker nicht bestellen, ein Jahr lang Pause, keine Ernte, kein Ertrag. Es ist ein kultisches Gebot, mit dem Nährstoffspeicher Erde sorgsam umzugehen, das Auslaugen des Bodens zu verhindern, um dessen Ertragsfähigkeit zu sichern. Es gibt auch noch andere Formen der Brache, etwa die Zerfalls- und Trümmerbrachen. Sie entstehen nach dem Ende der Nutzung von Industrieanlagen, Häusern, Straßen usw. Oft liegen diese brach, verwittern und werden von der Natur allmählich zurückerobert. Durch zufällig eingetragene Samen und beeinflusst von lokalen Bedingungen bilden sich über Jahre unterschiedliche Ruderalvegetationen aus. Ruderal- wiederum leitet sich vom lateinischen Wort rudus, ruderis (Schutt, zerbröckelnder Stein) ab. Womit, so scheint es, noch kein Wort über den aktuellen Lyrikband von Dilek Mayatürk gesagt wurde, der den schlichten Titel „Brache“ trägt, doch wir sind bereits mitten in der Atmosphäre der Gedichte und deren Dringlichkeit.

Was sind Gedichte anderes als eine Operation am offenen Herzen?
Vor aller Augen
Und es ist dein eigenes Herz.

Die türkische Dichterin wurde 1986 in Istanbul geboren, studierte Soziologie, ist Dokumentarfilmerin und –produzentin. Als Dichterin debütierte sie 2014 mit ihrem Lyrikband „Cesaret Koleksiyonu“ (Mutsammlung). Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie hingegen nicht als Künstlerin, sondern als Partnerin von Deniz Yücel bekannt. Der deutsch-türkische Journalist und Publizist saß 2017/18 ein Jahr lang wegen angeblicher Terrorpropaganda in türkischer Untersuchungshaft, wurde der Beleidigung des türkischen Präsidenten sowie des türkischen Staates bezichtigt. Mayatürk und Yücel heirateten im April 2017 im Gefängnis und leben heute zusammen in Deutschland.

Wie viel Angst musste ausgestanden, wie viel Sorge getragen, wie viel Mut, wie viel Ringen um Würde Tag für Tag aufgebracht werden, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr? Und zuvor? Wie war es, als Mädchen, als Teenager in der Türkei in einer patriarchalen Gesellschaft mit ihren vielen Tabus aufzuwachsen? Das Gedicht „BILD“ gibt aus heutiger Sicht Auskunft mit knapper, nüchterner Sprache:

Ich sehe mein Elternhaus vor mir
Meine Kindheit und meine Jugend
Springen Hand in Hand
Aus dem Fenster.

Dieser Sprung ist der Traum einer Flucht aus den Verhältnissen. Mayatürks zweiter Gedichtband aber spricht über Widerfahrungen und damit einhergehende existentielle Krisen, vor denen man nicht weglaufen kann. Sie stellt Leiden und Leid in den Mittelpunkt, blickt auf den Schmerz, ohne auszuweichen oder abzuschweifen, und lässt immer wieder Cesaret/Mut aufblitzen. Die Gedichte sind in den Jahren 2004 bis 2020 entstanden. Aufgenommen und für diese Zusammenstellung überarbeitet wurden auch Texte ihres ersten Buchs. Der aktuelle Band ist zweisprachig, die Texte hat Achim Wagner aus dem Türkischen übersetzt. Es liegt nahe, das Ich der dunkel getönten Gedichte zumeist als autobiografisches und nicht als lyrisches Ich zu begreifen, doch es ist letztlich einerlei, weil es nichts an der Brisanz ändert und sie über das Einzelschicksal hinausweisen. Dies wird akzentuiert etwa im Gedicht „Besucherinnen“:

Es gab Frauen
Nach drinnen trugen sie saubere Wäsche
Nach draußen Tränen.

...

Es gab Frauen.
Es gibt Frauen.

Das Gedicht erzählt von der Schicksalsgemeinschaft von Frauen, die ihre Liebsten im Gefängnis besuchen, und trägt als einziges dieses Buchs eine Widmung, nämlich „Für Yonca Verdioğlu“, die Ehefrau des investigativen Journalisten Ahmet Şik, der sich zur selben Zeit wie Deniz Yücel in Untersuchungshaft befand.

Das Ich der Gedichte dieses Buchs erzählt von tiefen Verletzungen, von Variationen des Leids, das ertragen werden muss.

Wie gerne würde ich unsre Wunden der Zeit überlassen

heißt es im Gedicht Tarnung, in dem sich das Ich zur Anwältin der Trauer erklärt. Aber ist sie das? Aufgabe einer Anwältin wäre es vermutlich, eloquent die Trauer zu verteidigen. Das tut Mayatürk nicht. Am Ende steht bei ihr nicht der Triumph der Trauer, nicht deren Sieg. Doch die Trauer ist allgegenwärtig und die Lyrikerin führt auf eindrückliche Weise in immer neuen Anläufen vor, was Verwundungen anrichten und wie tief, wie nachhaltig Leid versehrt.

Vermissen,
es nimmt dir die Kraft, es nimmt dir den Mut.

Womit wir beim Titel des Buches wären, „Brache“, ein Wort nur, ohne Artikel. Es hätte auch Brachliegen heißen können, in der Verknappung entspricht es der präzisen, auf das Wesentliche konzentrierten Sprache der Gedichte. „Ich bin eine Vertriebene aus der Vergangenheit“ heißt es einmal, vertrieben aus allem, was festgefügt schien, auch aus der Sprache vertrieben. Was folgt ist ein Zustand völliger Erschöpfung, die körperliche und seelische Brache einer Fatigue, weil das Erlebte zu lange über das Ertragbare hinausging. Es ist eine andere Art von Sein, ein noch nie empfundenes Gefühl der Macht- und Kraftlosigkeit, das unbegreifbar ist und noch nicht in Worte gekleidet werden kann. Das Ich hat bislang gut funktioniert, nun kann es das nicht mehr, alle Resourcen sind aufgebraucht. Was es registriert, ist abgrundtiefe „Müdigkeit“, fehlender Antrieb, sind Tränen, Leere und Mutlosigkeit. In einem Gedicht fragt es: „Wie hält ein Herz dem stand?“, in einem anderen erzählt es:

Ich habe eine Trauer versteckt
Auf meiner Zungenspitze
Eine Kraftanstrengung,
Um zu überleben.

Diese Brache ist nicht erfahrungsleer, sondern durch ein Übermaß an Durchlittenem und überwältigenden Erfahrungen von Verlusten entstanden, deren Klärung Zeit braucht, Ruhe und Geduld. Das Ich konstatiert:

Heute ist in mir eine Tote, an meiner Stelle eine Verletzte

Doch aus der Trümmerbrache heben sich mit der Zeit allmählich einzelne Begriffe, auch abgenutzte, abgegriffene Worte, die wie neu erscheinen, die ausprobiert werden, um sich ihrer zu vergewissern. Himmel ist solch ein Begriff, Sterne, Träume, Herz oder Erde. Sie formen sich mit anderen zu kurzen Gedichten, zwei, drei oder vier Verse lang, später erst entstehen längere Texte. Es sind vor allem visuelle Eindrücke, die erinnert und Teil eines neuen „Alphabet“s werden: die „Fingerabdrücke an den Scheiben“ beim Besuch im Gefängnis, das Erkennen der Hände des vermissten Geliebten auf einem Foto, ohne sein Gesicht zu sehen. Und es sind Botschaften der Zuversicht, die das Ich etwa in einem „Brief ins Gefängnis“ schickt:

Richte dich auf, heb deinen Kopf,
Wir sind unter demselben Himmel.

Dass es keine Heilung, sondern für immer sichtbare Narben nach solchen Widerfahrungen gibt, bezeugt die Dichterin im Gedicht „Kintsugi“, mit der eine japanische Kunst gemeint ist, zerbrochene Keramik so zu reparieren, das die Bruchlinien verziert, oft vergoldet sichtbar bleiben. Ja,

[e]s kann sein, dass man zerbricht.
Wer ist schon groß geworden, ohne zu zerbrechen?
Wichtig ist es, zusammenzuwachsen

und nicht nur Gefäß für ein „endloses Echo“ von Versehrungen zu bleiben, sondern sich zu erheben. Wenn die Welt nun plötzlich „[u]mgekehrt“ ist und so bleibt, man gleichnishaft wie beim Kopfstand mit dem Kopf die Erde berührt und die Füßen gegen Himmel ragen, dann gilt es, sich daran zu adaptieren und auch daraus Stärke zu gewinnen, nicht also reglos zu verharren, nicht ins Leere zu treten, sondern beim Gehen eben die Wolken zu zerdrücken.

Chapeau!

Dilek Mayatürk
Brache
übersetzt von Achim Wagner
Hanser Berlin
2020 · 128 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26786-2

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