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Kritik

Flucht als Heiligenpassion

Hamburg

Mysteriös ist bereits der Titel dieser Anthologie: Poena Damni. Ich bin kein Lateiner, würde das aber grob mit „Die Rache oder die Strafe des Verlusts“ übersetzen. Nachdem ich das Buch gelesen habe, ist mir auch klar, dass damit der Verlust an Heimat, an Orientierung, an Geborgenheit gemeint ist. Poena Damni besteht aus drei Teilen. „Z213: EXIT“ hat knapp hundert Seiten, die beiden anderen Texte jeweils zirka 45 Seiten.

Z213: EXIT

Aneinandergefügte Textpassagen mit häufigem Wechsel der Erzählperspektive: Vom Ich zum Du. Ein Teil des Textes mit Buchstaben in einem Font mit Serifen, immer wieder unterbrochen durch kürzere oder___STEADY_PAYWALL___ längere Abschnitte mit Buchstaben in einem Font ohne Serifen. Es finden sich immer wieder Auslassungen und weiße Stellen im Text, sowie Überlagerungen mehrerer Texte. Bei einer nur oberflächlichen Betrachtung des gesamten Textes könnte man meinen, er sei achtlos aus diversen heterogenen Textteilen zusammengeschustert worden. Aber genauer betrachtet bzw. gelesen offenbart sich schon so etwas wie Sinn.

Es finden sich auch Hinweise auf die Textentstehung, die die Vorgehensweise des Autors erkennen lassen. Ich habe sie als „Metatexte“ verstanden: „die bibel die ausradiert wird, mittendrin die worte eines fremden, mitten unter seine abschnitte schreibe ich wo immer ich ein ein niemandsland finde.“ Und: „Wo du geschriebene abschnitte findest, fügst du deine eigenen darunter ein, schreibst dazwischen. Ein streichholz, du liest, deine eigenen zusammen mit den fremden, wiederum. Als würdest du mit jemandem sprechen.“

Die häufigen Hinweise auf die Bibel, die auffallen: „die Löcher in seinen handflächen“, „hast zwölf aufgestellt // die du zu dir gerufen hast“, „Kar mitternacht freitag“, „aufzuerstehen“, „Geh mitten durchs meer“, „des brandopfers / vor dem Herrn“ und "engel. Fürchte dich nicht“.

Immer wieder thematisiert wird das Unterwegssein auf der Straße. Der Weg ist endlos: „öffnet die straße eine andere straße damit wir nicht gezwungen sind stehenzubleiben“. Für Lyacos setzt die Straße sich aber auch in uns selbst fort: „ich begreife, dass die straße auch in mir verläuft.“

In der Mitte von „Z213: EXIT“ befinden sich zwei aufeinander folgende Passagen, die jeweils einen Besuch des Ich-Erzählers, des Flüchtlings bei einer Prostituierten schildern: „Sie [...] bewegte ihre hand auf und ab auf mir.“ Und: „Nur dass ich aufwachte [...] in der nacht, hielt sperma und speichel von ihrem mund.“

An einer Stelle referenziert der Text auf den dritten Teil dieser Anthologie: „ein zerknittertes buch offen, du nimmst es schaust auf den einband: Der erste tod.“ Und gegen Ende des Textes gibt es einen Hinweis zu seinem Titel: „Zwei buchstaben das zweite Z, glaube ich, und danach irgendwelche nummern. [...] ich erinnere mich nicht einmal mehr wo ich die geschrieben sah. Kann sein so wie sie uns aufgeteilt haben, vielleicht die abteilung und wieviele wir dort waren.“ Ein Hinweis auf ein Flüchtlingslager? Vieles bleibt rätselhaft.

„Z213: EXIT“ ist für mich in der Weise ein gelungener Text, da er sich in die Lage eines Geflüchteten hineinversetzt, und somit Fluchterfahrung erlebbar macht. Die meisten Passagen sind dabei aus der Sicht eines Menschen auf der Flucht geschrieben, oftmals in Form eines Bewusstseinsstroms. Man merkt dem Text selber an, dass er versucht, für sich schreibend einen Ausgang („Exit“) zu finden. Aber das Ende ist dann doch düster: „du magst nicht mehr weitergehen, du wirst niederknien [...] du fürchtest dich weniger, spürst den schlag [...] du willst nicht mehr aufstehen.“

Mit den Menschen von der Brücke 

Dieser Text besteht aus zwei Ebenen. Die Texte der ersten Ebene, kursiv gesetzt, lesen sich wie Regieanweisungen für ein Theaterstück. Die zweite Ebene sind Texte, die auf der Bühne von Schauspielern vorgelesen werden. Sie sind in Gedichtform gesetzt, aber es sind überwiegend keine Gedichte.

An mehreren Stellen der Regieanweisungen geht hervor, dass es sich bei den Texten, die vorgelesen werden, um Passagen aus der Bibel handelt. Und so finden sich in der zweiten Ebene immer wieder kurze Sätze oder Satzteile, die aus der Bibel stammen. Sie sind zu kurz, um sie eindeutig identifizieren zu können. Aber es gibt auch längere Passagen, die ein bibelfester Mensch gut erkennen kann. Ich habe sechs davon gefunden: Markus 5,5–9, Jesaja 49,8, Hebräer 11,15–16, Jeremia 31,21, Offenbarung 9,6 sowie Hesekiel 37,1–6. Diese zweite Ebene erzählt dabei schon so etwas wie eine Geschichte, eine gewisse Handlung ist erkennbar, die ich aber nicht in knappen Worten zusammenfassen kann. Zwei Stellen scheinen mir aber zentral zu sein, sie deuten auch auf den Titel hin:

„Er ging jetzt vorbei
und kam zu uns
von der brücke mit den menschen
hinter Ihm, alle zusammen.“

„Sie halten einander fest und gehen hinauf
einer auf dem anderen
um die brücke zu erreichen und sich daran fest-
zuhalten. Gegenüber.
einer auf dem anderen, sie sind
die brücke.“

Die häufige Verwendung von Bibelzitaten färbt auf den gesamten Text ab. Sie geben ihm so etwas Erbauliches, Erweckendes, was manche Leser wohl eher ein wenig abschrecken wird.

Der erste Tod

Vorangestellt sind den von I bis XIV durchnummerierten Gedichten unter anderem je ein Zitat aus der Odyssee von Homer und aus Über das Sein von Parmenides. Die Übersetzerin hat in den Anmerkungen zu zahlreichen Worten und Begriffen weitere Übersetzungsmöglichkeiten aus dem Griechischen angegeben. Außerdem finden sich dort zahlreiche Hinweise auf Werke, wo diese Begriffe bereits aufgetaucht sind: Die Ilias und die Odyssee von Homer, Werke von Hippokrates, Aischylos, Sophokles, sowie aus der Apokalypse. Man kann also erahnen, aus welchem Wortfundus der Autor dieser Gedichte reichlich geschöpft hat.

Manchmal erscheinen die zahlreichen Adjektiv-Substantiv-Paarungen etwas zu dick aufgetragen. Aber es finden sich auch viele interessante Bilder, die die düstere, ja verzweifelte Stimmung der Gedichte gut transportieren. Ein paar Beispiele: „frucht einer von stürmen zerrissenen gebärmutter„,  „plünderung aus den gräbern der leidenschaften“, „einsturzgefährdete[...] sinne“, „mitten / im erbrochenen deines unglücks“ und „der verstand eine landkarte getunkt in wein / und die seele im maulkorb“.

Aber auch hier finden sich Beispiele für Religiöses: „die kreuzabnahme unserer kinderjahre“. Und das vierzehnte Gedicht endet sogar erbaulich:

„[...] und doch
werde ich gerettet [...]
[...] an [...]
[...] der abhebung der welt dort wo der schrei empfangen wird
übernimmt die kurbel
und die räder
stoßen instinktiv
den rollstuhl in die unendlichkeit“

Wieso scheinen diese drei Teile einer Anthologie zusammenzugehören? Alle drei Texte sind mehr oder weniger experimentell, wenn auch „Z213: EXIT“ da am weitesten geht. Alle drei verwenden mehr oder weniger ausgiebig Fremdtexte, wobei das bei einem Gedichtband wie „Der erste Tod“ am schwersten zu erkennen ist. Aber gerade ihm ist ein Zitat voran gestellt, das diese Vorgehensweise zu belegen scheint:

„Nothing in this book
is original, except perhaps
by mistake.“

Und alle drei Teile haben einen starken Bezug zur Bibel, wobei die Verwendung von Textstellen aus der Bibel im mittleren Teil der Anthologie am offensichtlichsten ist.

Dieses Buch stellt sicherlich keine leichte Unterhaltungskost dar. Es erwartet schon eine/n Leser/in, der oder die sich auch wirklich auf den Text einlässt. Belohnt wird man damit durch etwas andere Sichtweisen auf unsere Wirklichkeit, nämlich vom „Rande der Gesellschaft“.

Dimitris Lyacos
Poena Damni. Lyrik-Trilogie
KLAK Verlag
2020 · 304 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-948156-33-6

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