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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Das bin nicht ich bin das?!

Hamburg

Die Konterfeis von hundert Lyrikschreibenden deutscher Sprache mit Texten über die Ich-Wahrnehmung im weitesten Sinne zu kombinieren ist zwar keine ganz neue, aber doch  immer wieder spannende Idee. Herausgeberin Nancy Hünger, die auch einen eröffnenden Essay zu der Bild- und Gedichtsammlung beisteuert, hat sich mit ihrem Kollegen und Verleger der edition AZUR Helge Pfannenschmidt über zwei Jahre lang mit der Thematik beschäftigt und mit Dirk Skiba einen Portraitfotografen von veritablem Format für das Projekt gewonnen.

Herausgekommen ist ein rund 1,3 kg schweres und über 220 Seiten starkes, auf Hochglanzpapier gedrucktes Schwarzweiß-Oeuvre, das schon beim Durchblättern, sozusagen  in der ersten Orientierungsphase der Leserschaft, ein nicht zu beseitigendes Manko offenbar werden lässt: jede Leserin, jeder Leser wird jemand anderes vermissen in diesem Buch. Aber das ist schließlich der Nachteil einer jeden Anthologie, die sich nicht von vornherein auf einen festlegbaren Teilnehmerkreis beschränken will, und genau dem versuchten die drei Zusammentragenden insofern auszuweichen, als sie eine weitgreifende Mischung aus weiblich und männlich, alt und jung, bekannt und eher noch weniger bekannt zu kompilieren suchten.

Bereits der Titel ist nicht ganz ohne Rätsel: Das Gedicht & sein Double – bedeutet das womöglich, dass Autorschaft ein Abbild des Textes sei, oder heißt es nur, dass das jeweilige Foto der Schreibenden als Momentaufnahme lediglich ein Beleg für das Gedicht zu sein hat? Denn der Titel impliziert ja eigentlich einen Widerspruch: wäre nicht eher anzunehmen, dass der Text quasi als Double der oder des ihn Erzeugenden zu betrachten sei? Doch mit solchen spitzfindigen Fragestellungen lässt Nancy Hünger die Leserschaft in ihrem brillanten Essay „Der Autor im Portrait oder Ich ist ein Irrtum“ nicht allein. Hier stellt sie zunächst einmal fest, dass sie selbst zu den Menschen gehört, die im Privaten von klein auf möglichst vermieden haben, fotografisch gebannt zu werden und lässt offen, ob dies das Resultat der  Schüchternheit, des Eigensinns, eines generellen Hinterfragens von Familienseligkeit oder einfach des Sportsgeists, einer Kamera ausweichen zu können, sei. Tatsache aber ist, dass die Dichterin Nancy Hünger dem professionellen Kamerablick nicht mehr in jedem Fall aus dem Weg gehen kann, wohl aber ihn zu beeinflussen gelernt hat. Wem gehört also das Gesicht der oder des für eine Öffentlichkeit Schreibenden? Warum wird nicht einfach das Geschriebene rezipiert, was fasziniert so an der Dreiecksbeziehung Autorschaft – Text – Leserschaft? Eine Antwort, die Ingeborg Bachmann darauf gab lautete: „Das Schreiben kann man nicht sehen.“ So müssen die Autorinnen und Autoren selbst für zahlreiche Projektionen des lesenden Ichs und ihres Textes herhalten – und sei es in Form von Fotografien, die eine wie auch immer fragwürdige Überprüfung dieser Projektionen zu erlauben scheinen.

Doch auch für die Schreibenden selbst ist dieser Prozess der Ich-Lokalisierung nicht selten spannend, denn „Poesie entsteht im Streit mit dem eigenen Ich“, wie es Paul Hoffmann formulierte. Insofern nimmt es trotz aller diskursiven Einstellungen zum Thema Portrait und Gedicht nicht wirklich Wunder, dass so viele sich an dieser Anthologie beteiligten.

Und natürlich, wer wollte es bestreiten, fällt der erste Blick auf das Bild, sei es nun rechts oder links auf der Doppelseite platziert, die den Versammelten jeweils eingeräumt wurde, und nicht auf den Text. Er saugt sich fest an Linien, Details und stürzt sich auf das genaue Augenstudium in einer voyeuristischen Weise, die niemand sich im wahren Dasein an einer lebenden Person erlauben würde. Das ist einfach so und vielleicht noch nicht einmal dem medialen Zeitalter geschuldet, in welchem wir leben – es scheint sich eher um so etwas wie eine kulturelle Konstante zu handeln: die Lust am neugierigen Studium des Abbilds. Man kann daher durchaus einmal ausprobieren, das Foto zunächst abzudecken und erst das Gedicht zu lesen. Die Frage, ob sich rezeptorisch etwas ändert, müssen sich die Betrachtenden dann freilich selbst beantworten.

Mit dem eigenen Wiedererkennen gehen die Autorinnen und Autoren denn auch schon vom Ansatz ihrer Gedichte vollkommen unterschiedlich um:

„Mach dich gefaßt auf deine / leisesten Innengeräusche. / Mach dich gefaßt auf deine / dämlichsten Binnengeräusche [...]“, warnt Marcel Beyer mit Mantel und Dichterschal und schaut dabei lächelnd nach oben, als ob diese Geräusche aus der Dachrinne zu erwarten wären.

„lass federn // dein wesen ist hier falsch, drosselmadam [...]“, konstatiert Katharina Schultens ein paar Seiten weiter, den schwarzgekleideten Körper gegen eine rauhe, graue Mauer gelehnt, Wind von rechts umspielt Augen und Mund mit glatten Haarsträhnen und deutet vielleicht etwas wie ein Ausgesetztsein an: „[...] dein kleines wesen ist ein andres gern [...]“.

Die Skepsis scheint zu überwiegen, Sirka Elspaß lagert gar die Frage nach etwaigen Emotionen gleich ganz aus, indem sie ihr lyrisches Ich sagen lässt: „es gibt einen trick / was ich nicht fühlen kann / das wird ein ort / [...]“, dabei aufrecht sitzend und im Profil abgelichtet ernsten Blickes nach links in die Ferne schaut, ein wenig 1920er-Jahre-Eleganz verströmend, mit einer brennenden Zigarette in den abgespreizten Fingern.

Jan Wagner dagegen scheint ganz mit sich im Einklang, ein feines wissendes Lächeln spielt um seine Lippen, die Hornbrille verdeckt fast seine Augen bei leicht nach unten gerichtetem Halbprofil, daneben sein „selbstportrait mit bienenschwarm“: „[...] das regungslose zentrum vom gesang … / […] und wirklich sichtbar erst mit dem verschwinden.“

Unsicherheit, Unbehaustheit, Zweifel kontrastieren mit Pose, die sich nicht immer vermeiden lässt bzw. nicht immer vermieden werden soll: während uns Nora Bossong und Saskia Warzecha lediglich Dutt und Genick präsentieren, klatscht Alexander Gumz, offenbar vor einem Bretterverschlag fotografiert, wie aufmunternd in die Hände und kontrastiert dies mit den rabenschwarzen Zeilen: „[...] über mir räumt der geheimdienst auf. vorbereitungen laufen, meine wohnung mit plankton zu überziehen. [...]“

Auch auf ein Quäntchen aufgeräumter, jedoch mühsam errungener Weltklugheit muss die Leserschaft nicht verzichten, wenn etwa die lyrische grande dame Elke Erb, ganz in schwarzem Brokat und wie aus einem Fin-de-siècle-Foto lächelnd, im Reisen den „Hieb durch den Gordischen Knoten“ erkennt: „[...] Wie blieb es heil doch im / Gedächtniskeller / all die Jahre nachher –  […]“.

Den Herausgebern ist mit „Das Gedicht & sein Double“ ein außergewöhnlicher Querschnitt durch die deutsche Lyriklandschaft gelungen, indem sich das Buch einer nicht unwesentlichen Thematik aller Lyrik auf besondere, interdisziplinäre Weise annimmt: dem Sujet der Selbstbespiegelung, die freilich in dieser empathisch fotografierten Form und mit diesen schreibenden Persönlichkeiten alles andere als eitel wirkt.

***

Beiträger/-innen: Kurt Aebli, Sascha Anderson, Artur Becker, Kerstin Becker, Marcel Beyer, Nico Bleutge, Paulus Böhmer, Mirko Bonné, Nora Bossong, Volker Braun, Yevgeniy Breyger, Sonja vom Brocke, Carolin Callies, Mara-Daria Cojocaru, Franz Josef Czernin, Max Czollek, Lydia Daher, Daniela Danz, Franz Dodel, Dominik Dombrowski, Michael Donhauser, Anne Dorn, Ulrike Draesner, Özlem Özgul Dündar, Sirka Elspaß, Carl-Christian Elze, Elke Erb, Brigitta Falkner, Gerhard Falkner, Michael Fehr, Zsuzsanna Gahse, Mara Genschel, Lisa Goldschmidt, Eugen Gomringer, Nora Gomringer, Dieter M. Gräf, Durs Grünbein, Alexander Gumz, Jürg Halter, Kerstin Hensel, Günter Herburger, Anna Hetzer, Franz Hodjak, Tim Holland, Norbert Hummelt, Ianina Illitcheva, Hendrik Jackson, Orsolya Kalasz, Maren Kames, Anja Kampmann, Adrian Kasnitz, Ulrich Koch, Barbara Köhler, Uwe Kolbe, Thorsten Krämer, Dagmara Kraus, David Krause, Nadja Küchenmeister, Björn Kuhligk, Thomas Kunst, Georg Leß, Kito Lorenc, Christoph Meckel, Klaus Merz, Rainer René Mueller, Jovan Nikolic, Brigitte Oleschinski, José F.A. Oliver, Ronya Othmann, Frieda Paris, Martin Piekar, Kerstin Preiwuß, Karla Reimert, Sophie Reyer, Marcus Roloff, Ulrike Almut Sandig, Rike Scheffler, Robert Schindel, Stefan Schmitzer, Katharina Schultens, Tom Schulz, Lutz Seiler, Volker Sielaff, Werner Söllner, Verena Stauffer, Michael Stavaric, Michelle Steinbeck, Ulf Stolterfoth, Hans Thill, Kinga Toth, Julia Trompeter, Anja Utler, Sibylla Vricic Hausmann, Jan Wagner, Saskia Warzecha, Peter Waterhouse, Christoph Wenzel, Ron Winkler, Janin Wölke, Ulrich Zieger.

Dirk Skiba · Nancy Hünger (Hg.) · Helge Pfannenschmidt (Hg.)
Das Gedicht & sein Double / Die zeitgenössische Lyrikszene im Portrait
Mit 100 Schwarz-Weiß-Portraitfotos von Dirk Skiba (Duoton-Druck) und einem Essay von Nancy Hünger
editon AZUR
2018 · 224 Seiten · 34,90 Euro
ISBN:
978-3-942375-36-8

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