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Artichoke #17
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Artichoke #17
Kritik

Aus einem Zwischenreich hinter "lichtenem vorhang"

Hamburg

Liest man einen sehr langweiligen oder sehr anspruchsvollen philosophischen Text, geschieht es ab und an, dass der Geist überhitzt in ein Zwischenreich entschwindet, das sich zwischen hellem Bewusstsein und Traum auftut. Die zweiwertige Logik, etwas ist richtig oder etwas ist falsch, tertia non datur, gilt nicht mehr. Es handelt sich aber nicht um die Traumwelt, die ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen scheint, man schläft ja nicht, man driftet ab, der Geist geht zur Entspannung ein bisschen schwimmen. Ver-rückt in eine andere Dimension der Realität kommen einem die „Geschichten“ vor, die sich da abspielen, und schreckt man auf und ist wieder „da“, dann sind sie verschwunden, die seltsamen Phantasmagorien.

Von einer gewissen Ähnlichkeit ist die von Dominik Steiger durchwanderte Zwischenwelt, aber viel feiner, ironischer und komplexer als die Denkbilder des oben beschriebenen Zwischenreichs. ___STEADY_PAYWALL___Das Schönste an seinen Satzfolgen ist, dass man von Zeile zu Zeile Überraschungen erwarten darf, nichts läuft so, wie der logische Hase es will. Und gerade das ist ja bisweilen einschläfernd, dass sich zu vieles genau so entwickelt, wie man es erwartet, in allzu vielen Texten, vor allem in den „massentauglichen“, die vielleicht gerade deshalb beim Publikum so beliebt sind, weil der Fortgang vorausgeahnt werden kann.

der mond ist auf dem schneidersitz mitgefahren. der herrenschneider lenkt das moped nun in die enge gasse, wo sein stiefvater das geschäft zum blauen stein führt. extra für den verlorenen mondensohn hat er girlande von würsten zum schaufenster rausgetan. die würste in den farben blau, gold und violett sollen den mondgeist anlocken; das kann dauern.
 

Versuchsweise könnte man behaupten, es handele sich um eine nichtlineare Schreibweise, aber es trifft nicht zu. Es sind tatsächlich Geschichten, aber sie verlaufen nicht auf dem geraden [Heming-]way seiner short stories, sondern nach einer Topografie eigener Art, einer Arabeske vielleicht.

der herrenschneider setzt sich nun in vaters ausgehobnes Grab, welches ursprünglich der sonne wohlgefallen hätt erregen sollen. doch dann verschwand der planet, der fixstern wandte sich von vater ab, der tag wurde ausgetrickst, die blanke blume vor dem schaufenster bekam metallene flecke.

In einem zweiten Versuch der literaturwissenschaftlichen Klassifizierung könnte man die Texte als écriture automatique der Surrealisten bezeichnen, aber auch das trifft den Kern nicht: Dominik Steiger schreibt wohlüberlegt und konstruierend.

Als es stocksteinig bergab in die künstliche nacht ging, telefoniert der vater seinem lieben sohn, der sogleich das malheur zu heben suchte durch einen hebeldruck auf seiner schreibmaschine. als das nichts half, machte sich der gute junge, schneider aus passion, sogleich auf den weg. Angekommen sucht er den armesünder, seinen erzeuger in der dicken suppe von mondes und sonne gemeinsamer küche. die würste stoßen an seinen kopf, er errät ihre bedeutung. Die würste haben inzwischen ihre farbe eingebüßt, einige geister sich eingefunden, um sie zu kosten.

Im dritten Versuch möchte ich von „transrealen Texten“ sprechen, die wie alle Texte das kondensierte Sprachbild einer äußeren und inneren Realität darstellen, allerdings auf eine verrätselte Weise. Der Leser hat transreale Texte enigmatischer Qualität vor sich. Dominik Steiger gründete übrigens eine Tagtraumarbeiterpartei, weshalb die These von Transrealität seiner Arbeiten nicht so ganz fernzuliegen scheint.

noch ist der vater nicht zur stelle. Es empfiehlt sich, ihn am großen fenster zu erwarten, weil von dem glas ein schimmer ausgeht, den kein stern und kein andrer himmelskörper vollkommen löschen kann. Ferner liegen in dem schaugemach dahinter ein liebspaar in enger umarmung, davor der gediegene hundesohn und das gewerke zur heilkunst, die der vater zu üben pflegte.
 

Der ästhetische Reiz der Geschichten besteht in ihrer Hermetik, die sie mit einem Zweig der Lyrik gemein haben.

nach einer weile tritt er aus seitlicher tapetentür und spricht zu seinem fleisch und blut: ich danke dir von ganzem herzensschlüssel, den du hier in meiner groben hand siehst. wir wollen mit ihm das kästchen öffnen, in dem ich verschwundenen diener unseres großen werks vermut. das geschah und von der schwelle traten sonne und mond ins dünne licht unsrer augen, die sich zu einem freundlichen mischten und den lichtenen vorhang über alle unsrer geschäfte ausbreiteten.
 

Die Zitate bis hierher geben die fünf markierten Abschnitte der kompletten Geschichte auf S. 20 des besprochenen Werkes wieder. Alle Geschichten finden jeweils auf einer Buchseite Platz.

In einem letzten Versuch ist festzustellen, dass es jenseits aller hermeneutischen Anstrengung, die Äußerungen Dominik Steigers in ein literaturwissenschaftliches Raster zu bannen, ungemein viel Freude bereitet, die ver-rückten Geschichten zu lesen. Sie sind märchenhaft, irrwitzig, bisweilen traurig und ganz erstaunlich, denn Dominik Steiger hat sie offenbar einem zumindest zeitweise von großem Leid durchzogenen Leben abgerungen. In der Kurzbiographie des Poeten ist von Behandlung mittels Elektroschocks, Operationen und Psychiatrisierung die Rede. 1940 geboren beginnt er nach gymnasialer Ausbildung ein Studium der Staatswissenschaften und Slawistik, das er nach vier Monaten abbricht um in die Légion des éstrangères zu entschwinden, die sich zur Mitte des 20. Jahrhunderts jungen Männern anbot, die in den Augen ihrer Umgebung auf bürgerlichen Wegen gescheitert waren.

Der Rezensent hat mit kindlichem Befremden im Vorstadtmilieu seiner Jugend erfahren, dass der vielleicht 16- oder 17jährige Sohn eines Weißbinders in der Nachbarschaft die „Nebenbeschäftigung“ des Vaters als Wilddieb an die Staatsmacht verriet, worauf der Vater hinter Gitter und der verräterische Sohn in die Fremdenlegion verschwanden. Die Söldnertruppe in den blutigen Kolonialkriegen der grande nation in Vietnam und auf dem afrikanischen Kontinent war berühmt und berüchtigt, Rückkehrer umgab der Ruch des Gefährlichen, ja Bösen.

Welchen Grund auch immer Dominik Steiger gehabt haben mag, in das militärische Un-Reich zu fliehen, seine zarten Wörtergespinste belegen, dass dies nicht sein Reich sein konnte. Lapidar heißt es in den biografischen Anmerkungen, er verließ die Fremdenlegion via Psychiatrie offenbar ohne je einem der oft sehr verlustreichen Einsätze ausgesetzt gewesen zu sein, wobei festzustellen wäre, dass derjenige, der in einem solchen Söldner-Haufen nicht verrückt wird, nicht ganz gesund sein dürfte.

Größen wie Gottfried Benn oder Stefan George warfen manchmal einen sehr verhaltenen, vorsichtigen Blick in jenes Zwischenreich, etwa wenn Benn von „Asphodelen“ fabelt oder sein Kollege George vom „Land der Tusferi“. Dominik Steiger war da schon mutiger: Er reiste via Sprache in sein inneres Zwischenreich und brachte wie Reisende alter Zeiten wunderbar wunderliche Geschichten, eben Stüsselchens mit.

In Österreich fanden seine bildnerischen und literarischen Arbeiten Anerkennung. Seine Identität als Künstler bildete sich in Bekanntschaften mit Angehörigen der Wiener Schule und des Fluxus wie Diter Rot (Dieter Roth). Joseph Beuys regte ihn bei einem Aufenthalt in Wien an zu zeichnen.

Eine wunderbare Idee der Herausgeberin Renate Ganser war es, die Texte mit bildnerischen Arbeiten Dominik Steigers zu ergänzen. Dabei handelt es sich um Postkarten, die offenbar an den Poeten und seine Familie tatsächlich gesandt wurden und die Dominik Steiger dann dergestalt erweiterte, dass er mit transparentem Klebeband von anderen Druckerzeugnissen Bildelemente abnahm und auf die jeweilige Karte übertrug, indem er den Klebestreifen mit dem festhaftenden Bildelement in die Motive der Karten hineinklebte1

Aus der Serie Kulturcollagen. Bearbeitete Postkarte, Tixocollage © Archiv Dominik Steiger. Titelbild der besprochenen Ausgabe: Les bouqinistes, Paris.

 Der Effekt erinnert an Szenen meist metaphysischen Charakters in alten Filmen, z. b. Auftritte von Gespenstern, die mittels überbelichteter Überblendungen erzeugt wurden. Die kalkuliert aufgebrachten Bild- und Farbelemente wirken wie Durchblicke in jenes Zwischenreich, aus dem die Texte des Poeten stammen. Eine Photographie zeigt eben nicht wirklich alles, da der Geist des Photographen wie jedes einzelnen Betrachters des Artefakts Photographie mehr und vor allem Diverses „sieht“ oder assoziativ mit dem Bildgegenstand verbindet. Mittels der Einklebungen wird aus dem technisch reproduzierten Artefakt Ansichtskarte ein einzigartiges Kunstwerk (das natürlich auch wieder dem Prozess der Reproduktion unterzogen werden könnte.)

Zugabe! Zugabe! Hört man da aus den Kulissen des Netzes. Bitte schön, aber gern, einige ausgewählte Sätze zum Gebrauch im Wiener Café:

So viele hübsche frauen sind unterwegs mit nichts als den klunkersteinen ihrer großmütter. (S. 53)
rasumövsky knabberte an seinem letzten keks. (S. 5)
die einen machen kremschnitten, andere machen herzbrei. (S.11)
der regenbogen begegnet der forelle in einem dickicht an der grenze zur sowjetunion. (S. 53)
musiker standen in violinschlüsselförmigen behältern, in denen sie von starken muttersöhnen herangetragen worden waren. (S. 53)
die sumerer waren so gescheit, es sich nicht mit den fellspendenden tieren durch sachen wie lederhauben zu verderben. (S. 54)
die kinder schlafen längst im seerosenteich, wo auch die mutter haust. (S. 55)
alle wollen hoch hinaus, wo die luft dünner ist als der feine duft der karottenblüte. (S. 63)
lies doch bitte zuerst die gebrauchsanweisung, bevor du dich für den königsweg entscheidest. (S. 69)
es ist quasi eine spitalwarteraumsituation. (S. 70)
ich glaube an die heiligen kinder, weil ich wahrnahm, wie sie ihre eltern heilen können, wenn die nur einmal aufsehen wollen von ihrer fron. (S. 77)

Die Nachlass-Publikation ist gerade in einer Zeit zu empfehlen, die Alltagseindrücke bietet, als sei Dominik Steiger vorbeigekommen und habe einige seiner Klebestreifen ins Weichbild geklebt: Etwa ein in den Bahnhof einrollender Regionalexpress, aus dessen Fenstern ausnahmslos Maskierte starren. Man fühlt sich schon in der Zwischenwelt. Warum sollte man da nicht in einem Café nach Ausfüllen eines Formulars, auf dem die Dauer des Kaffeeschlürfens angegeben werden muss, bei einem Einspänner die wunderbar wunderlichen Geschichten lesen, die einem plötzlich gar nicht mehr so wunderlich vorkommen, wunderbar jedoch immer, denn die Leserinnen

verlieren den boden unter den beinen und heben ab in regionen, wo schall und rauch ein reich regieren, in dem die leichtesten geschöpfe der erde liebevoll aufgenommen werden, um die seligkeit und noch ein bisschen mehr zu kosten, in diesem falle ohne ansehen der person. (S. 57)

damit genug, junge leseratte. (S. 80)

 

  • 1. Siehe das Umschlagbild des besprochenen Bandes. Ansichtskarte: Les bouquinistes, Paris.
Dominik Steiger · Renate Ganser (Hg.)
(mühelos) STÜSSELCHENS
Ritter Verlag
2020 · 144 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-85415-606-2

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