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Kritik

Zwischen Licht und Dunkelheit die Grautöne des Lebens

Dorothea Grünzweigs Gedichte erzählen vom „Abend am Rande der leibhaften Welt“.
Hamburg

Kosmos der Dunkelheit, so ähnlich würde der Titel von Dorothea Grünzweigs Gedichtband „Kaamos Kosmos“ ohne die Anleihen der finnischen Sprache lauten. Und genau das ist der Raum, in dem sie sich entfalten, den sie umkreisen und zu fassen versuchen. Aber es ist eben nicht einfach die Dunkelheit von der sie handeln, sondern jenes „Kaamos“, die sonnenlose Zeit, die sich über das Land erstreckt und erst im Laufe des Winters wieder zurückzieht, eine Dunkelheit, die der Natur entspringt, aber gleichzeitig die Identität der Menschen bestimmt, die den Mut haben, die dunklen Seiten des Daseins zu beleuchten.

Dorothea Grünzweig hat nicht nur diesen Mut, sondern auch die Fähigkeit aus dem was sie erinnert und erlebt, Gedichte zu schreiben „vom ton gehoben und gehegt“ wie es im Gedicht „nachhütung einer begegnung“ heißt.

Entdeckt habe ich Grünzweig, die in Finnland, wo sie seit 1989 lebt, anfing, Gedichte zu schreiben, mit ihrem „gedicht vom finden und verlieren“, nicht wissend, dass das ihr Lebensthema ist, der rote Faden, der ihre Lyrik durchzieht, das Leben als ein Tanz zwischen dem Verlust, den unvermeidbaren Trennungen und dem intensiven Leuchten des Dennoch, das Grünzweig in ihre Poesie der Dämmerung einschreibt.

Grünzweigs Gedichte sind nicht nur „naturverbunden“, sie zieht Lehren aus den Beobachtungen der Vorgänge in der Natur. Wie nichts anderes ist die Natur dafür prädestiniert, den Menschen immer wieder an den Kreislauf aus Werden und Zerfall zu gemahnen:

         „das tal scheint auf uns zuzuwandern
         und ohne zu erschüttern schiebt tuonela
         das totenreich sich vor in unsern hof“

Auch von den Tieren, als Teil der Natur, kann gelernt werden:

 „lass deine tiere oft so läuten
 siehst du wie gut sie sich bescheiden
 mit der ihnen bemessenen zeit ....“

        Was uns unterscheidet von den Tieren, ist nicht zuletzt die Erinnerung. Erinnerung an die Kindheit, die Eltern. Erinnerungen, die mit zunehmendem Alter immer mehr ins Dunkle geraten. Ein Dunkel das einhergeht mit der „räumung des herkunftsortes“. Die Erinnerungen verblassen, werden durch eigene Geschichten aufgefüllt, so dass die Geschichte des Vaters immer mehr zu einer Geschichte der Tochter vom Vater wird. Als wäre die Kriegsverletzung des Vaters das Erbe, das die Tochter Gedichte schreiben lässt.

„und der mund weil er frei und gerettet war und
nicht zerfetzt nicht stumm verstümmelt ein in
mitleidenschaft erschütterter raum ein stammel
gelände wölbte sich über dem schmerz und lobsang“

Für diesen Lobsang findet Grünzweig eine Sprache, die licht- und lebenssatte Augenblicke, die alles aufzuheben im Stande sind, vielleicht nicht festhält, aber nachvollziehbar macht.

Und die immer wieder die Sehnsucht nach dem Einswerden mit der Natur äußert.

Die Anordnung der Gedichte in Kaamos Kosmos folgt den Jahreszeiten, den damit verbundenen Lichtverhältnissen, bis alles scheinbar ins Wanken gerät, bis die Grenzen des Körpers und des Lebens schmerzlich erfahren werden. Doch auch diese schmerzliche Erfahrung wird kontrastiert, durch die Sprache, durch dieses Dennoch von dem Hilde Domin so eindringlich gesprochen hat. Bei Dorothea Grünzweig besteht dieses Dennoch aus Momenten der Harmonie.

         „... das glück
         war nicht zerstreut über die welt sondern gefasst
im dorf auf einen punkt gebracht...“

Im Langgedicht „der fluss“ findet sich schließlich die Zeile:

„die fließende welle als lebensraum“

Eine Zeile mit der alles gesagt wird. Die verdeutlicht, welches Glück darin liegen kann, wenn es einem Menschen gelingt, von sich abzusehen und sich stattdessen der Natur hinzugeben:

„in die erinnerung und in die zukunft bauscht
das wasser seine kraft und kühle
umfüttert uns zieht straff befeuert haut
und augenblick fällt so auf augenblick      
                                                        sonst nichts“

Eine Hingabe, die es ermöglicht, Frieden zu schließen mit der Vergänglichkeit, der eigenen Sterblichkeit:

 „der fließfriede in uns gesenkt
das kanu ist korb ist wiege
ist grüner vom wasser getragener sarg
         in dem wir das weggleiten üben
                            die fließende welle als lebensraum
         der tod in seltener milde wir sind in
                                      die gegenwart eingetaucht
         ein stilles bereitschaftsgleiten ins einmal sterben“

Und dazwischen, zwischen Geburt und Tod, gilt es genau hinzusehen. In einem ihrer Gedichte beschreibt Dorothea Grünzweig was die Anwesenheit eines behinderten Bruders mit den Schwestern macht, oder was es bedeutet, wenn ein Medikament nicht nur die Gefahr der Selbstverletzung eindämmt, sondern gleichzeitig die Lebensfreude, die Begeisterung zerstört. Sie beschreibt Lebenslagen, in denen es keine Lösung gibt, auch das mutet sie sich und ihren Lesern zu.

Dorothea Grünzweigs Gedichte sind heilsam, weil sie dem Dunkel und den dunklen Flecken, die es in jedem Leben gibt, nicht nur eine poetische Sprache verleihen, sondern ihnen eine andere, aber nicht weniger lebensnotwendige Kraft zusprechen wie dem Licht.

Dorothea Grünzweig
Kaamos Kosmos
Wallstein
2014 · 144 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1554-9

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