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Kritik

Entthronung des Königs

Hamburg

Rätselhaft und fragmentarisch muten zunächst die Produkte „aus der Zuckerfabrik“ an, die uns Dorothee Elmiger in diesem Nicht-Roman präsentiert: eine Versteigerung am Thunersee, Eiben in Form von Zuckerstöcken, ein mysteriöses „Nachtschiff“, das gen Westen aufbricht. Dazwischen Haltungen, Zweifel und Befindlichkeiten, die sich in ort- und kontextlosen Dialogen ohne fixe Sprechpositionen andeuten (eine Technik, die auch in Olivia Wenzels kürzlich erschienenem Debüt Verwendung findet – und sich möglicherweise als charakteristisches Stilmittel autofiktionalen Schreibens der Post-Postmoderne herauskristallisieren wird). Es ist nicht leicht, sich zurechtzufinden im Gestrüpp der ___STEADY_PAYWALL___ Vorgriffe und Querverweise. Doch wer zu schnell aufgibt, bringt sich um das veritable Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn nach und nach ein rhizomatisches Geflecht erkennbar wird, das die Personen, Orte und Begebenheiten dieses Buches gleichsam unterirdisch miteinander verbindet.

Eine wiederkehrende Figur ist der erste Schweizer Lottomillionär Werner Bruni, dessen Biografie die 1985 geborene, in Zürich wohnhafte Autorin stückweise – und selbstredend achronologisch – (re)konstruiert. Seinen symbolischen Höhepunkt findet der Niedergang des Lottokönigs in eben jener Versteigerung seines Besitzes in Spiez am Thunersee; vorangegangen war die karibische Reise, „die glückliche Zeit“ vor der Abwärtsspirale, die wiederum auf das zentrale Motiv des Zuckers verweist. Schon treten die Konturen der Objekte, die Elmiger vor uns ausbreitet, deutlicher hervor, und uns wird klar: Ob wir wollen oder nicht, wir stehen mitten im (Post-)Kolonialwarenladen. Karibische Zuckerrohrfelder, Plantagenwirtschaft, Ausbeutungsverhältnisse, wo wir nur hinschauen.

Doch auch das Begehren geistert hartnäckig durch den Text: Unerwidert oder erloschen, in Form von C., mit dem das Erzähl-Ich möglicherweise imaginäre Gespräche führt – zumindest benennt Elmiger „das dringende Verlangen, immer von C. zu sprechen, alle Sätze insgeheim von C. handeln zu lassen“. Begehren auch in Form von unstillbarem Hunger, der über die Zeitebenen hinweg den Planeten umspannt: Auf einem Parkplatz in Philadelphia steht die Ich-Erzählerin und isst gedämpften Kuchen, den niemand mit ihr teilen will. Knapp 300 Jahre zuvor taucht Adam Smith seine Finger in eine Zuckerschale, was seine Biografin – ein paar Jahrhunderte später – als Verschiebung des Verlangens nach seiner Cousine deuten wird. In den 1920er Jahren schließlich notiert die legendäre „Patientin EW“ in ihr Tagebuch: „Ich versuche beim Essen zwei Dinge zu befriedigen: den Hunger und die Liebe.“

Mit Sehnsucht und Tod aufgeladene Orte, insbesondere Sanatorien, Irrenhäuser, Psychiatrien – oder wie auch immer jene nekropolitischen Anstalten über die Zeiten hinweg hießen – werden unter verschiedenen Vorzeichen wieder und wieder besucht, in der Realität wie in der Fiktion. Oder, mit einem beeindruckenden Gespür für atemporale Synchronizität, im Zusammenfließen von beidem. So überschneiden sich etwa Ellen Wests Reiseprotokolle mit den Reiseberichten der Ich-Erzählerin aus der Gegenwart, jedoch so subtil, dass einzig zeitübergreifende Empfindungen wie „die Pulse hämmern bis in die Fingerspitzen“ erhalten bleiben.

Mit biblio- und cinephilen Verweisen spart Elmiger indes nicht: Das Spektrum reicht von Heinrich von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ über Max Frischs Erzählung „Montauk“ bis hin zu Chantal Akermans Experimentalfilm „J’ai faim, j’ai froid“. Dabei ist beeindruckend, wie Elmiger „gespenstische Überlagerungen und Abweichungen“ aus den Werken schält, auf der Kontrastfolie der sogenannten „Realität“. Wie etwa läse sich Frisch, drehte man die Geschlechterverhältnisse um? Und wären sich seine Figuren bewusst, dass der Landstrich, den sie so selbstverständlich beschreiten, einst den amerikanischen Ureinwohnern gehörte, ergäben sich gar die Einstellungen eines Horrorfilms?

Als Leser_in folgt man Elmigers inter- und metatextueller Schnitzeljagd freudig und lustvoll. Gegen Ende allerdings scheint sich die Autorin ein wenig im Wald der Hyperlinks zu verlieren, stößt noch ein Fenster auf und noch eines – dabei hat man ja längst kapiert, dass die Zusammenhänge da, wo Elmiger einen Schlusspunkt hätte setzen können, nicht aufhören. Anstatt das Wesen der Verstricktheit mit mehr und mehr Beispielen zu belegen, läge es nun an uns, die Fäden weiterzuspinnen und das eigene Eingebundensein zu erkennen.

Schließlich bringt ein weiterer Refrain des Buches („Nach Mitternacht wache ich auf und bin hungrig“) durchaus – wie eine unbekannte Sprechfigur bemerkt – „die Einmischung des Biografischen“ in den Text. Nicht selten nämlich führt dieses nächtliche Hungergefühl die Erzählerin (im Traum oder in der Fantasie?) hinab in die Küche ihres Elternhauses, wo ihre Mutter, ihres Zeichens Grundschullehrerin, am Küchentisch sitzt und Schulhefte korrigiert. Es sei „die Frage des eigenen Herkommens, der eigenen Ausgangslage“, erwidert das Erzähl-Ich, das jene „Einmischung“ unerlässlich macht. Man könnte auch sagen: Ganz nebenbei entlarvt sich der scheinbar neutrale Blick – sagen wir, eines Max Frisch – als zwar nicht weniger legitime, aber doch stark begrenzte (weiße, westeuropäische, bildungsbürgerliche, männliche, heteronormative) Perspektive. Die Erkenntnis der eigenen Positionalität (Donna Haraways Konzept des „situierten Wissens“ lässt grüßen!), überkommt Elmigers Alter Ego bezeichnenderweise im begehbaren Kleiderschrank einer WG in Philadelphia: „Es ist mein Körper, der da liegt, zwischen den verstreuten Dingen anderer, der zutiefst verwickelt ist in alles, was passiert, und das, was ich zuvor als Material abgelegt habe.“ Schluss also mit den nie enden wollenden Beispielen, den erstaunlichen Überlappungen und gewitzten Querverweisen – der nicht aus der Geschichte zu tilgende Körper mit all seinen still- und unstillbaren Bedürfnissen und Lüsten reicht vollauf, als Schluss- und Ausgangspunkt zugleich.

Dorothee Elmiger
Aus der Zuckerfabrik
Hanser Verlage
2020 · 272 Seiten · 23,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26750-3

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