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Kritik

Reise der „Erweckung“

Hamburg

„Ich werde high, allein schon von dem strahlenden Glanz, lebendig zu sein“, schreibt Eileen Myles in ihren elf Sätzen über Lesen und Schreiben für die Neue Rundschau. Chelsea Girls demonstriert ausführlich, dass das nicht immer so gewesen ist. Die 28 mit Überschriften versehenen Texte, aus denen Myles „queerer Klassiker“ besteht, sind teilweise dramatisch verdichtete Geschichten, ein anderes Mal um Zusammenhänge völlig unbekümmerte Aneinanderreihungen von Erinnerungsfetzen. Es gibt Sätze, die man vermutlich nur dann verstehen kann, wenn man selbst bekifft ist. Grausame Szenen, wie die von Myles im betrunkenen Zustand erlebte Massenvergewaltigung, werden kurz als grausam benannt, dann geht es weiter mit Banalitäten. Aber so ist es eben das Leben als ständig abgebrannte Künstlerin im New York der 80er Jahre.

Aber Chelsea Girls erzählt nicht nur von der drogenversumpften Zeit mit mehr oder weniger glücklichen Affären. Es gibt Zeitsprünge. Nach einigen Seiten im verrückten  New York, geht es immer wieder rückwärts in der Zeit in die Kindheit oder Jugend. Dabei   erzählt Myles durchgehend  von einem „Ich“, das „eine sehr bewegliche Angelegenheit ist, […] vieles an unserer Wahrnehmung ist gewissermaßen anonym“, sagt sie in einem Interview im Merkur, und ergänzt: „[…] auf diese Weise ist das „Ich“ einfach eine Hand, die aus dem Text ausgestreckt wird.“ ___STEADY_PAYWALL___Oder so: „Ich selbst war eher ein gutmütiges Wölkchen, das vorüberschwebte und Dinge klaute und auf Lob wartete.“

„Ich habe mein ganzes Leben auf Erlaubnis gewartet. Ich spüre sie in meiner Brust wachsen. Ein Krieg tobt und er ist hinter mir und ich rücke meine Truppen ins Licht,“ behauptet Myles, und erbringt wenige Zeilen später den Beweis, wenn sie in einem Satz die Zerrissenheit des Heranwachsens beschreibt. Eine Zerrissenheit, die nicht aufhört, die vermutlich überhaupt der Motor für jeglichen kreativen Prozess ist.

Einen Prozess, den Myles von jeher um jegliche Grenzen unbekümmert, verfolgt hat. Grenzen, sagt sie im bereits erwähnten Interview, „[…] sind dazu da, die Schwächsten zu beschützen. Grenzen handeln nicht davon, dass man ausschließt, sondern dass man willkommen heißt, und wie man das macht.“

Myles selbst bezeichnet Chelsea Girls als „long form poetry“ und bekennt „Ich möchte die Möglichkeiten des Romans als Stückwerk, als Krimskrams wieder zur Geltung bringen.“ Was den variationsreichen, und manchmal eher anstrengenden, Stil dieses Buches gut charakterisiert. Anstrengend, weil die Gleichberechtigung der Geschehnisse, die in den Geschichten manchmal eher aufgezählt als erzählt werden, ebenso konsequent wie problematisch ist. Auf Verbindungen oder gar Erklärungen verzichtet Myles vollkommen. Stattdessen überlässt sie ihre Leser*innen Gedankensprüngen und Wiederholungen, Berichten über Liebesbeziehungen und ihr Scheitern, sowie Begegnungen der besonderen Art:

         „ich wusste nicht, dass dort schwarze Menschen lebten. Ja, erzählte mir meine Freundin Lynne, eine Städterin, es gibt hier ganz viele. Sie leben in Hütten.“

Derartige Stellen und die ziemlich bedrückenden Schilderungen einer alltäglichen und ohnmächtig hingenommenen sexuellen Gewalt, machen Chelsea Girls zu einem Stück Zeitgeschichte.

Nun kann man sich fragen warum der bereits 1994 erschienene Klassiker erst jetzt in der Übersetzung von Dieter Fuchs bei Matthes und Seitz erscheint. Man kann aber auch fragen, warum überhaupt?

Ist es über die zeitgeschichtlichen Hintergründe hinaus interessant, ein Buch zu lesen, dass in den frühen 90er vielleicht noch mit seiner Radikalität überzeugen konnte, heute aber durchaus anstrengende Passagen enthält?

Andererseits überzeugen die eher stillen Schilderungen einer bedrückenden Kindheit, in denen Myles die Verletzlichkeit und Naivität eines Kindes spürbar einfängt.

         „Während ich aus der hellen Kinderwelt die Treppe hinunter reiste, durch die              dunklen weichen Tunnel mit Teppichen an den Ort, an dem meine Eltern mich    immer hin und her bewegten, bevor ich richtig wusste, dass ich jemand war, außer dieser Bewegung, nie richtig wach, aber ganz offen, alles genau wahrnehmend und        spürend, hörte ich meinen Namen, das Ding, das mich wissen ließ, dass etwas   passieren würde, das mich aufweckte.“ 

Die radikale Suche nach Identität, die die kleine Eileen damals bereits erahnte, lässt konsequenterweise kein bequemes und konventionelles Erzählen zu, stattdessen lädt sie die Leser*innen ein, die Reise der „Erweckung“ nachzuvollziehen.

Eileen Myles
Chelsea Girls
Übersetzung: Dieter Fuchs
Matthes & Seitz
2020 · 252 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-839-6

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