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Kritik

Fliehen ist keine Option

Hamburg

Der dritte Band der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante heißt Die Geschichte der getrennten Wege, und tatsächlich liegt nun zwischen den beiden Freundinnen eine große räumliche und soziale Kluft. Lila, die geniale Freundin aus den ersten beiden Bänden, hat sich von ihrem vermögenden und gleichsam gewalttätigen Ehemann getrennt und bleibt in Neapel zurück. Dort lebt sie mit ihrem kleinen Sohn bei Enzo, einem Jugendfreund. Unter äußerst prekären Verhältnissen schuftet sie bis zum Rand der Erschöpfung in einer Fleischfabrik, wo sie sich zeitweise für die Verbesserung der Arbeiter einsetzt, was sie in große Schwierigkeiten bringt.

Elena, genannt Lenú, hat sich mit eisernem Willen an der Universität hochgearbeitet, ist als Schriftstellerin und Journalistin für linke Zeitungen anerkannt und durch ihre Heirat mit dem unattraktiven und langweiligen Pietro wird sie Mitglied der bekannten linksbourgeoisen Familie Airota.

Der Roman beginnt mit dem (vielleicht gewaltsamen) Tod einer langjährigen Freundin von Lila und Elena, und man könnte sagen, dieser Tod gibt einen Ausblick auf die vielen Morde und Verletzungen, die im Verlauf der Handlung vorkommen. Denn wie schon in den ersten beiden Romanen erleben Lila und Elena die Gewalttätigkeiten nicht abstrakt, sondern Elena Ferrante verschränkt politische und private Geschichte. Da sind zum einen die Morde an und durch Faschisten sowie die Untaten der bekannten Mafiosi-Brüder Solara. Außerdem befinden wir uns in den Jahren 1969 – 1976, in einer Zeit, in der Italien durch zahlreiche linksradikale Bewegungen wie brigade rosse oder lotta continua erschüttert wird. Auch in diesen Zusammenhängen sind Freunde der beiden beteiligt.

Lila wird mit der Gewalt direkt konfrontiert. Bei einem Überfall auf die Wurstfabrik geht sie der Faschist Gino an.

»Heb das wieder auf«, befahl ihr der Sohn des Apothekers und packte sie am Arm. »Heb das sofort auf und nimm dich in Acht: Gestern Nachmittag habe ich diesen gehörnten Scheißkerl von deinem Mann um die Erlaubnis gebeten, dir die Fresse zu polieren, und er hat sie mir gegeben.«
Lila sah ihm direkt in die Augen:
»Du fragst erst meinen Mann um Erlaubnis, bevor du mir die Fresse polierst? Lass sofort meinen Arm los, du Arschloch.«

Sie ist immer noch die kratzbürstige Lila, die mit Stefano, ihrer Familie, mit dem ganzen alten Viertel Rione gebrochen hat, aber es geht über ihre Kräfte. Vor allem verzweifelt sie darüber, dass sie denkt, ihrem Sohn Gennaro kein besseres Leben bieten zu können. So nimmt sie am Schluss doch wieder einen Job des Mafioso Michele an, um sich und ihrer ganzen Familie etwas Wohlstand zu verschaffen.

Während Lila sowohl in ihrem positiven wie oft negativen Verhalten immer authentisch ist, gelingt das Elena nur bedingt. Wie schon während des Studiums liest sie sich Argumente und Meinungen nur an, und so wirken sowohl ihre Ausführungen bei Diskussionen als auch ihre Artikel für die linke Zeitung Unitá immer etwas aufgesetzt und sie lässt sich von anderen vorgeben, womit sie sich beschäftigen soll. Dabei ist sie eigentlich hauptsächlich mit ihrem Privatleben befasst. Ihre Ehe mit Pietro wird für sie im wahrsten Sinn des Wortes unbefriedigend, ihre Mutterrolle strengt sie an, und vor allem ist sie unfähig, einen neuen Roman zu schreiben.

»Die Geschichte von einer die flieht und einer die bleibt« heißt frei übersetzt der Titel der italienischen Ausgabe. Doch letztlich kann auch Elena nicht fliehen, denn es ist für die beiden Freundinnen nicht entscheidend, ob sie zusammenleben. Selbst wenn sie sich lange nicht sehen, sind sie fast schon symbiotisch miteinander verbunden, wobei Liebe und Hass (Elena wünscht sich manchmal sogar, Lila solle sterben) eng beieinanderliegen. Und bei der ganzen, vielleicht diesmal etwas übertriebenen Themenfülle, ist der Autorin diese psychologische Gratwanderung wieder sehr gut gelungen. Es ist der interessanteste Aspekt des Romans.

Denn immer noch glaubt Elena, nicht ohne Eifersucht, dass Lila die Klügere und die für das Schreiben Begabtere von ihnen sei.

Ich wollte etwas werden, auch wenn ich nie gewusst hatte, was. Und ich war etwas geworden, so viel stand fest, aber ohne eine konkrete Vorstellung, ohne eine wahre Leidenschaft, ohne einen zielgerichteten Ehrgeiz. Ich hatte nur deshalb etwas werden wollen – und das war der springende Punkt -, weil ich Angst gehabt hatte, Lila könnte sonst etwas werden, und ich würde hinter ihr zurückbleiben.

Aber gleichzeitig wünscht sie sich, Lila hätte auch die weiterführende Schule und die Universität besuchen dürfen, dann hätten sie sich ergänzen können und wie früher die Freude am Verstehen und Erfinden geteilt. Letztlich denkt Elena, dass Lila, obwohl sie nie aus dem Rione herausgekommen ist, mehr vom Leben versteht als sie. Und sie braucht Lila, will sich in ihren Schatten kauern und Inspiration fürs Schreiben erhalten.

Umgekehrt gilt das auch für Lila. Als es ihr nicht gut geht, muss Elena schwören, sich um ihren Sohn zu kümmern, falls Lila etwas zustoßen würde. Nur ihr würde sie ihn anvertrauen. Und in einer eindrucksvollen Szene weint sie, weil sie Elena ihre ehrliche negative Meinung über deren beiden Romane sagen musste.

»Gib mir nichts mehr zu lesen, ich bin nicht die Richtige dafür, ich erwarte Großes von dir, ich bin mir absolut sicher, dass du es besser kannst, ich will, dass du es besser machst, das ist mein größter Wunsch, denn wer bin ich, wenn du nicht gut bist, wer bin ich dann?«

Am Ende des Romans verlässt Elena Mann und Kinder, um sich mit dem schon immer von ihr geliebten Nino in eine richtige amour fou zu stürzen. Diesmal hört sie nicht auf ihre Freundin, die Nino und dessen wankelmütigen Charakter kennt, und entsetzt ist, dass Elena wegen ihm ihre Familie verlässt. Elena fliegt mit Nino nach Frankreich. So endet der Roman. Er ist zwar konventionell erzählt und breitet eine Fülle von Einzelheiten aus, aber die Geschichte von Elena und Lila ist fesselnd erzählt. Im Februar 2018 soll sie weitergehen.

Elena Ferrante
Die Geschichte der getrennten Wege / Band 3 der Neapolitanischen Saga (Erwachsenenjahre)
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Suhrkamp
2017 · 540 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42575-6

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