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Kritik

Nicht nur ein Kind geht verloren

Zum Schlussband von Elena Ferrantes Tetralogie
Hamburg

Die Geschichte des verlorenen Kindes heißt der letzte Teil von Elena Ferrantes Tetralogie Meine geniale Freundin und beim Betrachten des deutschen und mehr noch des italienischen Titelbildes könnte der Leser auf die falsche Fährte der Unbeschwertheit gelockt werden. Denn auf dem ganz in Blau gehaltenen Umschlag der Suhrkamp-Ausgabe stehen zwei junge Frauen vor dem Vesuv am Meer, während das italienische Foto zwei kleine Mädchen in rosa und lila Kleidchen mit passenden Schmetterlingsflügeln zeigt, die ebenfalls am Meer sitzen.

Aber schon in den ersten drei Bänden fehlte es nicht an gewaltsamen Handlungen, man denke nur daran, dass u. a. Lilas Vater sie als kleines Kind aus dem Fenster geworfen hat, oder dass sowohl Lilas Chef Bruno als auch der Faschist Gino ermordet wurden. Und in diesem erzählerischen Finale scheint das Verschwinden des Kindes symbolhaft für die allgegenwärtige Gewalt zu sein.

Bereits die ersten Zeilen ziehen uns wieder in die Rivalität der beiden Hauptpersonen Lila und Elena, genannt Lenú, hinein.

Von Oktober 1976 bis zu der Zeit, als ich, 1979, nach Neapel zurückzog, vermied ich es, wieder feste Beziehungen zu Lila aufzubauen.

Elena verlässt ihren Mann Pietro in Turin und geht mit den beiden Töchtern wegen ihres Liebhabers Nino nach Neapel zurück, lebt dort zwischen 1979 -1995 erst in einer vornehmen Gegend, dann im selben Haus wie Lila im Rione, dem Viertel ihrer Kindheit.

Sie bekommt von Nino ihr drittes Kind, Lila fast gleichzeitig ihr zweites von ihrem Mann Enzo, der sympathischsten Figur in den vier Bänden. Bald ist Elena allein mit ihren drei Kindern, denn der unzuverlässige Nino kann sich erstens nicht von seiner Ehefrau trennen, und zweitens merkt Elena, dass er sich nur mit ihr eingelassen hat, weil er sich von ihren Verbindungen zu Verlagen und Intellektuellen Vorteile verspricht. Seine politische Karriere passt er den jeweiligen Möglichkeiten an, wandert von links nach rechts und steht für den opportunistischen Politikstil der heutigen Tage.

Während Lila sich mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit zu einer Computer-Spezialistin entwickelt hat und zusammen mit Enzo erfolgreich ein kleines Geschäft betreibt, kämpft Elena als alleinstehende Mutter von drei Kindern um ihren Ruf als Autorin. Den meisten Erfolg hat sie bei authentischen und daher kritischen Beschreibungen ihrer Umgebung, wobei sie die Gefahr der mafiösen Strukturen unterschätzt, denen sich im Rione niemand entziehen kann. Als ihre Camorra-Freunde aus der Jugend, Michele und Marcello Solara erschossen werden, wird ihr klar:

dass ich und unzählige andere anständige Menschen aus ganz Neapel in der Welt der Solaras gelebt hatten, wir waren zu ihren Geschäftseröffnungen gekommen, hatten Pasta und Gebäck in ihrer Bar gekauft, hatten ihre Hochzeiten gefeiert, ihre Schuhe gekauft, waren Gast in ihren Wohnungen gewesen, hatten mit ihnen an einem Tisch gegessen, hatten direkt oder indirekt ihr Geld angenommen, ihre Brutalität erduldet, und hatten so getan, als ob nichts wäre.

Überhaupt geht Elena Ferrante wie auch schon in den vorhergehenden Bänden auf die Zeitgeschichte Italiens ein. Da gibt zum einen den Niedergang der Democrazia Cristiana, die in Schmiergeldzahlungen (Stichwort Tangentopoli) verwickelt ist. Zugleich erlebt Italien Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Sozialisten, die Entführung Aldo Moros sowie andere blutige Attentate der Brigate Rosse, wegen denen auch die Romanfigur Pasquale ins Gefängnis kommt.

Lila, die seit ihrer Jugend mit der Mafia im Rione umzugehen hat, diese abwechselnd bekämpft oder ausnutzt, erkennt viel mehr als Elena die Gefahren, die das Leben in diesem Teil der Welt mit sich bringt und projiziert sie nach einem Erdbeben generell auf die Brüchigkeit des Lebens, wobei sie unbewusst das spätere Verschwinden ihres Kindes prophezeit:

…das Entsetzen bleibt, es steckt immer in dem Spalt zwischen zwei normalen Dingen. Es lauert dort, das habe ich schon immer geargwöhnt, und seit heute Abend habe ich die Gewissheit: Nichts hält, Lenú, auch das Kind hier in meinem Bauch scheint zu bleiben, aber es bleibt nicht.

Zeitweise sieht es so aus, als würde sich das Leben entspannen. Die Mutterschaft bringt die beiden Freundinnen wieder näher, sie helfen sich gegenseitig, die Kinder gehen bei beiden Familien ein und aus. Und so geschieht es, dass Elena bei einer Homestory mit Lilas Tochter statt mit ihrer eigenen fotografiert wird.

Dies ist die Schlüsselstelle in dem Roman. Das Verschwinden der kleinen Tina wird von Beginn an der Mafia zugeschoben, aber es bleibt rätselhaft, ob das Kind gezielt aus Rache an Lila entführt wurde oder ob die Verbrecher wegen des Romans mit Elena abrechnen wollten und aus Versehen das falsche Kind (wahrscheinlich) töteten.

Danach ist natürlich nichts mehr wie es war. Lila kommt über den Verlust ihrer Tochter nicht hinweg, zerfällt in ihrer Trauer körperlich und seelisch. Vergeblich versucht Elena sie zu trösten, doch später trifft ein, wovon Lila schon früher gesprochen hat: sie löst sich auf und verschwindet ebenfalls spurlos. Warum, hat sie Elena schon früher erklärt:

Um zu schreiben, musst du den Wunsch haben, dass dich was überlebt. Doch, ich habe nicht mal den Wunsch, selbst zu leben, ich habe ihn nie so stark gehabt, wie du ihn hast. Wenn ich mich jetzt auslöschen könnte, gerade jetzt, während wir reden, wäre ich mehr als froh.

Elena verliert nicht nur Lila. Auch ihre Töchter verlassen sie, die beiden älteren ziehen zu ihrem Vater in die USA, die jüngere studiert in Paris, bald haben sie ihre eigenen Familien. Ihre Eltern sterben wie auch viele ihrer Freunde, manche eines natürlichen Todes, manche, wie der schwule Alfonso, werden brutal ermordet. Bis auf eine Ausnahme sind auch Elenas Bücher kein Erfolg mehr und letztlich lässt sie, als sie allein nach Turin zieht, auch ein verändertes Neapel zurück

Neben Entwicklung und Verwicklungen der Freundschaft zwischen Lila und Elena ist das große Thema dieses letzten Bandes gleichzeitig die Geschichte von Verlusten, nicht nur von Menschen, auch von Illusionen. Als sie ihren einstigen Liebhaber, den ehemals hübschen und intelligenten Nino trifft, muss sie feststellen: er war dick, aufgedunsen, ein rüstiger Koloss mit schütterem Haar, der sich unentwegt selbst feierte.
Nach Jahren erhält sie ein Lebenszeichen von Lila. Obwohl diese ihr die beiden verloren geglaubten Puppen schickt, mit denen ihre Freundschaft vor Jahrzehnten begann, denkt Elena:

Jetzt, da Lila sich so deutlich gezeigt hat, muss ich mich damit abfinden, sie nicht mehr zu sehen.

Elena Ferrante hat die zahlreichen Aspekte, Themen, Personen, Orte wieder in einem raffiniert gestalteten Roman zusammengefügt. Zurzeit arbeitet der Regisseur Saverio Costanzo (Die Einsamkeit der Primzahlen) an einer 32teiligen Verfilmung des Romans. Man darf auf die Umsetzung des komplizierten Stoffes gespannt sein.

Elena Ferrante
Die Geschichte des verlorenen Kindes
Band 4 der Neapolitanischen Saga
Übersetzung:
Karin Krieger
Suhrkamp
2018 · 614 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42576-3

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