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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Tieraugen: Spiegel des Menschen

Elena Passarellos Tierbuch nötigt zur Misanthropie
Hamburg

„Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte“ — selbst für Bewunderer der Eleganz einer ausgeprägten Sparsamkeit ist dieser Titel nicht besonders aufregend. Doch lassen Sie sich nicht abschrecken! Wenn Sie in Ihrem Leben nur zehn Bücher über Tiere lesen, dann sollte dieses auf jeden Fall darunter sein. Elena Passarello schreibt nämlich nichts weniger als eine Menschheitsgeschichte, und die fällt im Hinblick auf die Beziehung des Menschen zu den ihm anvertrauten, ihn umgebenden Tieren nicht besonders vorteilhaft für die zweibeinige Spezies aus. Fast jeder Text des Buchs enthält ethischen Sprengstoff.

Natürlich haben wir das irgendwie mehr oder weniger gewußt, gespürt, geahnt. Haben es in mahnenden Filmen und aufklärenden Artikeln immer wieder gesehen oder gelesen: Tiere werden gequält und ausgerottet. Doch Passarello mahnt gerade nicht mit dem gereckten Zeigefinger, sie läßt einfach nur die Fakten für sich sprechen. Außerdem vermeidet der literarische Anspruch ein Abgleiten ins Sentimentale. Die Originalausgabe wagt eine Genreangabe im Untertitel: Essays. Und gerade die formale Vielfalt dieser Essays — Bericht, Erinnerung, Reflektion, Dialog, Chronologie etc. — macht das Buch zu einem ebenso faszinierenden wie anspruchsvollen Hybriden zwischen Nature Writing und Literatur.

Passarello nennt zwar bemerkenswerte naturwissenschaftliche Fakten, doch geht es ihr in den meisten Fällen um die ziemlich unheilige Allianz von Tier und Mensch. Tiere lassen den Menschen staunen, der Vogel Stahrl zum Beispiel, der Mozarts Melodien höchst phantasievoll variiert (was der Komponist seinerseits auch prompt notiert), oder die Spinne Arabella, die in der Schwerelosigkeit des Weltraumlabors lernt, Netze zu weben. Tiere scheinen jedoch auch die übelsten Charakterzüge im Menschen anzusprechen: der Hahn Mike lebt anderthalb Jahre ohne Kopf, die Ziege Lancelot wird zum Einhorn umoperiert. Dies alles zur gut bezahlten Unterhaltung.

Von den interessanten Ansätzen und ungewöhnlichen Blickwinkeln, die Passarellos Essays einnehmen, sei die Verbindung von Elektrizität und Elefanten in Amerika genannt. Nur drei Jahre, nachdem die Edison Electric Light Company ihre Geschäfte aufnahm, begann man mit Hunden, Rindern und Elefanten zu experimentieren, um Kriminelle und andere Störenfriede mittels Elektrizität beseitigen zu können. Die parallel geführte, nüchtern chronologische Auflistung der Ereignisse spricht in ihrer skrupellosen Dynamik für sich.

Das Tier, das wir bewundern und dem wir Namen geben, nutzen wir zu unseren Gunsten aus oder quälen es. Diese Handlungen waren und sind gesellschaftlich sanktioniert, doch wehe, wenn das Tier einmal seinem Instinkt folgt:

„Auch wenn wir es nur ungern zugeben: Die Bauteile, die es uns erlauben zu reisen, Dinge zu erfinden oder sogar Botschaften voller Menschen in die Luft zu jagen, sind am Ende nicht schwerer zu verdauen als die Beine eines Gnus oder das Herz einer dummen Gazelle.“

Das Tier, das instinktiv Menschen tötet, zur Verteidigung oder aus Nahrungsgründen, bekommt einen Namen verliehen, der mit einem moralisch verdorbenen Menschen assoziiert ist. Gleichzeitig vergeben wir aber Namen an die Kinder, die auf die Stärke von Tieren verweisen —: der Mensch, ein wandelnder Widerspruch.

Die Kluft zwischen den Spezies kann manchmal überbrückt werden; Gorillas lernen Zeichensprache, Kinder gehen in den Zoo oder Zirkus und schulen ihre Phantasie durch Tiergeschichten. Doch meist ist sie unüberbrückbar. Wenn Tiere aus Gedankenlosigkeit oder Profitgier ausgerottet werden, eröffnet die moderne Wissenschaft die Möglichkeit, sie zu clonen, das heißt, „die Aufhebung des Endling-Status“ einzuleiten; doch die Mittel dafür sind nicht minder grausam als die Ausrottung selbst. Der Mensch scheint dem Zirkel der Gewalt nicht entfliehen zu können. Passarello legt es unbestreitbar dar.

Elena Passarello
Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte
Übersetzung: Beatrice Faßbender
Hanser Berlin
2018 · 288 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25858-7

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