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Artichoke #17
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Artichoke #17
Kritik

Mein IQ ist einer der höchsten

Hamburg

Es kommt einem Martyrium gleich, den Essayband Neulich in Amerika des Eliot Weinberger zu lesen. Dabei sind es „nur“ Fakten. Im Zeitraffer aneinander gecuttet, im Verlauf ihrer Originalveröffentlichungen seit 2001. Der Weg zur nahezu vollständigen Zerstörung der Demokratie in den Vereinigten Staaten unter Ausnutzung ihrer archaischen Schlupflöcher, einsetzend mit der hier „Staatsstreich“ genannten „Wahl“ George W. Bushs, bis hinein in die Einträge vom Mai diesen Jahres in den Aktualitäten des ___STEADY_PAYWALL___coronabedingten Aktionismus vor der anstehenden Novemberwahl. Weinberger heftet Vorkommnisse aneinander, geht selbstredend auf weiterzurückliegende christlich-religiöse Einflussnahmen unter Reagan ein und spart nicht mit allen Steilvorlagen einer an absolutistischem Anspruch kaum unverhohlener agieren könnenden „Partei“ namens Republikaner in der jüngeren US-Geschichte. Weinbergers Prosagedichte genannte Aufzählungen, wen „die Republikaner nicht mögen, weil –“ ist eine schmerzende Leseerfahrung, auch die Einzelporträts einiger ranghoher Parteisoldaten dieses offiziellen Armes des Toxismus, den Weinberger offen eine „Mafia“ nennt.

Die Republikaner mögen Wahlcomputer

Um Groucho Marx zu zitieren, „kommen Sie ins Kabinett und gruseln Sie sich“. Ja, natürlich schockieren jeden Tag Nachrichten, oder der Teil, den man zu sehen bekommt, den man sich selbst sucht, der immer wieder trotz allem auch in die blasigste Blase dringt, doch die fassungslos machende Rezeption von Weinbergers Technik, die filmartige Sequenz der höhnischen Systematik dieser Zerstörung aller Werte, außer dem einen des straight white malen Bereicherns auf Kosten von Umwelt, „Minderheiten“, Mitgefühl als supreme Gralsleiter, mit ihrem Fanal des aktuellen „Präsidenten“, rattert beim Lesen durch die Seiten wie eine Selbstentleibung.

Gewiss ist es von hier aus leicht, „nach da drüben“ zu schielen und den „Scheiß auszumachen“, der am Werk ist. Wenn das Buch eines hoffentlich anregt, dann, auch hier zu schauen und „den Scheiß“ auszumachen, der an den vorhandenen Schlupflöchern der Demokratie geifernd schon hängt, um dem System aus gewählter Kontrolle und unabhängiger Gegenkontrolle den Garaus zu machen / schon gemacht hat. Es ist bei Weinbergers Buch sehr schwer, sich nicht verloren zu fühlen. Und es sträubt sich einfach die Feder, für die Zitatekurve in dieser Besprechung den Namen und die Taten, die Worte und die Unterlassungen der aktuellen republikanischen Oberfrisur irgendeinen Platz einzuräumen. Lesen Sie es selbst! Das Buch ist ein Kinnhaken.

Was man nicht vergessen darf, es ist selbstverständlich einseitig und pauschalisierend. Die Demokraten, absurderweise die einzige „Alternative“, stehen nach der Faktenparade des Buchs natürlich in einem geradezu erlösenden Licht da. Dass sie prinzipiell aber von denselben „Dummheiten“ (abzüglich republikanischer Skrupellosigkeit) heimgesucht, beherrscht sind, dass sie mitverantwortlich sind für die beispiellos „friedliche“ Abschaffung einer Demokratie zugunsten einer fundamentalistischen Zeitbombe, muss LeserIn selbst begreifen. Vielleicht auch, dass die vermeintlich binären Schismen, die Weinberger aufdeckt, nicht mehr so ganz aktuell sind. Dass vielleicht in Wirklichkeit ein sehr großer Teil der nachkommenden Generation aktiv daran arbeitet, nicht länger von väterlichen, vermögenden, weißen Herren „abgemuttert“ zu werden. Dass eine sogenannte Politik überhaupt an ihrem Ende angekommen sein könnte. Wir wissen es nicht, und es wird wärmer. Dieses Buch in der soeben herrschenden Hitzewelle zu lesen, – vermeiden Sie es!

Weinberger beginnt Neulich in Amerika mit einigen Errungenschaften aus der chinesischen Klassik, damals im Kaiserreich.

Ist der Herrscher lauter und aufrichtig, werden etliche Beamte ihre Pflicht erfüllen, und niederträchtige Menschen werden sich verborgen halten. Ist der Herrscher nicht aufrichtig, werden böse Menschen ihr Ziel erreichen, und die loyalen werden sich verstecken.

In einem gut geführten Land müssen jene, die über Politik beraten, in Einklang mit dem Gesetz sein; jene die offizielle Tätigkeiten ausüben, müssen reglementiert werden. Vorgesetzte werten die verbürgte Leistung aus; Beamte verrichten ihre Arbeit effizient. Worte dürfen die Wirklichkeit nicht übertreffen. Taten dürfen das Gesetz nicht übertreten.

In einem ungeordneten Land werden jene, die von der Menge gelobt werden, reich entlohnt, ohne etwas geleistet zu haben. Jene, die ihren Pflichten nachkommen, werden bestraft, obwohl sie frei von Schuld sind. Der Herrscher tappt im Dunkeln und versteht nicht. Würdige unterbreiten keine Vorschläge. Beamte bilden Parteiungen; sich auf die Wirkung ihrer Worte verstehende Redner streifen umher; Leute schmücken ihre Taten aus. Jene, die als weise gelten, widmen sich Tricksereien und Betrug; hohe Beamte ergreifen die Macht. Klüngel und Lagerbildung verbreiten sich. Der Herrscher führt eifrig Projekte aus, die unnütz sind, während die Menschen verhärmt und erschöpft aussehen.

Der Herrscher nutzt die Weisheit der Welt, um Pläne zu machen. Sein persönliches Behagen entscheidet nicht über die Vergabe von Belohnungen. Sein persönlicher Groll entscheidet nicht über die Zumessung von Strafen. Darauf gründet sich seine ehrfurchtgebietende Würde, und seine Gesetze und Weisungen werden klar und präzise sein und nicht für harsch erachtet werden.

Ein Land, das als verloren gelten kann, ist nicht eines ohne Herrscher, sondern eines ohne Gesetze.

Gut, dass es dieses Buch gibt. Leider ist es nur ein Buch.

Eliot Weinberger · Beatrice Faßbender (Hg.)
Neulich in Amerika
Übersetzung:
Beatrice Faßbender, Eike Schönfeld und Peter Torberg
Berenberg
2020 · 272 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-946334-69-9

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