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ein dicht geflichte,

leuchtpunktiert.
Hamburg

attacca holdrio. unwirsche gedichte“ lautet der Titel des in der édition sacré, in einer Auflage von 111 nummerierten und signierten Stück, erschienenen neuen Gedichtbands von Elisabeth Wandeler-Deck. „attacca“ ist ein Begriff aus der Musik und bedeutet beispielsweise, dass ein Satz ohne Pause dazwischen sofort an den vorhergehenden anschließt. „holdrio“ wiederum hat viele mögliche Bedeutungen: ein Freudenjodler, ein alkoholisches Heißgetränk aus Hagebuttentee und Zwetschgenschnaps, oder ein Luftikus könnten damit gemeint sein. Der Band enthält einige sehr schöne Illustrationen von Dieter Kubli, in denen er sich einzig auf rot, schwarz und beige beschränkt und Buchstaben im Detail und in Ausschnitten in Szene setzt. Die Illustrationen kommen immer zwischen den einzelnen Kapiteln oder Gruppen zusammengehöriger Gedichte und erzeugen damit eine kurze Pause. Wodurch es nicht attacca von Kapitel zu Kapitel geht, aber schon attacca von Gedicht zu Gedicht innerhalb der jeweiligen Abschnitte.

Der erste Abschnitt „waldweg, innen,“ und der letzte „fahrküche, innen,“ sind beide „auf Einladung von Marion Strunk, auf zwei Bilder in Foto und Faden zu reagieren“ entstanden. Ihre Zusammengehörigkeit verrät uns schon der Titel, mit der Wiederholung von „innen,“. Dadurch, dass sie am Beginn und am Ende des Buches stehen, schließt sich mit ihnen ein Kreis, so wie auch das nur teilweise zu sehende O auf dem Cover einen durch den Bildausschnitt offenen, aber dennoch in sich geschlossenen Kreis darstellt.

Hinten am Buchcover ist ein Gedicht zu lesen, das uns „noch mehr fragen in diesem büchlein“ verspricht, und das wird auch eingehalten, da die Gedichte tatsächlich sehr viele Fragen stellen:

hellster stern am kiel

dir?

dort? dort? wie das?

wo zauste wo zausen ja?

nah nah

Sehr gerne hat Elisabeth Wandeler-Deck Verhörer, beispielsweise wenn wir nicht „fadenscheiniges“, sondern „madenscheiniges“ vor uns haben. Oder einen wunderschönen „nachthall“ statt einen gewöhnlichen „nachhall“. Oder „mondtag“ statt „montag“. Oder wenn wir „ich halo lutiniere ihn“ statt „halluzinieren“ lesen.

Gleichklang und Alliterationen sind häufig der Zündschlüssel, der den Gedichtmotor zum Laufen bringt und alles in Bewegung setzt: „kanne // kannelüre? kanüle? wen kümmert’s.“ Bei vielen Stellen lässt sich ein Kippmoment von Poesie zu Musik beobachten – „das. alles hat mit aber; auch; und. gar nichts“ - wenn Rhythmus und Beat im Vordergrund stehen:

und ab.
und wann und wie im

dann voll mond und dann

Und dann gibt es noch eine Besonderheit an den Gedichten, die ich vielleicht am besten Elisabeth Wandeler-Deck selbst erklären lasse:

sehr golden der boden oder war’s doch ägyptischblau
was passiert, wenn sätze durch eine gegebene menge von

wörtern sickern

Das Motiv des Durchsickerns von Wasser durch poröses Gestein oder festes Substrat taucht oft und wiederholt auf. Dieses Zitat jedoch erachte ich als eine Schlüsselstelle, da hier ausgesprochen wird, was wir zu diesem Zeitpunkt (auf Seite 56 von 94) längst vermutet haben: dass Elisabeth Wandeler-Deck möglicherweise Sätze durch eine gegebene Menge von Wörtern sickern hat lassen und so mittels eines „Sickertests“ einen Sickertext erhalten hat. Nicht alles ist durch die Poren durchgegangen, wie Wasser, das nach dem Vorgang gefiltert und gereinigt ist, zugleich aber auch angereichert mit feinen Partikeln und Mineralien, die sich aus dem porösen Gestein gelöst haben. Genau so verbindet sich in den Gedichten Elisabeth Wandeler-Decks Unterschiedlichstes miteinander. Am Beginn wäre da beispielsweise eine große Faszination für Farbschattierungen und präzise Farbnennungen:

oxid permanentgrün licht kobalt flaschen
grün kobaltgrün rinmansgrün chromoxid
grün

Im ganzen Band werden auch immer wieder Namen aus der griechischen Mythologie, wie Menelaos oder Nausikaa, eingeworfen. Und es geht unter anderem um nähen/sticken/singen und um Boote und ganz am Schluss scheinen die Gedichte dann durch ein Kochrezept durchzusickern:

es aufheben
ein fliegenbein, es aufheben
sowie, zitat, man nelke kurkuma zitronat
nelkt. nelkt blau? zitronend färb stringt zeil

attacca holdrio. unwirsche gedichte“ ist damit ein kleines, feines Büchlein, das es in sich hat und das man am besten mehrmals und vertiefend liest: „holdrio!“

Elisabeth Wandeler-Deck
attacca holdrio
unwirsche gedichte
Illustrationen: Dieter Kubli
édition sacré
2020 · 94 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3907310007

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