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Mein Notiz Körper ICH lege mich mit Kairo an.

Hamburg

2007 verbrachte Elisabeth Wandeler-Deck zwei Monate, November und Dezember, in Kairo. Diese Zeit ist umfassend dokumentiert in ihrem in der Edition Howeg erschienenen Gedichtband TAGUMTAGKAIRO. Schöner geht kaum, das Buch ist eine Freude für Kopf, Hand und Auge. Es ist ungemein sorgfältig, aufwändig und liebevoll gestaltet und gemacht: auf dem Cover sehen wir einen Ausschnitt aus dem Stadtplan von Kairo, gebunden ist es mit hellgelber Fadenheftung und es hat ein ebenso hellgelbes Lesebändchen. Pro Doppelseite gibt es je eine Farbfotografie, die Doppelseiten sind jeweils als ein Ganzes konzipiert und optisch sehr schön gestaltet. Und auch haptisch liegt der Gedichtband wunderbar in der Hand. So viel zum äußeren Erscheinungsbild des Bandes, aber natürlich wollen wir darüber nicht den Inhalt vergessen: Denn beides gehört zueinander, die Form bedingt den Inhalt und der Inhalt die Form. Dieses ineinander Übergehen von Form und Inhalt ist bei diesem Band ungemein harmonisch.

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Wirklich besondere Bücher sind als Ganzes ebenso besonders, wie auch im kleinsten Detail. Ein solches wäre beispielsweise die Tatsache, dass Elisabeth Wandeler-Deck komplett auf Seitenzahlen verzichtet. Stattdessen ist jeder Doppelseite ein Datum vorweg gestellt, das Datum des jeweiligen Tages, denn wir haben es hier mit einem lyrischen Tagebuch oder Logbuch zu tun. Die Doppelseite wird somit als eine Einheit gezählt und jede Tages-Doppelseite setzt sich aus drei Elementen zusammen: einem Foto und einem Gedicht auf der linken Seite sowie einem Prosaauszug auf der rechten Seite:

 […] Diese 3 Elemente von den Tagen sollen sich zu einem
Buch fügen 1 Gedicht, das ich nach Ablauf des Tags nicht mehr
anrühre; 1 Foto vom selben Tag; und zu jedem Tag 1 Auszug
aus meinen Handnotizen. […]

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Neben dem Datum links oben stehen jeweils die ersten Worte des Prosaausschnitts auf der rechten Seite als Tagesüberschrift. Das ist auch wieder so eine scheinbare Kleinigkeit, die aber große Auswirkungen hat und viel dazu beiträgt, dass die beiden Einzelseiten als eine Einheit, eine zusammengehörige Doppelseite, wahrgenommen werden.

Auf den Fotos sehen wir Straßen, Gebäude und Landschaften bei Tag und bei Nacht. Menschen sind zumeist (mit wenigen Ausnahmen) von hinten zu sehen, oder im Begriff, sich gerade von der Fotografin abzuwenden. Auch der Blick der Fotografin ist der einer Dichterin. Das heißt, wer die klassischen, bekannten Touristenansichten von Kairo erwartet, wird diese auf den Fotos nicht finden, oder höchstens einmal klein im Hintergrund erkennen können. Elisabeth Wandeler-Deck rückt das Unscheinbare und Unerwartete ins Zentrum. Wir sehen Wände, leere Plastikstühle, Autos, ein vorbeifahrendes, voll beladenes Abfallboot und dergleichen. Was ganz ausgeklammert ist, sind Kinder, die auf keinem der Fotos zu sehen sind. Und Tiere tauchen auch äußerst selten auf, es gibt eine rote Katze, einmal Pferde und dahinter ganz klein auch mehrere Kamele und einmal ein Foto von Wasserbüffeln. Die in den Texten häufig auftauchenden Vögel sind auf den Fotos nicht zu sehen. Gleich das zweite Foto am Beginn ist ein Selbstportrait der Dichterin als Fotografin:

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Es finden sich noch zwei weitere gespiegelte Selbstportraits dieser Art im Band, eines davon ist das abschließende Foto zum letzten Eintrag. Und es gibt auch ein Foto im Band , das vermutlich von jemand anderem gemacht wurde, und auf welchem Elisabeth Wandeler-Deck im Gespräch mit einem möglicherweise ebenfalls Schreibenden zu sehen ist, der in der Brusttasche des weißen Sakkos steckende Bleistift legt diesen Verdacht nahe.

Direkt unter jedem Foto ist ein Gedicht zu lesen, welches an dem Tag verfasst und im Anschluss daran nicht mehr überarbeitet wurde. Das erste Gedicht (2007-11-01) beginnt mit den folgenden Zeilen:

vermisse schreib papier ver
misse lese licht ver misse ver
tausch ver griff koffer verfehlt […]

Dieses Aufspalten von Worten ist eines der auffälligsten Mittel, mit welchen Elisabeth Wandeler-Deck arbeitet. Die sich dadurch öffnenden Spalten und Ritzen in den Worten machen die Gedichte mehrdimensional, da es nicht nur die Ebene der Zeile gibt, sondern zusätzlich auch noch ein Dazwischen und Dahinter der Worte gibt. Es sind keine einengenden Gedichte, sondern sich öffnende Gedichte, die etwas auffächern und auffalten und damit sichtbar machen wollen:

ach die frage des
glückt sie nun die
frage des an
und des des auf
faltens DES an
setzens […]

In allem zeichnen sich die Gedichte von Elisabeth Wandeler-Deck durch eine sehr große Behutsamkeit aus:

wörter als ob ich streifte sand dein kleid
fliegen die dach
kante lang
sanft

blau

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Der Ausschnitt Prosa auf der jeweils rechten Seite ist ganz dezidiert ein Ausschnitt, so wie auch die Fotos ein Bildausschnitt sind. (Wenn ich die Bezeichnung „Prosa“ für diese Abschnitte des Buches verwende, so folge ich damit der Selbstbezeichnung im Buch, wo es beispielsweise am Cover heißt: „1 Ausschnitt Prosa“. Doch Prosa ist nicht gleich Prosa. Damit es zu keinen Missverständnissen kommt sei an dieser Stelle festgehalten, dass es sich dabei um lyrische Prosa, bzw. Prosagedichte handelt.) Wenn etwas ausgeschnitten wird kann es auch passieren, dass manches abgeschnitten wird. Und wirklich brechen einige Prosaausschnitte in der letzten Zeile mitten im Satz ab, was uns dann weiterrätseln lässt, wie der Satz wohl weitergehen könnte:

 […] Techniken der Strassen-
querung; als hilfreich erweist sich, dass die grösseren Strassen

Aber nicht nur am Ende kann abgeschnitten werden, auch am oberen Anfang. Ersichtlich wird das, wenn der erste Satz in der Hälfte beginnt und für uns nur als unvollständiges Fragment zu lesen ist:

über das Averbal jedoch ein Austausch möglich sei. Erste Metro-
fahrt. Es gibt die Wagen der Frauen und es gibt Engnis. Da quet-
sche ich mich dazu. […]

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Der Prosaabschnitt enthält auch immer wieder Auszüge aus E-Mails, SMS oder Briefen, in denen erzählt und resümiert wird, oder in denen auch das Schreib-Projekt, an dem in diesem Moment noch gearbeitet wird und das wir nun als fertiges Buch in Händen halten, näher erläutert wird:

Lieber A., (ich) habe den Text überarbeitet, er scheint mir nun,
wie man so sagt, zu funktionieren. […]

Alle drei Elemente, Foto, Gedicht und Prosaausschnitt sind klar voneinander getrennt, haben ihren eigenen Platz auf der Seite und ihre eigene Form. So verwenden die Prosaauszüge beispielsweise die gängige Groß- und Kleinschreibung, die Gedichte hingegen durchgehend Kleinschreibung. Trotzdem gehören die drei Elemente aber doch zusammen, bilden ein und denselben Tag ab und beziehen sich auch aufeinander. Sehr eindrücklich ist diese Bezugnahme beispielsweise bei dem Foto, auf dem die Wasserbüffel zu sehen sind:

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Im Prosaausschnitt desselben Tages wird das Foto beschrieben und zugleich über die Möglichkeiten und Grenzen der Bildbeschreibung nachgedacht:

[…] oder Wasser-
landschaften eine Inselhaftigkeit im Nassen die Tiere Wasser-
büffel die Insel kaum mehr als eine Aufrauhung der Wasser-
fläche wäre was ist eine Beschreibung gegen 1 Fotografie […]

Diese (Un-)Möglichkeit des Schreibens und Beschreibens scheint überhaupt die Motivation hinter allem zu sein:

[…] ich schreibe nicht über Kairo ich schreibe hier in Kairo […]

Über etwas zu schreiben, ist eine Sache, über etwas nicht zu schreiben, eine andere. Elisabeth Wandeler-Deck beherrscht beides und wechselt schreibend ständig zwischen schreiben und nicht-schreiben, wobei das schreibende Ich sich selbst von Tag zu Tag immer wieder widerspricht:

2007-11-07
(ich) schreibe nicht meine Spaziergänge, schreibe nicht auf,
was mich umtreibt, […]

 2007-11-11
[…] was soll
ich sagen, heute mehr spaziert als notiert, im Park auf jeder
Parkbank 2 junge Menschen, […]

In der Beschreibung und Nichtbeschreibung wird selbst dem Weggelassenen und Nichtvorhandenen Raum gegeben:

oder was alles weg fiel was ich alles aus liess welches Decres-
cendo mir entging
ich niederschrieb und nicht exzerpierte was
ich nicht notierte was es hier gibt und nicht gibt und doch
gibt […]

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Ebenso wie sich Elisabeth Wandeler-Deck in ihrem Scheiben ganz besonders für das interessiert „was es hier gibt und nicht gibt und doch / gibt“, versucht sie auch das Nichts eines Nichtereignisses in Worte zu fassen:

[…] Es passierte
NICHTS (ich) suchte das WIE des Nichtereignens was dann
das Ereignis wäre wenn
Schatten übers Papier geht vorüber
geht und wird. […]

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Neben diesen (Nicht-)Beschreibungen von Spaziergängen oder der Beschreibung eines Nichtereignisses wird aber andererseits auch sehr Konkretes beschrieben, wie beispielsweise das Trinken von Tee:

erhöhte die Dosis kalten Wassers nach jedem Schluck. Vom Tee-
glas Duft nach Zimt und Ingwer, während der Rauch aus den
Wasserpfeifen seine aromatisierende Nebligkeit entfaltet […]

Oder auch die Besonderheiten der Landschaft:

[…] die Palmen machen den Unterschied, die
Bananenstauden, pelzartiges Herabhängen, die Wasserbüffel,
Trauerweiden, die paar aufgereihten Ibisse, was sonst einen
Unterschied macht, der kleine Nil oder wäre es bloß ein Kanal
gewesen, das gedachte Blau der Wasserhyazinthen, von wel-
chem (m)ein Augenöffner berichtet, […]

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Und nicht nur die Landschaft wird in der Beschreibung greifbar, auch Kairo als Stadtraum und Großstadt:

[…] Es gibt die Stadt-
pläne. Es gibt die unzureichenden Stadtpläne. Wie viele Busli-
nien gibt es? Wo fahren die Mikrobusse hin, wenn sie von dort
wegfahren, wo ich stehe? Es gibt die Anzahl der Metrolinien,
zwei oder drei, je nach Zählweise. Es gibt […]

Elisabeth Wandeler-Deck balanciert in ihrem Schreiben den Grad zwischen Beschreibung und Nicht-Beschreibung entlang. Sie baut auch Zahlen und Fakten in ihr Schreiben ein, aber es sind gerade die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die uns sehr viel über die Gegebenheiten und Besonderheiten Kairos verraten:

 […] heu macht man hier im winter
für den sommer

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

Normalerweise sind Gedicht und Prosaausschnitt klar voneinander getrennt. Doch einmal wird ein Text aus den Handnotizen rund zehn Tage später nochmals wortwörtlich als Gedicht mit anderen Zeilenumbrüchen wiederholt:

2007-11-04
WAS anfangen anbelangt, ich fange an, ich fange in Kairo an,
ich fange mich in Kairo an, ich fange etwas an mit Kairo, ich […]

2007-11-15
anfangen einfangen was anfangen an
belangt ich fange an ich fange in
Kairo an ich fange mich in KAIRO
an ich fange etwas an mit KAIRO ich […]

Diese Stelle fällt insofern heraus, als mir ansonsten nicht aufgefallen wäre, dass Textfragmente derart ident von einer Form in die andere übertragen und wiederholt werden. Das könnte darauf hinweisen, dass wir es hier mit einer Schlüsselstelle des Gedichtbandes zu tun haben und dass es Elisabeth Wandeler-Deck darin an jedem Tag, auf jeder Seite, in jeder Zeile und mit jedem Wort um das Anfangen geht. Um das Anfangen und das Innehalten, um sich des möglichen Anfangs, der jedem Moment innewohnt, bewusst zu werden.

TAGUMTAGKAIRO * Elisabeth Wandeler-Deck * Edition Howeg 2018

 

Elisabeth Wandeler-Deck
TAGUMTAGKAIRO
Mit einem Nachwort von Wolfram Malte Fues
Edition Howeg
2018 · 134 Seiten · 44,00 Euro
ISBN:
978-3-85736-331-3

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