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Kritik

Die wunderbare Kunst der Leerstelle

Elke Engelhardt zeigt, wie Magie zwischen zwei Buchdeckeln funktioniert
Hamburg

Nein, Sansibar ist kein Ort. Sansibar ist eine Figur – aber was für eine, das verliert sich in den schemenhaften Umrissen genauso wie die utopisch umwölkte Insel aus Alfred Anderschs Roman, an die man sich bei diesem Titel natürlich unwillkürlich erinnert fühlt. Sansibar lebt in einer dieser Leerstellen, die er selbst dauernd beschwört, ein irrlichterndes Geschöpf des Zwischenraums von Noch-nicht-da und Bereits-wieder-fort, eine provisorische Existenz, die sich in der Traurigkeit eingerichtet hat und deshalb die Freuden umso klarer erkennt. In seinen Selbstgesprächen und Gebeten kommen die Paradoxien des Lebens zum Ausdruck, ___STEADY_PAYWALL___die womöglich gar keine darstellen, nur produktive Spannungen, Reibungsflächen, die eine seltsame Wärme ausstrahlen. »Dann fing er an zu beten«, beginnt das Buch erschütternd schlicht. »Nicht weil er einsam war / eher war die Nacht zu hell / für die üblichen Lügen«. Damit ist das Grundmotiv umrissen: Selbstvergewisserung auch um den Preis schmerzhafter Wahrheiten.

Als Gestalt ist Sansibar nur schwer zu fassen, er denkt an seine Mutter, schreibt seiner entfremdeten Schwester, lebt in einer Wohnung, in der eine Nachbarin mit einem Kopftuch in den Händen einzieht, viel mehr erfahren wir nicht. Zuweilen scheint er nur ein einfacher Mann zu sein, der in einer schlichten Sprache über die tiefsten Dinge räsoniert, ein Jedermann; dann wiederum spricht er wie ein morgenländischer Weiser aus einem Märchen, den es unter die heutigen Menschen verschlagen hat. Sansibar ist ein Sprachrohr für die Widersprüche, die alles durchziehen und aus denen alles besteht. Ihm legt Elke Engelhardt großartig formulierte Einsichten in den Mund, die aus der Abwesenheit, der Leerstelle, dem Vermißten einen Hymnus auf das Unabänderliche machen. Wenn er vor dem Spiegel steht, stellt er sich vor, wie dieser zu ihm sagt: »Du bist die schönste Lücke im ganzen Land«.

Diese Leerstelle gilt es immer wieder aufzufüllen. Sansibars Monologe sind Gebete an einen verborgenen Gott, der sich nicht mitteilt, seine Gebete sind Fragen, auf die es keine Antworten gibt – und dies sind bereits die Antworten auf alles. Das ist bezwingend einfach formuliert, klagend ohne Kitsch und Anklage, in der Frage bereits die Feststellung treffend, nüchtern und doch – ja, tatsächlich – zu Herzen gehend. Die säkularen Gebete von einem, der um den Glauben ringt, das heißt um Bestätigung, Zuspruch, Gewißheit und Trost in einer Welt, die all dies meistens verweigert. »Wir als Kopien von dem der uns / gemacht hat / aber mit der Fähigkeit / ganze Sätze durchzustreichen«. Sansibar, dem ein ganzer Roman vorschwebt, steht »kurz davor einen Satz in [s]ein Heft zu schreiben«, weiter voran kommt er nicht, aber sein Vorhaben ist »grenzenlos«. In seinen Gebeten konstruiert und erfindet er nicht nur sich selbst unterdessen neu, sondern vielleicht auch den ihm und der Welt abhanden gekommenen Gott.

Ähnlich im Ton sind die beiden anderen, etwas schmaleren Zyklen des Bands, »Einige sehr kurze Geschichten vom Glück, die kleine Frau zu sein« und »Die Lumpen meiner Erinnerung«. Die namenlose kleine Frau ist nämlich gewieft und durchaus fähig, aus den wie launige Spruchweisheiten vorgetragenen Negativfällen entschiedene Stärke zu gewinnen. Zum Beispiel: »Erst muss man untergehen, / dann kann die Luft nach einem schnappen.« Oder: »Erst muss man es aufschreiben, / dann kann man streichen.« Es sind diese kurzen Geschichten kleine Berichte über den Widerstand gegen das scheinbar Unvermeidliche, gegen das, was mit häßlicher Gesetzmäßigkeit eintritt. Manchmal gelingt dieser Widerstand, manchmal auch nicht, in jedem Fall entwickelt sich daraus eine Erkenntnis. Und noch – wie bei Sansibar – etwas anderes:

Ich bin die kleine Frau.
Ich stehe am Strand
und denke nach.

Aber ich mache mir keine Gedanken worüber ich nachdenke.
Das ist Freiheit.

Elke Engelhardt hat hier ein ausnehmend schönes (und schön gestaltetes) Buch vorgelegt, das von Sprache angetriebene Metaphern und Bilder engmaschig verwebt – und nebenher das Mißverständnis beseitigt, daß daraus nur lebensfremde Literatur entstehen könne oder müsse. Engelhardts »Sansibar« – vielleicht ein jetztzeitlicher Verwandter ähnlicher Gestalten bei den Lyrikern Cyrus Atabay, Christoph Meckel und Peter Härtling – ist in seiner Dürftigkeit und Fehlbarkeit ein tröstlicher Heiligenersatz, wo ein metaphysischer Hintergrund immer fadenscheiniger wird. Kein Zweifel, dieses Buch hat Bestand!

Elke Engelhardt
Sansibar oder andere gebrochene Versprechen
Elif Verlag
2020 · 134 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-946989-32-5

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