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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Kriminelle Begeisterung

Hamburg

Elke Erbs Suhrkamp-Band ist ein eilig zusammengestellter Triumph, nicht mehr, nicht weniger. Er befreit kaum davon, die abgeschlossenen Werke der großen Dichterin im Ganzen zu konsultieren, ist aber in sich auch auf eine Weise geschlossen, die genauso viel Freude bereitet wie das Lesen im Einzel-Erb-Werk. „Eine Anthologie“, wie es im Nachwort der HerausgeberInnen Rinck und Popp heißt, die habe eben zwei Seiten. Es ist ihr Verdienst, auch aus den früheren weniger zugänglich aufgelegten Büchern sich zu speisen und mit Bedacht das Große Unteilbare wie Winkelzüge dagegen nicht anzutasten. Das ist hier der Fall bleibt nach dem völlig verdienten Büchner-Preis der zündende Scharfmacher auf Erbs geniale Schreibkunst. „Unvermindert jugendlich“ nennen Rinck-Popp sie und preisen ihren „beharrlichen, aufmerksamen und zugewandten Umgang mit ausnahmslos allem, „was der Fall ist““.

Dass sie es „meisterhaft versteht, das Einhaken des Begrifflichen auszusetzen, die Dinge in Bewegung und die Wahrnehmung in Spannung zu halten“, Erb selbst meint, „die Menschheit geht mit mir ein Risiko ein“ – auch „warum kann ich einfach nicht einfach sein?“

Der Band geht chronologisch vor, mit Gedichten aus den 60er Jahren, über die 70er, Bereiche, die gequälter (Nur ein Beispiel: Qual) wirken als die nach und nach immer spontanere, freiere Arbeit am Wort. Auch die Über-/ Bearbeitung älterer Pfründe aus Tagebüchern, Notizen usf., die Kommentierung als Neu-Materialwurf, Erbs eigenstes Genre, „Text original, empathisch ververst“, bricht sich Bahn.

Erbs Sprache ist eine Meisterin des Auftauchens, des Lichtwurfs. Nie ein Silbchen zu viel, und bemerkenswert: auch nicht eines zu wenig. Dabei durchaus auch visuell verspielt, wie u.a. das angebissene Mondgedicht „Ein Schuldgefühl“ beweist. Ihr „Ablesen vom Wirklichen“ ist das allübergreifende Thema Erbscher Dichtung, das Verflechten des Textes mit seinem eigenen sichtbar gemachten Meta-Text, über sich selbst, aber auch immer über seine Autorin, die die Verse gebiert und dabei sagt: „Ich lerne.“

Die 70er-Gedichte scheinen auch eine Phase der expliziteren politischen Stellungnahmen zu sein. Konkretes Einfangen des Gesehenen, Gespürten:

Ich bin es leid hinterherzusehen                                    geäfften Blicks
                verbietend
                verboten zu werden                                          (hin und zurück
                                                                                        bequem, Komfort!)
                mich zu rechtfertigen

Bei Erb könnte man außerdem sagen, das Gehör ist am Werk. Aufzeichnend, was schon da ist, aber nicht sichtbar, bis im Vers materialisiert, wiederum auch bloß Transkriptionsmedium eines Unmaterialisierbaren, eines Weiterzugebenden. Fast manisch dabei die Datierung und Verortung der Gedichte, hier und dort gesehen und gehört, hergeverst und heute ins Weitere gewandelt, Selbstbetrachtungen in der Zeit – mit genauem Erkenntnis-Peng.

Interessant ist, im Verlauf den Wandlungen der Formen, den Verknappungen, dem zunehmenden spielerischen Ernst, der Verfrechung von Lauten, wie das „Schlapp der Kuh“, zu horchen, beim Lesen in den eigenen Resonanzraum einzutreten, gefasst auf buchstäblich alles, was „hier der Fall ist“.

Die späteren Veröffentlichungen Erbs, beinahe allesamt bei Engeler u. roughbooks, besonders die rhythmisch resoluten, fast drumsolo-artigen methodisch verfertigten Stücke aus Sonanz, wie auch allerneustes Hervorgeholtes (Olympiade..) bezeugen das sich selbst Aufrollende im Erbschen Werk, ihre Konsequenz, ihre ungebrochene Sprachmacht. Ihre Verdientheit, die dieser Band abbildet. Elke Erb, rule!

Elke Erb · Monika Rinck (Hg.) · Steffen Popp (Hg.)
Das ist hier der Fall
Suhrkamp
2020 · 200 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-518-22520-2

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