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Kritik

Couscous mit Zimt, aber ohne Lachen

Hamburg

Der Familienroman „Couscous mit Zimt“ beginnt mit einem fulminanten ersten Satz:

Ich habe Gott nie um Kinder gebeten. (S. 10)

Und es folgt etwas, was meine jüngere Tochter als hate speech bezeichnen würde: Eine gar nicht verzuckerte, sondern eher gepfefferte Darstellung der Gefühle Luciles, eine der Frauengestalten des Familienromans, bei der Geburt ihres Kindes. Elsa Koester erzählt in ihrem Debut offenbar autobiographisch ihre Familiengeschichte, beginnend bei der Großmutter Lucile, die dreimal verheiratet gewesen war und hochbetagt mit 101 Jahren in Paris verstarb. Etwa zur gleichen Zeit erwartet ihre erste Tochter Marie, die Mutter Lisas, in einem Berliner Hospiz ihren Tod. Die Tochter Maries und Enkelin Luciles, Lisa, alter Ego der Erzählerin, sieht sich gezwungen, als Erbin der großmütterlichen Wohnung in der Rue de Flandre von Berlin nach Paris zu reisen, um bürokratische Angelegenheiten zu regeln, die Wohnung zu räumen und zu veräußern. Auch Paris, besonders die Umgebung der Rue de Flandre im 19. Arrondissement spielt eine wichtige Rolle.

Lucile ist eine abgeklärte, selbstbewusste Frau, die das Leben ohne Verbitterung bis zum Ende genießt:

Ein paar Jahre hier, um Spaß zu haben, dann wird man wieder zu Staub, man sollte keinen so großen Wirbel darum machen.
 

Auch wenn sie zuletzt in der Rue de Flandre ziemlich einsam ist, Bücher lesend, eine Zigarette und ein Glas Cognac dazu, und dabei nur fürchtet, dass man ihren Tod nicht frühzeitig entdecke. Doch überlegte sie sich eine Art Meldesystem:

Aber ich hatte einen Trick, einmal am Tag ließ ich mein Buch fallen, immer morgens, so hörte der Nachbar, dass ich noch am Leben war, […]. (S. 14)

In den Erinnerungen mehrerer Frauen, der Großmutter Lucile, ihrer Töchter Marie und Solange sowie Lisas, der Tochter Maries, leben zum einen Tunesien und zum anderen Paris und ein wenig Berlin, Orte, die in den Bildern der Erzählung ungemein anziehend gezeichnet werden:

Was ich am meisten liebte, wenn ich auf unseren Feldern herumstromerte, war Jasmin. Ich mag seinen Duft noch immer sehr, er ist süß und gleichzeitig zurückhaltend, bescheiden irgendwie.

Wie topographisch genau die an Recherche sicher gewöhnte, als politische Journalistin für den Freitag tätige Elsa Koester erzählt, kann jede mit Hilfe ihrer bevorzugten Suchmaschine nachverfolgen, was eine (für den Rezensenten) recht neue Art des Lesens erschafft: Die Wortbilder lassen sich mit genauen fotografischen Abbildern ergänzen, wenn es einem gefällt. Sogar die Patisserie „Pauline“, Rue de Joinville 36, 75019 Paris, in der Lisa ein Baguette und zwei pains au chocolat kauft, ist mit einem Foto vom 20. März 2020 vertreten. Ein Croissant kostet dort 1,05 Euro, wie ein weiteres schönes Foto mitteilt. Man bekommt Appetit beim Lesen und digitalen Flanieren durch das 19. Arrondissement, Appetit auf Paris, Couscous und französische Speisen:

„Sie haben nichts mit den Schokocroissants in Deutschland zu tun, stimmt’s?“ Larissa lacht. „Da pappt der Teig sofort zu einem einzigen Matsch zusammen, ein Schokocroissant schmeckt nach Pappe mit Butter und langweiliger Schokolade“, sagt sie, „nach so einer Schokolade, die man in billigen Adventskalendern findet!“ [S. 71 f.)
 

Elsa Koester erzählt klar und genau, in kleinen Schritten mit vielen Einzelheiten. Es ist ein Erzählen, das zu langsamem, genauem Lesen führt, sie erzählt von scheinbaren Belanglosigkeiten, die aber doch zusammen ein Lebensgefühl vermitteln, ja das Leben beschreiben, das ja auch in großen Teilen aus sich wiederholenden, nur scheinbar belanglosen Handlungen und Vorgängen besteht. Aber wenn die Repetitionen verschwinden, spürt man erst ihre Bedeutung.

Erinnerungen der Frauen dreier Generationen fügen sich episodenhaft aneinander und geben eindrückliche und berührende Bilder aus Tunesien und Paris, die weder Alltagsrassismus noch traumatisierende Erlebnisse aussparen. So berichtet Marie, die Mutter Lisas, von dem Tod ihres Vaters, den die Mutter ihr verheimlicht:

Ich wartete, jeden Abend lauschte ich auf die Geräusche in der Einfahrt, jeden Tag suchte ich den Himmel nach seiner Maschine ab, jeden Morgen rannte ich in die Küche, um zu schauen, ob Papa dort saß mit seinem Bol Kaffee. Aber dort saß niemand mehr, Mamie nicht, weil sie im Bett blieb, und Papa auch nicht, dort stand nur immer Ulima, die mir ihren Kakao kochte. (S. 88)
 

Die Männer der Familie nehmen keinen gleich großen Raum ein, was der männliche Rezensent einfach ein wenig schade findet, aber es tut der Qualität der Erzählungen keinen Abbruch.

Es ist beileibe keine heile Welt, von der Elsa Koester erzählt: Der grell beschriebene Gewaltakt einer Abtreibung, ausgeführt von einer Engelmacherin, verfolgt Marie, Alkohol- und Nikotin-Abusus, die angedeutete psychiatrische Behandlung und tätliche Auseinandersetzungen zwischen Mutter und ihrer Tochter Marie spielen eine Rolle.

Niemals wird die Erzählung monoton, sondern Elsa Koestner versteht es, einen Sog zu erzeugen. Es gelingt ihr durch den raffiniert eingesetzten Wechsel der Erzählpositionen. Entweder lässt sie ihre Personen sprechen oder die jeweilige Erzählerin nimmt klassisch die (allwissende) Erzählposition ein. Damit zoomt sie Geschehnisse heran oder beschreibt aus größerer Distanz. Um auf die männlichen Personen zurückzukommen: Von ihnen wird aus der Distanz erzählt, indirekt, ihre eigene Stimme hört man nicht. Mich hätte schon interessiert, was die drei Ehemänner über Lucile dachten und die Väter über ihre Kinder, aber vermutlich hat die Erzählerin zu diesen Erinnerungsspuren keinen Pfad oder eben die Entscheidung getroffen, einen „feministischen Roman“ zu schreiben, wie sie es selbst sagte.1 Eine treffendere Aussage wäre vielleicht: Die Autorin richtet ihren Blick gezielt auf Leben, Fühlen und Denken der weiblichen Seite einer Familie, man mag es feministisch nennen oder auch nicht, es ist einfach blendend erzählt. Im Übrigen vertritt Elsa Koester offenbar einen Feminismus, dem jederMann und jedeFrau im 21. Jahrhundert aus voller Überzeugung beipflichtet oder mindestens beipflichten sollte:

Gott hat den Menschen geschaffen, damit er frei ist, und das gilt auch für Frauen, frei in unseren Entscheidungen, frei in unserem Körper, frei in unserer Sexualität, im Denken, in allem. (S. 276)

Feministisch ist kein literaturwissenschaftlicher Begriff, was natürlich nicht bedeutet, dass ein Roman, nicht bewusst weibliche Erfahrungen und Sichtweisen in den Mittelpunkt stellen kann. Wenn es gelingt, ist es schlicht gute Literatur.

Mit den imaginierten Gedanken der Mutter Marie formuliert die Autorin eine Erfahrung, die Frauen offenbar durch Jahrhunderte hindurch machen mussten und bis heute erleben:

Ich fühlte, dass die Männer meinen Körper anstarrten, als würde er ihnen gehören, verborgen unter Jeans und Pulli, sie starrten auf meinen Körper, als hätten sie ein Anrecht darauf, und wenn sie mich anmachten und ich sie abwies, wurden sie sauer, wurden wütend darüber, dass ich ihnen das Zugangsrecht zu meinem Körper verwehrte. (S. 284)
 

Wenn stellenweise physiologische Vorgänge des weiblichen Geschlechtsorgans geschildert werden, stelle ich mir vor, ich oder jedenfalls ein Mann schriebe dergleichen über die männliche Entsprechung und spüre dann sehr deutlich, dass es seltsam wirkt. Es hat nichts mit Prüderie zu tun, sondern es kommt mir so vor, als sehe Elsa Koestner es als Ausdruck der Emanzipation, wenn sie wiederholt von der „pochenden Vagina“ und durch heftiges Begehren ausgelöste Abgabe von Sekret schreibt. Zu mechanistisch, zu sehr animalische Werkstatt und schlicht vollkommen uninteressante, überflüssige Details. So en Detail möchte ich es gar nicht wissen. Ich weiß nicht, ob z. B. ein sehr männlich geprägter Ernest Hemingway irgendwo von pochenden Phalli spricht, wohl eher nicht. Von literarischer Raffinesse zeugt diese Direktheit jedenfalls nicht. Ich frage mich, was es mit Feminismus zu tun haben soll.

Man gewinnt den Eindruck, dass die Autorin ungefähr nach der Hälfte des Romans das eng an ihrer Autobiographie angesiedelte Erzählen ausweitet und Ihrer Fantasie mehr Freiheiten erlaubt. So wirken die Gespräche mit der gestorbenen Mutter ein wenig konstruiert und für die Darstellung des Mai 1968 in Paris kann sie nicht auf eigene Erinnerungen zurückgreifen. Ohne dass Sie etwas Falsches berichtete, wird doch die Bedeutung der Revolte gerade für Deutschland gar nicht deutlich. Daniel Cohn-Bendit kam (zunächst gezwungenermaßen) nach Frankfurt und hat in der Gruppe der Spontis die Fenster des erstarrten Staates geöffnet und dem frischen Strom der tiefgreifenden Demokratisierung der Verhältnisse den Weg gebahnt. Das Ergebnis ist eine bis heute trotz des Erstarkens destruktiver Rechtspopulisten mindestens mental mehrheitlich liberale Gesellschaft.

Mitreißend beschrieben ist die Auswirkung der Dekolonisierung auf die französischstämmige Marie, die sich als Tunesierin fühlt, da sie in Tunesien geboren ist und dort ihre Kindheit erlebte:

„Du hast keine Ahnung“ [zischt Lisa ihrem Freund Alain in Paris 1968 zu], „wie es ist, wenn einem ein Land, eine ganze Heimat weggenommen wird! Es geht hier nicht um Geld, nicht um Politik! Es geht um staubige Erde, über die meine kleinen Füße gerannt sind. Um die trockenen Gräser, die meine Beine gestreift haben. Um die Sträucher, Blumen und Bäume, die mich großgezogen haben. Ich bin eine Tunesierin, mehr, als ich die Tochter meiner Mutter bin!“ (S. 308)
 

Der mit Gewalt verbundene Prozess der Dekolonisierung ist, das kann man lernen, für die ohne eigenes Zutun in die historischen Widersprüche Hineingeborenen traumatisierend. Elsa Koestner nimmt dazu eine sehr klare, menschliche Haltung ein, die den in den Terrorismus abgeglittenen Splitterbewegungen in Deutschland nach 1968, die sich mit Befreiungsbewegungen identifizierten, leider fehlte:

 „Ich war davon überzeugt, dass ein Mensch, der einen anderen getötet hat, und wenn es auch sein Unterdrücker war, niemals frei sein kann, Niemals! Ein Mord zerstört die schöpferische Freiheit eines Menschen. Wer einen Menschen tötet, schafft zwei Tote, so seh ich das“(S. 310)2
 

Weibliches Begehren und die gewaltförmige Abtreibung eines Fötus werden exzessiv genau geschildert, grell und wie unter Neonlicht betrachtet. Der im Vergleich mit der Autorin  eine ganze Generation ältere Rezensent fühlt sich an Ton und Bildlichkeit der krassen frühen Gedichte Gottfried Benns erinnert: Die Beschreibungen Elsa Koesters brennen sich ebenso ein wie z. B. Benns „Gang durch die Krebsbaracke“. Was mir dabei auffällt und zwar als ein sehr deutscher Zug: Das Trauma, der Schmerz des Lebens, wird niemals ironisch gebrochen oder sagen wir es einfach: Es gibt nichts zu lachen. Das Komische in niederdrückenden Umständen zu sehen, ist für deutsche Autorinnen und Autoren das Schwierigste. In der neueren deutschen Literatur ist Hans-Ullrich Treichel einer der wenigen, der imstande ist, Traumatisches mit Komik zu verbinden, so dass Vorbilder der Gelassenheit bei allem geschilderten Schmerz entstehen können.

Elsa Koesters Debut lässt sich, was die Qualität des Erzählens angeht, durchaus an die Seite Lutz Seilers „Stern 111“, um einen neueren, preisgekrönten Roman zu nennen, stellen, der im Unterschied einen sehr männlichen Blick auch auf eine Art interner Fremdheit zwischen dem alten und dem neuen Deutschland der Postwendezeit wirft. Bei allen kritischen Anmerkungen ist es ganz und gar glaubhaft, wenn die Autorin von ihrem Schreiben sagt, es sei:

Ein Fluss durch Kopf, Bauch und Finger in die Welt hinaus.3
 

Dieser Fluss reißt den Leser unwiderstehlich mit.

  • 1. Empfehlenswert als Ergänzung zu hören ist die Aufzeichnung einer „Blauen Stunde“ in Berlin, an der Elsa Koestner teilnahm.
  • 2. Im Zusammenhang mit der Gewaltanwendung im Mai 1968 auf den Straßen von Paris kommt Alain, der Freund Maries zu jener Zeit, auf das „Massaker von Paris“ an algerischen Anhängern der FLN zu sprechen. Es fand am 17.10.1961 und nicht 1962 (S. 332) statt.
  • 3. Buchreport 07.08.2020
Elsa Koester
Couscous mit Zimt
Frankfurter Verlagsanstalt
2020 · 24,00 Euro
ISBN:
9783627002787

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