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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Eine Flut von Erkenntnissen

Hamburg

Es erweist sich als lyrischer Drahtseilakt, wenn der Autor, ein angesehener Diplomat und seit 2015 Botschafter der Rumänischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland mit seinem seit Ende der 1970er Jahre in der „Volksrepublik“ Rumänien publizierten lyrischen Werk nunmehr gemeinsam mit seinen nach 1990 aufgelegten Gedichten an die deutschsprachige Öffentlichkeit geht. „Zärtlichkeit, Routine“, ein solcher Titel löst - gemeinsam mit dem Untertitel – gewisse Vorstellungen eines Gemischs aus Professionalität und Kargheit aus. Eine solche „Vorausahnung“ verstärkt sich nach dem ersten prüfenden Blick auf das Inhaltsverzeichnis. Der erste Teil Die Anatomiestunde mit den drei Abschnitten Abend-, Nacht- und Morgenwache umfasst die frühe Phase (Cluj 1979) seines Werkes; Die Ersten, die Letzten dokumentiert ___STEADY_PAYWALL___die mittlere Phase (Bucuresti 1994) und der letzte Abschnitt, der zwei Poeme, abgedruckt in Zeitschriften der 1990er Jahre sowie die neuesten, kultursemiotisch aufgeladenen Gedichtreflexionen aus dem XX. Jht. enthält.

Welche ersten Leseeindrücke vermittelt der voluminöse Gedichtband, der auf dem Paperback-Umschlag (Emilian Roșculescu Papi) die fein ziselierten Umrisse einer clownhaften Gestalt aufweist,  hinter der sowohl die Partitur eines augenscheinlich gelungenen Werkes als auch die angebrannten Konturen verschmorter Papiere zu erkennen sind? Sind die 1979 erschienenen Gedichte, die der Pop-Verlag als Einzeltitel bereits publiziert hat, „keine verstohlenen Hinweise auf das Viele, das im sozialistischen Rumänien nicht gesagt werden durfte und darum umwunden zur Sprache gebracht wurde“? (S. 332) Georg Aescht, renommierter Übersetzer und Kulturwissenschaftler, beantwortet diese Frage mit der Feststellung, dass „diese Verse … keine Flaggen sind, die dem Leser den Weg in den Unter- und Hinter- und sonstige Gründe weisen. Hier flattert nichts, hier spricht einer, der Herr ist über das Mittel allertiefster und allerhöchster Subversion: Authentizität.“ (S. 332) Und die umfangreiche Kollektion der späten Gedichte? Sind es nur „Fundstücke eines Bildungsreisenden auf Lebenszeit“, die „zu dichterisch gestalteten Denkwürdigkeiten geronnen sind?“ Klingt hier „das Vordergründig Anekdotische meist nur an und tritt hinter lyrischen Reflexionen (…) eines Menschen zurück, den die Zeitläufte gereift, gealtert, aber nie geläutert haben?“ Auch diese hier zu einer fragenden Geste umformulierte Feststellung findet eine affirmative Antwort: Die „schonungslose Stringenz der Aussage von nachgerade unerbittlichem Bemühen, weder der Welt noch sich selbst etwas zu vergeben“ (S. 332)

Angesichts der Fülle an lebensweltlichen Themenfeldern und kulturphilosophischen Reflexionen, auf denen sich die freien Verse von Emil Hurezeanu bewegen, soll ein ausschnittartiger Überblick genügen, um zu einer vorläufigen Aussage des vorliegenden Bandes zu gelangen. Auffälligstes Merkmal dieser unterschiedlichen Rhythmen annehmender Texte ist der Wechsel zwischen dem reflektierenden lyrischen Ich und den realen und virtuellen Objekten, die in den kommunikativen Akt einbezogen werden. Ein Beispiel aus dem ersten Gedichtband (1979) im Zyklus ‚Abendwache’ unter der Überschrift Körper belegt es. Die erste Strophe setzt ein mit:

Du atmest mit dem ganzen Körper-/
Ein Baum gereckt nach der frischen Luft.

Die zweite Strophe beginnt mit:

In meinem Leib liegen Falter, besiegt
Weil sie dem Blut ins Netz gegangen sind.

Die abschließende dritte zweizeilige Strophe lautet:

Das Schweigen in deinem Körper
Wie Blut, das von einer Messerklinge rinnt.

Einbezogen in die Reflektionen sind sowohl das autokommunikative Du als auch ein Ich, das sich mit der äußeren (sichtbaren) und der inneren (nur indirekt wahrnehmbaren) Natur austauscht. Diese intensive Einbeziehung sowohl der äußeren wie auch inneren Natur in den Ablauf der kommunikativen Handlung verleiht den meisten Texten einen hohen Grad an Sensibilität, ohne dass der Rezipient eine unmittelbare „Ansprache“ erfährt.

Ein weiteres Beispiel ist Elegie aus dem Zyklus Abendwache (vgl. S. 51). Ein sechzehn Jahre alter Junge liegt in einer Wiese. Ganz unterschiedliche Überlegungen und Visionen überfallen ihn, darunter auch lyrisch nachgezeichnete Bilder eines Todes, den weder der Junge noch der in den kommunikativen Akt einbezogene Leser „nachempfingen kann“, auch „Bienen, kleine Tiere und Singvögel“ nicht, die nehmen nur Geräusche war.

Auch vierzig Jahre später führt das lyrische Ich von Emil Hurezeanu im Gedicht mit Brodsky einen Dialog, in dem die Leiden des jungen Brodskij nicht nur im Leningrad der Sowjetära einfühlsam beschrieben werden. Selbst im „amerikanischen Getöse“ sei im Dichter die Erinnerung an Leningrad wach geblieben. Und das dieses Leid nachempfindende Ich? Welche Auswirkungen beobachtet es, um seinen Lesern mitzuteilen, dass es dieses Gedicht mit Brodsky geschrieben hat? Die letzte Zeile lautet: „Nur seine Freundin und ich haben ihn noch nicht vergessen.“ (S. 253) Dieses Bekenntnis erweist sich als Botschaft, in dem der Träger seine hohe Sensibilität und sein poetisches Einfühlvermögen signalisiert. Doch auf welche Weise vermag es in den Diskurs mit den Lesenden einzudringen, ihm den Status eines aktiven Kommunikators zu verleihen?

Mit dem vorliegenden aussagemächtigen Gedichtband von Emil Hurezeanu tauchen Leser*innen in eine tiefgründige kulturphilosophische, poetologisch ausgefeilte Welt ein, deren rezeptive Wahrnehmung viele Anregungen bietet und den Hörenden/ Lesenden zugleich mit einer Flut von Erkenntnissen überschüttet. Ein Lese- und Hör- Vergnügen, an dem nunmehr auch das deutschsprachige Publikum teilnehmen kann, dank der kongenialen Übertragungen aus dem Rumänischen von Georg Aescht.

 

Emil Hurezeanu
Zärtlichkeit, Routine. Gedichte eines Knauserers 1979 – 2019
Tandrețe, rutină. Poemele unui parcimonios 1979 – 2019
Übersetzung: Georg Aescht
Pop Verlag
2020 · 342 Seiten · 25,50 Euro
ISBN:
978-3-86356-203-8

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