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Kritik

Zweischneidig beklemmend

Zu Emma Clines „The Girls“
Hamburg

Ich wartete darauf, dass jemand sagte, was gut an mir war. Später fragte ich mich, ob das der Grund dafür war, dass es auf der Ranch viel mehr Frauen als Männer gab. All die Zeit, die ich darauf verwendet hatte, mich vorzubereiten, die Artikel, die mich gelehrt hatten, dass das Leben eigentlich nur ein Wartezimmer war, bis einen jemand bemerkte – diese Zeit hatten die Jungs damit verbracht, sie selbst zu werden.

Evie ist vierzehn und lebt mit ihrer Mutter im Süden Kaliforniens; wir schreiben das Jahr 1969. Gerade haben sich ihre Eltern getrennt – aber das ist eigentlich nicht so wichtig. Denn Evie erlebt gerade die Wirrnisse, die Bedrohlichkeit und das Verzagen und Zürnen der Pubertät, angefüllt mit Selbstzweifeln und Verlangen - Gefühlsstürme, die jedes noch so kleine Anzeichen, welches die Umgebung hergibt, ausdeuten und auf die Goldwaage legen, darum kreisen wie um den Kern, der alles zusammenhält. Da ist der unbändige Wunsch nach Aufmerksamkeit, der Wunsch für jemand anderen etwas Besonderes, Wichtiges zu sein, erwidert zu werden und dadurch Ungewissheit und Fragilität hinter sich zu lassen, aus denen man zu bestehen scheint.

Ich habe selten einen Roman gelesen, in dem die ganze Ungeheuerlichkeit und Banalität dieser Gefühlsregungen, dieses Alter der mit emotionalen Nadeln gespickten Haut, so beklemmend und unwiderruflich beschrieben wird, wie in Emma Clines „The Girls“. Evie ist nicht einfach nur eine in sich zerrissene Coming-of-Age-Figur mit einigen issues, die im Laufe des Romans aufkommen, in ein paar turning points gipfeln und dann aufgelöst werden – sie ist eine Erzählerin, in deren schlichten Bekenntnissen man immer wieder mit der hoffnungslose Verunsicherung konfrontiert wird, die sich aus der langsam einsetzenden Klarheit speist, dass die Welt, die Gefühle und die Beziehungen sich nicht so gestalten lassen, wie man sie am liebsten gestalten würde; es hilft nichts, aufmerksam zu sein, denn was man wahrnimmt, führt nicht zwangsläufig zu einem Verständnis, das in Nähe umgemünzt werden kann, sondern genauso oft zu der Erkenntnis, wie fern und unerreichbar manches liegt, das man begehrt.

Arme Sasha. Arme Mädchen. Die Welt mästet sie mit der Verheißung von Liebe. Wie dringend sie sie brauchen, und wie wenig die meisten von ihnen je bekommen werden. […] Dann werden ihnen ihre Träume mit brutaler Kraft weggenommen; die Hand, die an den Knöpfen der Jeans zerrt, dass niemand hinsieht, wenn der Mann im Bus seine Freundin anbrüllt.

Eines Tages dann der flirrende, verheißende Moment, in dem Evie eine Möglichkeit spürt, eine Chance aus dem bloßen Warten und Hoffen, dem unergiebigen Trott ihrer Lebensperspektive auszureißen: sie begegnet Suzanne und ein paar anderen Mädchen, die gerade Lebensmittel aus einem Müllcontainer klauen. Wenig später, nach einem zweiten Treffen, nehmen die Mädchen sie mit auf die „Ranch“, ein heruntergekommenes Haus, in dem sie zusammen mit einigen andere Mädchen und ein paar Kindern wohnen – und einem Typen namens Russell.

Russell verkündet gern die allgegenwärtige Liebe, die sie gemeinsam an diesem Ort errichten können. Er schläft mit den meisten der Mädchen und schrammelt ansonsten auf seiner Gitarre herum oder gibt den sanft-paternalistischen Übervater und Guru – er ist befreundet mit einem erfolgreichen Musiker, der in der Nähe lebt und die Ranch manchmal mit Lebensmitteln versorgt; Russell hofft, dass er ihm in naher Zukunft einen Plattenvertrag besorgen kann.

Der eindeutig an der Geschichte der Manson-Family und den Tate-Morden angelehnte Plot gibt dem Buch zwar ein übergreifendes, den Spannungsbogen immer wieder hoch stemmendes Gefüge, letztlich ist er aber nur ein Hintergrund für den thematischen Komplex, der auf viele unterschiedliche Arten und Weisen im Verlauf des Buches verhandelt und umkreist wird: der Kosmos von Macht und Verlangen.

Aus eben diesem Themenkomplex erwächst auch die zweischneidige Beklemmung des Buches: da sind einmal die von vorneherein angekündigten Verbrechen, die Anspielungen und eingestreuten Hinweise à la „Hätte ich damals schon ahnen können …“, etc., aber die viel größere Beklemmung entsteht durch die Schilderung von Anziehung und Ablehnung, von kleinen Verletzungen, der Undurchsichtigkeit und den unklaren Gesten, mit denen sich Evie bei all ihren Mitmenschen, seien es die Mädchen auf der Ranch, ihre Eltern, die neuen Männer ihrer Mutter, die neue Freundin ihres Vaters oder die Jungs in ihrer Schule, konfrontiert sieht. Dieser Aspekt der Darstellung ist es, der wirklich fesselt.

Manche Menschen wirken bedrohlich und manche hilflos, die Machtgefüge etablieren sich schnell und stehen fast immer rasend schnell fest, können nicht mehr ausgehebelt, angegriffen oder umgekehrt werden – auch wenn sich manchmal ein Moment ergibt, in dem es möglich scheint und vielleicht etwas kippen könnte.

Cline zeigt Evie nackt, in diesen Gefügen verloren und unfähig sich selbst frei zu begegnen oder sich zu lösen von den Gründen, in denen sie glaubt, ihre Sehnsucht stillen zu können.

Man wollte etwas, und dagegen kam man nicht an, weil man nur sein eigenes Leben, nur sich selbst hatte, mit dem man aufwachte, und wie konnte man sich sagen, das, was man wollte, sei falsch.

Die Bedrohlichkeit und Banalität, die sich in Evies Dasein ständig abwechseln, in ihnen spiegelt sich, indirekt, die allgemeine Problematik der Gewalt. In einer Szene wird Evie bewusst, dass sie in sich sehr wohl einen Hass spürt, der sie zur Mörderin macht, wenn auch nur in ihrem Kopf. Dieser Hass erwächst aus einer Gewalt, dir ihr angetan wird: von der Gesellschaft, den Geschlechterrollen und vor allem: von Männern.

Diese psychologische Komponente wird sehr subtil verhandelt und nicht direkt als Diskurs forciert, dafür wieder und wieder exemplarisch dargestellt. Die beklemmende Ungeheuerlichkeit der Verbrechen, die Suzanne und die anderen Mädchen später begehen werden, steht im starken Kontrast zu der Banalität, welche die sexuellen Nötigungen, das Ausnutzen der Hingabe und Orientierungslosigkeit durch Russell oder andere Männer umgibt. In diesem Kontrast spiegeln sich Machstrukturen, Abhängigkeiten, Welt- und Geschlechterbilder – aber ohne, dass ein theoretischer Unterbau dies stützt. Das Narrativ zwingt dem Leser nicht den Diskurs, sondern die Erfahrung auf.

Später sollte ich folgendes erkennen: wie unpersönlich und habgierig unsere Liebe war, wie sie das Universum absuchte und auf einen Wirt hoffte, der unseren Wünschen Form geben würde.

Emma Cline hat ein beeindruckendes Romandebüt abgeliefert. In einigen Abschnitten scheinen Schwachstellen aufzutauchen, gerade gegen Ende hin; manche Teile des Plots wirken im ersten Moment unausgegoren, scheinen aus dem Rahmen zu fallen. Aber ich glaube, wenn man Evie und die oben beschriebenen Thematiken in den Fokus rückt und das Buch nicht nach seinem Plot, sondern aufgrund seines Gespürs für die Stimmungen und der Ausarbeitung seiner emotionalen Vertiefungen beurteilt, man wenig finden wird, das zu tadeln wäre. „The Girls“ ist der etwas andere Coming-of-Age-Roman: weniger feurig, freudig, fahrig, dafür auf unnachahmliche Weise glühend, Funken schlagend, mit der gemeinsamen Wucht von Banalität und Brutalität.

Emma Cline
The Girls
Übersetzung: Nikolaus Stingl
dtv
2018 · 352 Seiten · 10,90 Euro
ISBN:
978-3-423-14620-3

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