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Kritik

Meine Zeugin, meine Vertraute

Hamburg

Im Januar 1993 macht die junge Fotografin Darcy Padilla im San Franciscoer Hotel „Ambassador“ gerade Aufnahmen für einen Band mit Schwarzweiß-Porträts, als sie dort Julie Baird, ihren Freund Jack und ihr neugeborenes Kind Rachel trifft, die sie spontan fotografiert. Es ist eine kurze Szene der Harmonie in einer wenig idyllischen Umgebung. Die Mutter ist gerade einmal 19 Jahre alt, sie und ihr Partner sind beide HIV-positiv, der Bildband sollte den Untertitel Living Poor in Urban America tragen. Und das Hotel mit dem klangvollen Namen ist eine Bleibe für „Sozialfälle“: (Aids-) Kranke, Mittellose, Drogenabhängige.

An diesem Wintertag wurde Darcy zu Julies Familie, wie Emmanuel Carrère in Julies Leben schreibt. ___STEADY_PAYWALL___Der französische Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmproduzent veröffentlicht seit den frühen Achtzigern Romane, widmet sich in letzter Zeit aber mehr dem Format der dokumentarischen Erzählung. Zuletzt erschien von ihm in deutscher Übersetzung sein Brief an eine Zoowärterin aus Calais, ebenfalls in der Reihe punctum bei Matthes & Seitz. Für das Buch sprach er mit den Einwohnern der Stadt, die einst das größte Flüchtlingslager Europas beherbergte.

An einer ganz anderen Küste, nämlich der Westküste der USA, und in einem ganz anderen „Dschungel“ spielt Julies Leben. Es ist ein Leben, das sich oberflächlich betrachtet wohl wenig unterscheidet von dem der anderen jungen Frauen im berüchtigten Viertel Tenderloin, die seit frühester Kindheit mit Alkohol und Drogen und Missbrauch zu tun haben und von Glück sagen können, wenn sie nicht durch sämtliche sozialen Netze fallen.

Carrère konnte diesen Text aber nur schreiben, weil jemand Julies Leben bereits "sichtbar" gemacht hatte. Padillas sich über 18 Jahre erstreckende Dokumentation, der Fotoband Family Love, ist 2014 in Frankreich bei Éditions de la Martinière erschienen. Einige ihrer Bilder sind auch in dem schmalen Band enthalten, und sie lassen eine*n verstehen, weshalb Darcy sich ausgerechnet dieser Frau widmet; und weshalb sie für The Julie Project bei der World Press Photo Competition dreifach prämiert wurde. Selten geht gute sozialdokumentarische Fotografie so sehr unter die Haut.

Genau genommen müsste das Buch treffender Julies und Darcys Leben heißen, denn hier wird ein Leben im anderen gespiegelt, oder ineinander gewunden wie eine Doppelhelix: eine biographische Doppelhelix, erzählt von Carrère, der die teils intimen Details aus dem Leben Julies von seiner guten Bekannten Darcy erfährt. Das ist weniger kompliziert, als es klingt. Außerdem macht es der Autor richtig, er tritt zurück hinter den Text, verschwindet hinter den Protagonistinnen. Carrère erzählt mit der nüchternen, sachlichen Stimme eines Journalisten und dem Feingefühl eines Erzählers, der die oft hochemotionalen, dramatischen Ereignisse in Julies Leben so zu transportieren weiß, dass er seine Leser*innen an keiner Stelle manipuliert.

Das ist für sich genommen schon eine Kunst, zumal die Personenkonstellation – suchtkranke, mehrfache Mutter und Sozialhilfeempfängerin trifft auf erfolgreiche Fotografin mit hübschem Apartment – misstrauisch macht, lässt sie eine*n doch an die üblichen „Saviour Narrative“ des US-amerikanischen Films denken. Nur, dass es sich hier nicht um Menschen unterschiedlicher ethnischer Gruppen, sondern verschiedener sozialer Schichten handelt.

Doch eine „Saviour“-Geschichte will Carrère gar nicht erzählen, obwohl Darcy Padilla, die sich selbst als „lower lower middle class“ bezeichnet und als junge Freie zunächst mit finanzieller Unsicherheit lebt, aus einer Lebenswelt stammt, die sich von Julies kaum drastischer unterscheiden könnte. Nach erfolgreichem Studium und Praktika wird ihr ein Job bei der New York Times angeboten, den sie ausschlägt, um sich fortan ihrem Thema zu widmen: den Obdachlosen, der Armut. Aber es geht ihr nicht um den Reiz des Unbekannten, oder darum, die Sensationsgier ihres Publikums zu befriedigen. Auch die Verbindung zu Julie basiert auf ehrlichem Interesse, wenngleich die Beziehung nicht unkompliziert und ohne Brüche ist.

Julie bringt in den Neunzigern und Nullern sechs Kinder zur Welt. Von den Drogen aber kommt sie nicht los, Reha-Programme kann sie nicht durchziehen. So wird ihr fast jedes ihrer sechs Kinder gleich nach der Geburt vom Jugendamt weggenommen. Als sei sie noch nicht in genügend Teufelskreisen gefangen, stürzt sie in einen neuen, versinkt in Depression, betäubt den Schmerz mit Alkohol und Drogen. Die „auf ihre Weise kluge Julie“ ist sich während ihrer vierten Schwangerschaft sehr wohl bewusst, dass sie kaum Chancen haben wird, auch dieses Kind zu behalten. So plant sie mit ihrem neuen Partner Jason die Entführung der Neugeborenen, die beide auch in die Tat umsetzen.  

Diese Episode hat aber auch eine Art gutes Nachspiel. Julie, durch die Entführung zu trauriger Berühmtheit gelangt, wird über das Internet von ihrem leiblichen Vater ausfindig gemacht, der in Alaska lebt. Mit ihrer Reise und ihrem Umzug dorthin schlägt Julie zwar ein neues Kapitel auf, doch das Leben hält weiterhin wenig Gutes für sie bereit. Es bleibt geprägt von Armut, Entbehrungen, Drogensucht – und schließlich Aids. Was sie trägt, das macht Carrères Text immer wieder deutlich, das sind ihre Kinder, ihr sarkastischer, schwarzer Humor; und nicht zuletzt die Tatsache, dass sie in ihrer persönlichen Fotografin eine echte Freundin gefunden hat, und eine verlässliche Stütze.

Ein Satz zu Beginn des Buches bleibt in Erinnerung, denn hier fängt Carrère nicht nur Julies Humor, sondern auch die Zuneigung zwischen den beiden Frauen ein, ihre Vertrautheit:

„Julie präsentierte sie stolz als „meine Fotografin“ und war glücklich, wenn Darcy ihr Abzüge schenkte oder kleine Alben zusammenstellte, doch natürlich mochte sie am liebsten die fröhlichen Fotos, auf denen man Kinder sah, und nicht die, „die dir gefallen“, wie sie scherzte, und auf denen sie aussah wie Strandgut.“

Dass Carrère Darcys Sozialreportage nicht zu Betroffenheitsprosa weiterverarbeitet, sondern zu einem sensibel formulierten Tatsachenbericht, macht Julies Leben trotz knapper Seitenzahl zu großer Lektüre. Und wenn der Autor sich am Ende dazu hinreißen lässt, zu schreiben: „Ohne Darcy wäre dasselbe Scheißleben schlimmer gewesen, denn es wäre ohne Zeugen gelebt worden“, ist das nicht nur bewegend. Man möchte auch dem Autor gratulieren, dass er ein Scheißleben ein Scheißleben nennt. Letztlich braucht es nämlich nicht nur Zeug*innen, sondern Menschen, die die Dinge beim Namen nennen.     

Emmanuel Carrère
Julies Leben
Übersetzung: Claudia Hamm, Illustration: Darcy Padilla
Matthes & Seitz
2020 · 59 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-885-3

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