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außer.dem Literaturzeitschrift
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außer.dem Literaturzeitschrift
Kritik

Aber in diesem Sinne fürchte ich die Idole nicht

Hamburg

Das Gespräch von 1988 zwischen Françoise Armengaud und Emmanuel Levinas anlässlich des bildhauerischen Werks Sacha Sosnos ist in der Reihe Denkt Kunst bei Diaphanes unter dem Titel Die Obliteration gerade herausgekommen. Es könnte ein Schlüsseltext sein. Ähnlich dem epochalen Punctum Konzept Roland Barthes' ist die Obliteration ganz einfach wahr: Das geschlossene Fenster als Geste einer jedweden Kunstpraxis. Es muss nicht das plakative Beispiel Sacha Sosnos sein, den Levinas auch viel weniger in den Fokus nimmt als beispielsweise Gogol.

Der dunkle und vorsichtige Levinas, der sich zur Kunst praktisch an keiner Stelle sonst geäußert hat, ist hier auf knapp 30 Seiten vollkommen auf Stand und auf den Punkt. Widerspenstig, doch bescheiden und integer erläutert er die Obliteration, ein vieldeutiges Wort, das mit Streichung nur unvollständig übersetzt ist. Eine "semelfaktive Wirklichkeit außer Gebrauch", früh exemplifiziert im unglücklichen Protagonisten von Gogols Mantel, ist Levinas terminales Konzept einer Kunstpraxis,

die es vermag, in die anmaßende Selbstgefälligkeit des Seins einzudringen, das sich bereits als Erfüllung versteht, und dessen schwere Schichten und gleichmütige Grausamkeiten völlig zu erschüttern.

Ein Krachertext mit weitreichender Wirkung, bei dem sich nicht zuletzt dank der klugen Ausführungen und Erläuterungen der HerausgeberInnen (auch mittels der fotografischen Dokumentation von Sosnos Werk) sofort die Bindung zu Levinas sonstigen Ethik, Zeit und Gesicht (des anderen) verschränkenden Arbeiten ergeben.

Selbstverständlich bedeutet überlagern auch zu verstecken. Allerdings gibt es in einigen Arbeiten von Sosno eine Art des Versteckens, die paradoxerweise einen Sinn ergibt.

[...]

Ästhetik und Kunst bezeichnet ein Gebiet oder ein Reich, das dem Reich Gottes vorausgeht, und das mich von meiner Macht über die Dinge befreien kann, die von meiner Beharrlichkeit im Sein herrührt. Das Bild ist eine Lektion in Interesselosigkeit. Eine reife Menschheit muss etwas anderes als das Sein denken, sich von der Verzauberung durch das, was ist, befreien können.

Womit Levinas auf die Trennung von Abstraktion und ihrer Wirkung im Realen Bezug zu nehmen versucht, auf die Verantwortung bei ihrer phänomenologischen Erzeugung (und Rezeption) hinweist: "Die Obliteration muss singen."

Das ganze ist nicht als Rezept oder Dharma zu lesen, es ist in erster Linie als ein Andocken eines mehrspurigen Denkkonzeptes zu verstehen. Ausgehend von einer quasi ontologischen Ebene (einer außerweltlichen) der Kunstpraxis, die Levinas und das gerichtete Interview Armengauds zum Anlass nehmen, eine bildhauerische Geste als "Micro-Mégas" ausgedehnt zu lesen. Gegen die verharrende Pose. Yay!

 

Emmanuel Levinas
Die Obliteration
Übersetzung:
Johannes Bennke und Jonas Hock
Diaphanes
2019 · 80 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3035801248

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