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Kritik

Ich komme

Hamburg

Die schlimmste, grausamste und unglaubwürdigste Szene ist die, mit der das Buch beginnt.

„Bei meiner zweiten Aussetzung bin ich sechs Jahre alt, ein ausreichend fortgeschrittenes Alter, um sich von nichts täuschen zu lassen. Am Tisch in diesem Dienstzimmer der Kindersozialhilfe mögen die Erwachsenen noch so sehr ihre Worte wählen, sich in Umschreibungen und gedämpftes Gemurmel verlieren, wobei die einen nicht sagen wollen, was die anderen nicht hören möchten, so geht´s doch nur darum, sich darauf zu einigen, dass meine Adoption ein Misserfolg ist. […] Es möchte gar scheinen, ich sei die Einzige, die sich gebunden hat und auch die Einzige, die sich in einer Beziehung entfaltet, für die meine Eltern kaum ausreichend hart Worte finden, um sie schlechtzumachen.“

Charonne, die als Säugling von ihrer Mutter in einer Mülltonne „entsorgt“ wurde, entspricht nicht den Vorstellungen ihrer Adoptiveltern, ihre Haut ist zu dunkel, ihr Haar zu kraus und sie ist zu dick. Grund genug für Gladys und ihren Halbbruder und Ehemann Régis, sie zurückzugeben, notfalls indem infame Lügen erzählt werden.

In einem Interview hat Emmanuelle Bayamack – Tam angegeben, diese Geschichte habe sie so im Internet gefunden. Jemand habe dort tatsächlich ein adoptiertes Kind inseriert, weil es seinen Vorstellungen nicht entsprach.

Emmanuelle Bayamack-Tam veröffentlicht seit 1994 Bücher. In Frankreich liegt ein gutes Dutzend Bücher von ihr vor, „Ich komme“ ist der vierte Roman, den der Secession Verlag, in der sehr gelungenen Übersetzung von Christian Ruzicska, nun auf Deutsch vorlegt.

Bayamack – Tam lebt und unterrichtet in einer Banlieue südlich von Paris. In der Schule in der sie Literatur und Sprache unterrichtet, ist sie die einzige Weiße in ihrer Klasse. Ihre Romane kreisten von Anfang an um die Themen Familie, Kindheit, Mutterliebe. All diese Begriffe, mit denen wir etwas Selbstverständliches verbinden, obwohl es das nicht ist. Wie Bayamack – Tam nicht zuletzt in diesem Roman zeigt.

„Ich komme“ schildert die wirklich zerstörerische Kindheit Charonnes, der es außer an Geld und Essen an eigentlich allem mangelt, was ein Kind braucht, um glücklich heranwachsen zu können. Auch Nelly, die spät wenigstens Großmuttergefühle für Charonne entdeckt, kommt zu Wort.  Schließlich schildert Gladys, Charonnes ablehnende Adoptivmutter, die außer sich selbst niemanden lieben kann, eher ihre Sicht auf das Leben, als auf das Leben mit Charonne, die für sie nie viel mehr als ein lästiger Störfaktor gewesen ist.

Das Erzählen aus drei Perspektiven lässt nicht nur die Figur der Charonne an Tiefe gewinnen, es macht aus dem Roman zusätzlich eine Geschichte, in der davon erzählt wird, wie die Generationen miteinander verwoben sind, aber auch davon, wie der jeweilige Leitgedanke, der den einzelnen Erzählungen in Form eines Zitates vorangestellt ist, das Leben und die Erfahrungen der Frauen bestimmt. So ist Nelly besessen von ihrem Alter, davon, was sie verloren hat.

„Ich weiß nicht, wann dieser faule Trick vonstatten gegangen ist, dieses Gaukelwerk, das ein asexuelles Monster an die Stelle der blonden Schönheit, der unbedarften und strahlenden Schönheit, die ich einst gewesen bin, gesetzt hat, aber das Ergebnis liegt vor und es würde aber auch jeden niederschmettern.“

Ist Charonnes Refrain „Ich komme“, so ist Nellys Leitmotiv „Ich gehe“. Sie scheint besessen vom Bedauern all der verpassten Chancen, der nicht ausgekosteten Glücksmomente. Das Leben erscheint ihr im Rückblick als Kette aneinandergereihter Versäumnisse.

Aber sie hat wenigstens Mitleid mit Charonne, diesem Kind, das seine Adoptiveltern wie eine mangelhafte Ware behandeln. 

„Ich glaube, ich habe nie zuvor etwas Ergreifenderes gesehen als dieses kleine Mädchen an jenem Tag, da Gladys und Régis versuchten, ihre Adoption rückgängig zu machen und sie zum Absender zurückzugeben, als wäre sie nichts anderes als ein unzustellbares Paket.“

Schließlich werden Enkeltochter und Großmutter ein gutes Team, die einander gegenseitig helfen und unterstützen. Nelly ist vielleicht die einzige in diesem hochherrschaftlichen Haus, die sich für Charonne interessiert, die einzige, die sie wirklich sieht, und die zulässt, dass Charonne ihr Leben bereichert und verändert:       

„Wenn ich es sehe, umso besser. Umso besser, wenn ich, bevor ich sterbe, anwesend bin beim Triumph meiner Enkeltochter, die nicht meine Enkeltochter ist, die aber in aller Form aus mir eine Großmutter gemacht hat.“

Gladys schließlich bedauert noch nicht einmal etwas. Was ihr Leben auszeichnet, was ihre Grundmelodie darstellt, steht im letzten Satz ihres Berichtes:

„[…] das Leben, nun, ich wüsste jedenfalls nicht, was ich damit anfangen sollte, außer es noch einmal von vorn zu beginnen.“

Diese Frau, die Idealbilder hat, aber nicht die Fähigkeit sie zu hinterfragen, die ihre Doppelmoral an die Stelle einer Verantwortung für das eigene Leben stellt, ist diejenige, an der Bayamack – Tam kaum ein gutes Haar lässt. Sie ist zweifellos die Figur, die am wenigsten dazu fähig ist, von sich selbst abzusehen.

Daneben erscheint der unverhohlene Rassismus, den Charly, Charonnes Großvater, nicht erst als er dement wird, an den Tag legt beinahe harmlos.

Getragen sind alle Erzählstränge von einer einzigartigen Satzmelodie, die Bayamack – Tam durchgehend durch einen leichtfüßig ironischen Ton erzeugt, durch eine geschmeidig böse Sprache von kühler Eleganz, der nicht zuletzt den Mangel an Empathie der französischen Elite vorführt.

Gekonnt spiegeln sich Redewendungen, Ansichten und Erlebnisse bei den unterschiedlichen Erzählerinnen wider. Nach und nach verbinden sich die Fäden, die das fein und geschickt gewobene Muster erkennen lassen, auf dem dieser Roman beruht.

„Ich komme“ ist ein Widerstandsroman. Das Buch erzählt vom Widerstand gegen die genormte Welt der Schönen und Schlanken, aber auch vom Widerstand gegen die Gleichgültigkeit, die Vernachlässigung. Es plädiert dagegen, sich mit der Opferrolle abzufinden und ganz für die Lebensfreude, die Lebenslust, die gerade Charonne, allem was ihr angetan worden ist zum Trotz, ausstrahlt und lebt.

Ohne das Ende verraten zu wollen; es ist ein Schluss, der vorzüglich dazu geeignet ist, all die in diesem Buch angefangenen Geschichten im eigenen Kopf weiterzuspinnen. Denn  Emmanuelle Bayamack – Tam hat keine Antworten, sie stellt lediglich die Fragen, die sich in einem mehr oder weniger gewöhnlichen Leben stellen. 

Emmanuelle Bayamack-Tam
Ich komme
Übersetzung:
Christian Ruzicska
Secession Verlag
2017 · 400 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-906910-14-7

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