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Kritik

Illustrierte Seele

Hamburg

Emmy Hennings hat ihr Buch „Brandmal“ selbst „ein Tagebuch“ untertitelt. Als Roman ist es 1920 erschienen. Da war sie 35 Jahre alt und hatte selbst bereits ein Leben wie ein Roman hinter sich. Ihre Protagonistin ist zwar ein „ich“, aber keine Emmy, sondern Dagny. Es ist also ausdrücklich nicht ihr Tagebuch, sondern ein Tagebuch, wohl, um den Charakter des Romans aufs Fiktive zu gewichten. Doch, als das Buch erschien, war Emmy Hennings keine Unbekannte. Da hatte sie bereits gemeinsam mit Hugo Ball und anderen Dadaisten das legendäre Cabaret Voltaire mitbegründet, die Wiege des Dada. War mit Claire Waldoff in Berlin aufgetreten. Hatte in München im Gefängnis gesessen und war durch ihren Freund Ferdinand Hardekopf zur Prostitution gezwungen worden. Wie gesagt, ein Leben wie ein Roman. Es wundert also nicht, dass ein Buch von ihr mit dem Untertitel ein Tagebuch auf großes Interesse bei den Zeitgenossen stieß. Und es ist keine leichte Aufgabe herauszufinden, ob sie eine große Literatin war, eine der „wichtigsten Schriftstellerinnen ihrer Generation“, wie es im Klappentext des 2017 erschienenen  zweiten Bandes der Werkausgabe im Wallstein Verlag heißt. Denn auch in den klügsten Köpfen wohnt eine Lust zum Voyeurismus: was hat diese Frau zu erzählen? Ja, der Voyeur in uns bekommt sein Futter und wird gleichzeitig enttäuscht. Ganz offensichtlich verarbeitet Emmy Hennings ihre Erlebnisse, wenn Dagny als mittellose Schauspielerin in Köln eintrifft und sich nach einem Tag Hunger ein „illustriertes Brötchen“ bestellt, ein Bier und schließlich einen Kognak, obwohl sie kein Geld in der Tasche hat. Und überlegt, ob sie sich ein Beefsteak mit einem „besonders scharfen Messer“ bestellt, das sie allerdings verpflichtet „ordentlich zu sterben“. Doch ein rettender Engel in Gestalt eines ehemaligen Schauspielerkollegen naht, der ein „Verhältnis“ hat, das ihn über Wasser hält. „Die Kunst ist doch nur nebenbei“. Übernachten auf Parkbänken, Verkaufen von „Desinfektionsapparaten“, schließlich bietet sie auf ein Gerücht hin ihre zukünftige Leiche der Anatomie an, doch das Geschäft kommt aufgrund beiderseitiger Missverständnisse nicht zustande. Dann bleibt die Straße. Das Tagebuch ist in Kapitel und nicht nach Zeit eingeteilt, es eilt durch Städte und Arbeitsverhältnisse, schließlich kleine Bühnen, auf denen Dagna singt. Wie es sich für ein Tagebuch geziemt, gibt es keine Dramaturgie, keinen Bogen. Dafür viel Reflexion, viel Selbstmitleidiges, Naives, zuweilen Kalauer: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend tadeln“. Viele Sprachbilder: „Von der Leiter der Illusionen heruntergefallen.“ Wenn man sich in den zeitgenössischen Voyeur hineinversetzt: enttäuschend. Zu weit weg vom tatsächlichen „ich“, von Emmy Hennings und ihrem wahrhaft aufregenden und auch tragischen Leben. Zuviel Versuch, das Leben auf der Schneide zu rechtfertigen. Nicht umsonst kauft sich Dagny für 30 Pfennig Dostojewskis „Raskolnikow“ und liest immer wieder fasziniert darin. Im Grunde eine Borderlinerin, die sich von ihren jeweiligen Gegenübern nicht abgrenzen kann und deshalb so viele Worte braucht, anschließend darüber nachzudenken. Das kann große Literatur sein. Ist es aber bei Emmy Hennings eher nicht. Eine melancholisch illustrierte Seele lässt es fließen. Dennoch ist dieser zweite Band der Werkausgabe, in der auch die stream of consciousness-Erzählung „Das ewige Lied“ erstmals wiederaufgelegt wurde, sehr lesenswert. Und zwar in Verbindung mit dem fast 200 Seiten langen Anhang zu den Originaltexten, den die beiden Herausgeberinnen, Mitarbeiterinnen des Schweizer Literaturarchivs, Nicola Behrmann und Christa Baumberger, zusammengestellt und ediert haben. Als Kennerinnen und Aufarbeiterinnen des im Schweizer Literaturarchiv befindlichen Nachlasses können sie anhand des Materials, darunter viele zeitgenössische Rezensionen, Leben und Werk hervorragend zuordnen. Eine liebevoll und akribisch geführte Werkedition, die für einen kleinen Kreis von Enthusiasten eine Kostbarkeit darstellt. In den Rezensionen fehlt es auch 1920 nicht an Kritik. Gemessen wird Emmy Hennings an ihrem Erstling „Gefängnis“, in dem sie dem Voyeurismus des Lesers deutlicher entgegenkam. So heißt es, dass das „Brandmal“ „kalt“ lasse, der „Ton wechselt nicht“, und „undramatisch bis zur Langeweile“ sei. Ein anderer Rezensent stellt Emmy Hennings neben Else Lasker-Schüler, „jetzt die größte Dichterin in deutschem Wort und Gefühl“. Ein Anonymus machte „Brandmal“ regelrecht zum Ratgeber in Sachen Umgang mit Frauen: „Junge Männer vor und reife Männer in der Ehe mögen das Buch lesen. Es nützet im Verkehr mit Frau und Braut und Welt.“ Im Nachwort bekennt sich Nicola Behrmann zur Herausforderung beider Henningscher Texte und sie beleuchtet auch die Rezeption Hugo Balls. Der selbst in mittelloser Zeit von ihrer Prostitution mit lebte, doch sich „im Laufe der Jahre von einem wohlwollenden Lektor hin zu einem bedingungslosen Verehrer ihrer Kunst“ wandelte.

Emmy Hennings · Nicola Behrmann (Hg.) · Christa Baumberger (Hg.)
Das Brandmal – Das ewige Lied
Wallstein Verlag
2017 · 508 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-3040-5

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