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Kritik

Die Erfindung von Paris

Hamburg
Von

Paris – die letzten zwanzig, dreißig Jahre war ich immer zumindest einmal jährlich dort, meist entweder im Frühjahr oder im Herbst, am liebsten aber sowohl als auch, was nicht immer möglich war. Nur voriges Jahr bin ich nicht hingekommen, was Freunde boshaft mit „Pensionsschock“ kommentierten. Und heuer hat es sich auch nicht ergeben, diesmal aber, weil es einfach nicht ging: im Frühjahr sogenannter Lock-Down und im Herbst Reiseverbot. Wen wundert’s, dass sie sich eingestellt hat, die „nostalgie des pays lointains“, das Fernweh. Also suchte ich nach einem virtuellen Ausweg und fand im Schaufenster des Buchhändlers meines Vertrauens „Die Erfindung von Paris“ von Eric Hazan, den von Karin Uttendörfer und Michael Müller virtuos ins Deutsche übertragenen und bei Matthes & Seitz überarbeiteten und aktualisierten sowie um zahlreiche Fotografien erweiterten Parisklassiker (französische Erstauflage 2002 bei Seuil, deutsche Erstauflage 2006 bei Ammann).

Paris „erfinden“? Das klingt eher nach Phantasmagorie als nach Stadtbeschreibung. Und doch hat man am Ende von Eric Hazans Buch das Gefühl, dass Paris nicht gebaut, umgebaut, zerstört, wiederaufgebaut oder neu gebaut wurde, sondern dass es sich ständig neu erfunden hat und immer noch erfindet:

„Denn im Laufe der Jahrhunderte wurden die Vertreter von Ruhe und Ordnung immer wieder von den Veränderungen dieses Parameters überrascht: der Sprengkraft von Paris.“

Dieser explosiven Kraft spürt Eric Hazan nach und führt uns dabei durch die verstecktesten Winkel seines geliebten Paris, das er uns als viele gleichzeitig, nach-, über- und nebeneinander entstandene Paris zeigt. Deutlich wird dies besonders dann, wenn frühere Ortsbezeichnungen durch die aktuellen ergänzt werden, etwa „Rue Saint-Louis [de Turenne]“ oder „Bahnhof Gare d’Orléans [Gare d’Austerlitz] und den an der Barrière du Maine [Gare Montparnasse]“, wobei manchmal auch die jetzigen durch die früheren Ortsbezeichnungen ergänzt werden, dann aber mit besonderem Hinweis auf die geänderte Reihenfolge: „Rue Léon-Jouhaux [ehemals Rue Samson, zuvor Rue de la Douane]“.

Auch wenn Eric Hazan den Rundgang beinahe „klassisch“ anzugehen scheint und ihn quasi im Uhrzeigersinn und von innen nach außen anlegt, folgt er nur scheinbar der Reihenfolge der wie ein Schneckenhaus angeordneten Pariser Arrondissements. Denn eigentlich werden ausgewählte Quartiers mehr oder minder entsprechend ihrer zeitlichen Entstehung vorgestellt und durchwandert. Dabei zeigt uns Eric Hazan nicht nur die Stadt, wie sie sich heute darstellt, sondern er schält Schicht für Schicht alle früheren Entwicklungsstadien und damit ihre Geschichte heraus.

Eric Hazan nimmt sich und gibt uns viel Zeit, durch Paris zu flanieren – über 270 Seiten. Trotz dieser „Dauer“ ermüden weder die Wege noch die kleineren und manchmal ausgedehnteren Umwege, auch nicht die vielen besuchten Orte oder die überreichen Informationen und Querverweise etwa zu französischer Geschichte, Politik oder Kultur. Ganz im Gegenteil ist dieser ausgedehnte Spaziergang durch das vielschichtige Paris nicht nur interessant und lehrreich, sondern auch spannend angelegt. So kommt man sich vor wie ein Zeitreisender, der im Zeitraffer die konzentrische Ausdehnung der Stadt miterlebt, die immer wieder ihre Begrenzungen durch Befestigungsanlagen oder Zollmauern durchbrochen und ihre Ausdehnung erweitert hat, jetzt von einem Autobahnring wieder in ihrer Entwicklung eingeschränkt wird. Man erfährt, dass viele Boulevards dort entstanden sind, wo die beengenden Mauern niedergerissen wurden, wenn sie nicht, wie auch die Avenues, aus militärischen Gründen zur Unterbindung oder eher Unterdrückung der Pariser Aufstände des neunzehnten Jahrhunderts angelegt worden sind, und man bekommt die Veränderungen der Pariser Quartiers sehr persönlich und pointiert geschildert und kommentiert, wobei Eric Hazan nie in nostalgische Verklärung des Alten verfällt:

„Im Laufe der letzten zwanzig oder dreißig Jahre haben einige Bauwerke es sogar vermocht, einen neuen Geist des Ortes zu erschaffen: So hat die Glaspyramide von Ieoh Ming Pei dem Innenhof des Louvre von Napoleon III […] Leben eingehaucht, und nicht weit von ihr entfernt hat sich ein ganz neues Viertel, mit all seinen Fehlern und Vorzügen, um das Beaubourg herum entwickelt. (Ich sage nicht „Centre Pompidou“, denn Pompidou besaß einen miserablen Kunstgeschmack – sein Büro schmückten Werke von Agram -, außerdem war er anfangs gegen Pianos und Rogers Entwurf, der sich nur dank der Hartnäckigkeit des Jury-Präsidenten, des großen Jean Prouvé, durchgesetzt hatte.)“

Aber er ist auch kein „Modernist“ oder Verächter des Alten:

„Unter den Akteuren, die in den letzten zehn Jahren aktiv zum Verfall des städtischen Raums in Paris beigetragen haben, würde ich die Direktion des Grünflächenamtes an erster Stelle sehen. Die »Begrünung« – so ihr Ausdruck – macht vor keinem Pariser Quartier Halt und befällt Orte, die doch eigentlich nur in Ruhe gelassen werden wollen.“

Und nicht jede seiner kritischen Anmerkungen zur Stadtentwicklung der letzten Jahre beschränkt sich auf die gestalterische, nur das oberflächliche Erscheinungsbild verändernde Ebene, ganz im Gegenteil:

„Auf Aufforderung des Staatspräsidenten hat die Crème de la Crème der offiziellen Architektur vor einiger Zeit ihre Pläne für das Projekt Grand Paris vorgestellt. Sie haben alle die Form von Gyroskopen oder Zentrifugen: Es geht darum, die Armen um die Stadt herum rotieren zu lassen, weit entfernt von ihrem Kern, um zu verhindern, dass sie länger hierher zurückkehren, als es für ihre Arbeit als Kassiererinnen oder Wachleuten eben erforderlich ist.“

Auch ist nicht jede Kritik ironisch oder zumindest ironisierend verpackt, manche sind sarkastisch andere klingen verzweifelt:

„Ich muss an die letzten Katastrophen denken, die Haussmann geplant hatte und die alleine die Niederlage von Sedan verhindert hat […]. Mir kommen auch die Projekte Pompidous in den Sinn […]. Diese Dummheiten wurden allein durch die Krankheit und den Tod des Präsidenten verhindert. Welche Katastrophen muss man sich noch wünschen, damit uns die Pariser Bahnschienen unter freiem Himmel erhalten bleiben?“

Um sich beim Flanieren und bei Eric Hazans Ausführungen nicht zu verlieren empfiehlt es sich, einen Stadtplan von Paris zu Rate zu ziehen. Da ich selbst kaum mehr als zwanzig, dreißig, vielleicht fünfzig Straßennamen in meiner Heimatstadt Wien rasch und akkurat verorten kann, Hazans Ortsregister aber fünfzehn doppelspaltige Seiten umfasst, habe ich das sehr bald, und bei der Lektüre der ersten drei Kapitel sehr oft gemacht, wodurch ich mich weder in der Fülle der Informationen noch im Gewirr der Gassen, Straßen, Avenues, Boulevards und Plätze verloren habe, wohl aber in Paris und seiner Atmosphäre.

Nach dem Rundgang – im französischen Original lautet der erste Teil „Chemins de Ronde“, also eigentlich Wehrgänge, doch lässt sich diese Doppeldeutigkeit nicht ins Deutsche übertragen, weshalb die gewählte Übersetzung in „Rundwege“ durchaus adäquat erscheint – durch die Quartiers, die Faubourgs und schließlich die Dörfer, führt uns Eric Hazan in das Rote Paris. Als Wiener assoziiert man mit diesem Begriff unwillkürlich das Projekt einer sozialistischen (sozialdemokratischen) Politik im Wien der Zwischenkriegszeit, die sich am sichtbarsten in kommunalen Bauten manifestierte. Für einen Pariser ist dieser Begriff ganz anders besetzt, es ist das Paris der Revolutionen, der Barrikaden, des Widerstands, dessen Grenzen sich

„mit Hilfe der Gedenktafeln an den Orten, wo jene gelebt oder sich versammelt hatten, die [während der Besatzung] erschossen oder ohne Rückkehr deportiert wurden, […] nachzeichnen [lassen]: im Nordosten von einer Linie von der Porte de Clichy bis zur Porte de Vincennes, vorbei an der Gare Saint-Lazare, der Place de la République und der Bastille, ein Paris, das weit in die Banlieue hineinreicht, von Saint-Ouen und Gennevilliers bis Montreuil und Ivry.“

Diese Grenzen sind allerdings nicht festgeschrieben, sondern manchmal sehr fluktuierend, so sehr, dass das Rote Paris sogar fast verschwinden kann:

„In den beiden letzten Tagen, am Samstag, dem 27., und am Sonntag, dem 28. Mai [1871], bei wunderschönem Wetter, schrumpfte das Rote Paris nach und nach auf den Faubourg du Temple zusammen.“

Doch ganz verschwunden ist es nie, auch heute nicht, denn

„[…] ein anderes Neues Paris nimmt Formen an und wächst unter unseren nicht immer ganz offenen Augen. Es überlässt den Westen den Werbeleuten und Erdölkonzernen und drängt – wie immer – nach Norden und Osten. Von den Ramblas aus, den Boulevards de la Chapelle, de la Villette, de Belleville, de Ménilmontant, hinweg über die Höhen zwischen Montmartre und Charonne, überquert es den schrecklichen Gürtel des Boulevard périphérique […].“

Dieser zweite Teil ist aus meiner Sicht der persönlichste und er zeigt einen Eric Hazan, der nicht nur die revolutionäre Geschichte von Paris in den knapp zweihundert Jahren zwischen 1789 und 1968 förmlich miterlebt, sondern auch einen scharf analysierenden, hoch politischen Eric Hazan:

„Die Niederlage [im Mai 1871] zeigte, was bis dahin nicht gesehen worden war. Wo bis dahin die Illusion herrschte […], brachte die Niederlage unvermittelt die wahre Natur des Feindes zum Vorschein, sie löste den Konsens auf, sie demontierte die ideologische Mystifizierungen der Herrschaft. Keine politische Analyse, keine Pressekampagne, kein Wahlkampf konnte eine derart deutliche Botschaft vermitteln wie das Schauspiel, das die Erschießungen auf offener Straße boten.

Im Laufe eines Jahrhunderts (1871 -1968) begünstigte die Befriedung der politischen Sitten – mit anderen Worten die Fortsetzung des Bürgerkriegs mit anderen Mitteln – die Rückkehr der Illusion.“

… einen Eric Hazan ohne den sentimentalen oder romantisch-verklärten revolutionären Idealismus der einen und die abgeklärte Überheblichkeit der anderen 68er, auch wenn er vordergründig die Ereignisse des Mai 68 zu verklären scheint:

„Doch gerade dadurch, dass die Erhebung des Roten Paris im Mai 1968 jene Symbolik [der Barrikaden] ins Spiel brachte, erreichte sie – wie im Juli 1789, wie im Juli 1830, wie im Februar 1848 –, dass der Funke übersprang, und zwar nicht nur mehr auf ganz Europa, sondern dieses Mal auf den ganzen Globus, von Tokio bis Mexiko, was den Studenten von Berkley nicht gelungen war, weil ihnen eben diese historische Verankerung fehlte.“

Beim Lesen des zweiten Teils der „Erfindung von Paris“ stellt man sich vielleicht die Frage, ob es sich dabei nicht um einen Essai handelt, einen Essai in der Tradition der Essais Montaignes, allerdings nicht mit dem Autor als Studienobjekt sondern einer Stadt, der Stadt Paris.

Im dritten Teil, „Im wimmelnden Gemälde von Paris …“ nimmt sich Eric Hazan zurück und überlässt die Schilderung den flanierenden Schriftstellern einerseits und den Fotografen und Malern andererseits. Wobei die Auswahl der Künstler, denen die Schilderung überlassen wird, eine sehr persönliche ist, auch wenn sie viele der großen Namen, die man mit Paris in Verbindung bringt, umfasst und so vordergründig beinahe Klischees zu bedienen scheint. Doch machen Eric Hazans Zugang insbesondere zu den Autoren aber vor allem die Auswahl der Texte aus dem Erwarteten etwas Unerwartetes, das fast dazu verführt, wieder oder erstmals in die zitierten Texte einzutauchen und sich den genannten Bildern, vor allem der „jungen“ Fotografie, einmal genauer zuzuwenden.

Auch die beiden Teile des wimmelnden Gemäldes werden, nicht zuletzt durch ihren sehr persönlichen Zugang, zu Essais, wobei, jetzt im Nachhinein betrachtet, „Die Erfindung von Paris“ eigentlich eine Sammlung von sehr französischen, um nicht zu sagen Pariser Essais darstellt.

Das hat, jetzt da der zweite Corona-Lock-Down in ganz Europa entweder unmittelbar bevorzustehen scheint oder sogar schon verhängt wurde, durchaus Vorteile, lässt sich doch die Lektüre den eigenen Möglichkeiten oder Bedürfnissen anpassen: heute durch die Pariser Literatur flanieren, am Wochenende einen längeren Rundgang durch Paris machen, dann in alten Fotografien schwelgen und schließlich die Geschichte der Revolutionen von Paris, die immer auf Europa und auch weit darüber hinaus übergegriffen haben, quasi aus der Sicht der Revolutionäre erleben.

Eric Hazan hat mit seiner Erfindung von Paris

„eine Geschichte der Stadt Paris [… geschrieben], die neben der politischen Entwicklung die Architektur und die Kunst, die Technik, die Literatur und die Gesellschaft behandelt, deren Kapitel aber nicht durch die Jahrhunderte […], die Regierungszeiten von Königen oder die Abfolge von Republiken bestimmt [sind], sondern durch die Stadtmauern, die in einem diskontinuierlichen und verborgenen Verlauf der Zeit Zäsuren setzten.“

Eine sehr persönliche und doch allgemeine Geschichte der Stadt Paris, die sich auch flanierend aufnehmen lässt.

Èric Hazan
Die Erfindung von Paris
Übersetzung: Karin Uttendörfer, Michael Müller
Matthes & Seitz
2020 · 598 Seiten · 38,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-794-8

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