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Kritik

„Man soll die gottlosen Regenten töten“

Éric Vuillards Roman über den Reformator und Sozialrevolutionär Thomas Müntzer ist ein lesenswertes Stück politischer Literatur
Hamburg

Éric Vuillard schreibt mit hoher Frequenz kleine Bücher, die sich vordergründig mit historischen Themen befassen, dabei aber stets den Blick auch auf unsere Gegenwart richten. Hierzulande einem größeren Publikum bekannt wurde er 2018 mit dem preisgekrönten dokumentarischen Roman „Die Tagesordnung“. Dessen Stärke lag in der Darstellung vermeintlicher Nebensächlichkeiten im Vorfeld der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges, nach denen man in den Geschichtsbüchern vergeblich sucht, die sich in der Rückschau aber als bedeutsam erweisen, wenngleich die Bedeutung eher symbolischer Natur ist. Der Verweis auf die zahlreichen deutschen Unternehmen, die früh das gute Einvernehmen mit den Nationalsozialisten suchten, durfte dabei durchaus als Anspielung auf das opportunistische Geschäftsgebaren global agierender Firmen im Hier und Heute verstanden werden.

In seinem Roman „14. Juli“, der auf Deutsch im vergangenen Jahr erschien ist, beschrieb Vuillard den Sturm auf die Bastille aus der Perspektive der Menschen auf der Straße, der Arbeiter, Tagelöhner und kleinen Handwerker, deren Wut über ihr soziales Schicksal sich 1789 gewaltsam entlud. Gegen Ende des Buches findet sich der Ratschlag, es den Aufständischen nachzutun und die Türen „unserer lächerlichen Élysée-Paläste [einzutreten]“. Allerdings wäre es verfehlt, das Buch, wie wiederholt geschehen, als direkten Kommentar zur französischen Gelbwesten-Bewegung zu lesen – im französischen Original ist „14 Juli“ bereits 2016 erschienen, und damit zwei Jahre vor dem Aufkommen der Gelbwesten.  

Sein Buch zur Gelbwesten-Bewegung hat Vuillard im vergangenen Jahr veröffentlicht; unter dem wörtlich übersetzten Titel „Der Krieg der Armen“ ist es jetzt auf gerade einmal 59 Textseiten auch auf Deutsch erschienen.

Sowohl seiner literarischen Herangehensweise als auch der politischen Stoßrichtung ist Vuillard dabei treu geblieben. „Der Krieg der Armen“ kommt erneut im Gewand einer historischen Miniatur daher, diesmal als idealisiertes Porträt des Reformators und Revolutionärs in der Zeit des Bauernkrieges, Thomas Müntzer.

Vuillards Beschreibung erfolgt in kleinen Skizzen, die sich in der Summe zu einem stimmigen Ganzen fügen. Es gelingt ihm, sowohl die Person Müntzer als auch die Umstände seiner Zeit mit wenigen Worten bildhaft zu gestalten, etwa wenn er auf die revolutionäre Bedeutung des Buchdrucks als Katalysator der historischen Dynamik verweist („Fünfzig Jahre zuvor war eine glühende Masse ausgeflossen, von Mainz durch das ganze übrige Europa, war zwischen die Hügel jeder Stadt, zwischen die Buchstaben sämtlicher Namen geflossen, über die Regenrinnen, durch die Windungen jedes einzelnen Gedankens; und jeder Buchstabe, jeder Ideenzipfel, jedes Satzzeichen war in ein Stück Metall eingegangen.“). 

Das historisch verbürgte Wanderleben Müntzers wird von Vuillard nur angerissen; die Jugend-, Studien- und frühen Priesterjahre in einem einzigen Satz zusammengefasst. Dann der entscheidende Moment: „1520 [kroch er aus seinem Loch], zum Prediger ernannt in Zwickau“.  

Jetzt beginnt die Zeit, die Vuillard für seine Geschichte interessiert. Denn das damalige Zwickau ist zweigeteilt; hier die reichen Bürger, die gute Geschäfte mit dem Tuchhandel machen und in behäbigem Wohlstand leben; dort das gemeine Volk, das täglich ums Überleben ringt. Von der Kanzel herab bezieht Müntzer Stellung und seine Botschaften sind eindeutig. Er zitiert das Evangelium, das er – anders als der mildere Luther, den er als das „sanftlebende Fleisch zu Wittenberg“ verspottet – im Wortsinn versteht: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“, lautet eine seiner Botschaften.

Und Müntzer dringt durch, er wird gehört und verstanden, von beiden Seiten. Die reichen Tuchmacher bekommen es mit der Angst zu tun, denn sie erkennen, dass man nur an einem Faden zu ziehen braucht, um ihre ganze zuvor geschaffene Webarbeit wieder aufzulösen; die Tagelöhner merken, dass sie belogen wurden – sie beginnen sich zu fragen, warum der Gott der Armen so merkwürdig auf Seiten der Reichen steht.  

Doch Müntzers Predigten provozieren nicht nur den Widerwillen der Reichen. Auch der Klerus wendet sich ab, soll er doch, geht es nach Müntzer, in „evangelischer Armut“ leben – alle Menschen sind schließlich gleich!  

Auf sich allein gestellt, fährt Müntzer fort, seine radikalen Gedanken im Volk zu verbreiten. Damit alle ihn verstehen, spricht er Deutsch, nicht Latein. Es sei die Sense, die das Unkraut schneidet, sagt er. Und kündigt an, den Fürsten das Schwert zu entreißen, um es den Armen zu reichen. Kurz, er will die bestehende Ordnung zerstören und wie Daniel im Traum des Nebukadnezars ein neues Reich Gottes schaffen; eine Welt ohne Privilegien, Besitz oder Staat! 

1525 schließlich der Übergang vom Wort zur Tat: Das Volk erhebt sich und die Revolte breitet sich aus; bis nach Rom wollen die Bauern ziehen. Die entscheidende Schlacht gegen die Fürsten schlägt Müntzer mit den Bauern und Arbeitern, den Landstreichern, dem Pöbel bei Frankenhausen – und unterliegt, 4.000 sind tot. Müntzer wird gefangen genommen, gefoltert und enthauptet. Sein Kopf endet auf einem Pfahl, zur Abschreckung. Hier schließt sich der Kreis der Erzählung, die mit der Erhängung von Müntzers Vater auf Geheiß der örtlichen Obrigkeit begonnen hatte.  

„In Wirklichkeit betrifft der Zwist um das Jenseits die Dinge dieser Welt“, heißt es an einer Stelle des Buches. Dem theologischen Kontext entzogen, steckt darin ein Stück weit auch das literarische Programm Vuillards. Dass die Geschichte über das Leben und Wirken Thomas Müntzers unter dem Eindruck der französischen Proteste der vergangenen zwei Jahre entstanden ist und deutliche parabolische Einschläge aufweist, dürfte ebenso außer Frage stehen wie die Seite, auf der Vuillard in diesem Konflikt steht. Dennoch ist das Erzählte viel zu klug und differenziert, als dass es sich als bloßes Pamphlet abstempeln ließe; Müntzers Narzissmus, seine wahnhaften Züge, seine Besessenheit werden nicht ausgeklammert. Vuillard ist mit „Der Krieg der Armen“ erneut ein lesenswerter Beitrag zu langen und derzeit wieder sehr präsenten Tradition politischer Literatur in Frankreich gelungen.  

Éric Vuillard
Der Krieg der Armen
Übersetzung: Nicola Denis
Matthes & Seitz
2020 · 64 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-837-2

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