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Kritik

Momentaufnahmen der Geschichte

Éric Vuillards neuer Roman „Die Tagesordnung“
Hamburg

Man denkt unwillkürlich an jene Bilder, die vor einigen Wochen in den Medien zirkulierten: Deutsche Wirtschaftslenker, ausschließlich Männer, in trauter Runde mit dem US-Präsidenten. Die Stimmung ist ausgelassen, man scherzt und lacht und lobt sich gegenseitig; für die Absenkung der Steuern den einen, für zusätzliche Investitionen die anderen. Alle profitieren, alles ist gut, zumindest scheint es so. Bis kurze Zeit später der freie Handel zur Disposition steht. Aber das ist ein anderes Thema.

Oder an die ganzseitigen Annoncen großer europäischer Unternehmen in der Tagespresse, wenige Tage nach den Präsidentschaftswahlen in der Türkei. Darin wurde versichert, dass man sich selbstverständlich  auch weiterhin auf eine reibungslose Zusammenarbeit mit dem Land freue – autoritäres Gehabe und demokratischer Raubbau hin oder her.

Vermutlich sind derlei spontane Assoziationen bei genauerem Hinsehen unangemessen. Und natürlich legt es Éric Vuillard genau darauf an! Die Szene, mit der er seinen neuen Roman „Die Tagesordnung“ eröffnet, gehört in eine gänzlich andere Zeit. Es ist der 20. Februar 1933. Die versammelte Elite der deutschen Industrie, 24 befrackte Herren an der Zahl, findet sich zum Stelldichein mit dem neuen Reichskanzler zusammen. Die einführenden Worte spricht der Reichstagspräsident.  

Was die Herren der Wirtschaft zu hören bekommen, gefällt ihnen. Die Zeit der Polarisierung und endlosen Debatten sei endlich vorbei, die Instabilität des Regimes beendet. Ab sofort könnten sich die Unternehmen auf verlässliche Rahmenbedingungen einstellen, befreit von der kommunistischen Bedrohung und lästigen Gewerkschaften. Kurzum, jedem Chef sei es wieder erlaubt, Führer im eigenen Unternehmen zu sein! Dass Stabilität seinen Preis hat, leuchtet den Teilnehmern ein. Das jovial an die Runde gerichtete „Und nun, meine Herren, an die Kassen!“ des ebenfalls anwesenden Reichsbankpräsidenten sorgt für gemütliche Erheiterung. Der offizielle Teil des Treffens ist beendet.

Erst ganz am Ende seines nur knapp 120-seitigen Romans kommt Vuillard auf dieses eingangs entworfene Szenario zurück. Er lässt 12 Jahre später die Wirtschaftslenker zurückblicken. Was sie sehen, gefällt ihnen gar nicht. Auch wenn man anfangs gute Geschäfte gemacht hatte, mit der versprochenen Stabilität war es nicht allzu weit her gewesen. Deutschland liegt in Trümmern. Aber das Leben geht weiter. „In absehbarer Zeit werden alle statt des Goldenen Parteiabzeichens stolz das Bundesverdienstkreuz tragen“, schreibt Vuillard.  

Wer jetzt glaubt, Vuillards Buch ist eine demonstrative Anklage der Wirtschaft und unseres kapitalistischen Systems, irrt nicht gänzlich, greift aber zu kurz.

Natürlich bietet es sich an, den von den Unternehmen betriebenen Kult der stabilen Verhältnisse um jeden Preis als oberste Prämisse politischen Handelns aufzuspießen und in unsere Zeit zu transportieren. Beispiele dafür finden sich zur Genüge, nicht nur mit Blick auf China, sondern auch auf andere Weltregionen. Auch der Verweis auf das in den 1920ern in der Elite verbreitete Wehklagen über die Trägheit der parlamentarischen Demokratie und die Sehnsucht nach einem effizienteren Regime lädt zu Verknüpfungen mit dem Hier und Jetzt ein.

Allerdings ist Vuillard kein Autor für die dumpfe politische Agitation. Sein literarisches Programm ist ein anderes, komplexeres. Mit „Die Tagesordnung“ hat er es weiter perfektioniert. In Frankreich wurde das Buch 2017 mit dem Prix Goncourt prämiert, Nicola Denis hat es souverän ins Deutsche übertragen. Die Kontinuitätslinie zu früheren Werken, etwa der 2014 auf Deutsch erschienenen „Ballade vom Abendland“, ein Buch über die tiefgehende Erschütterung, die der Erste Weltkrieg in den Gesellschaften ausgelöst hat, ist unverkennbar.

Vuillards Herangehensweise ist die historisch-literarische Montage; das Ergebnis ein Mosaik, das erst in der Distanz seine Facetten offenbart.

So auch in dem neuen Roman. Der rote Faden ist nicht, wie der Klappentext suggeriert, die Verquickung der Wirtschaft mit dem Dritten Reich. Stattdessen ist dieser zweifellos wichtige und darum auch den Rahmen des Romans absteckende Aspekt lediglich eine Episode unter mehreren. Das eigentliche Motiv ist der einmalige historische Moment, der in der Nahaufnahme nicht selten ein hohes Maß an Skurrilität beinhaltet. Und dessen wahre Dimension sich uns daher oftmals erst in der Rückschau erschließt.

Etwa wenn Vuillard beschreibt, wie beim Einmarsch in Österreich am 12. März 1938 die deutschen Panzer wegen technischer Mängel reihenweise liegenblieben und Hitler, der auf einen triumphalen Einzug in Wien gesetzt hatte, samt seiner Entourage stundenlang im Stau stand. Oder das tragische Hinterzimmer-Schmierentheater um den Rücktritt des österreichischen Kanzlers Schuschnigg. Die Telefonate zwischen Schuschniggs Nachfolger Seys-Inquart und Göring wurden damals aufgezeichnet; sie dienten Jahre später den Anklägern in den Nürnberger Prozessen als Belastungsmaterial. Als sie im Gerichtssaal wiedergegeben wurden, konnten die Anwesenden ein Lachen nicht unterdrücken; zu groß war streckenweise der schreckliche Wahnwitz der Dialoge.    

Aus derlei historischem Rohmaterial entsteht Vuillards Literatur. Was auf den ersten Blick unbedeutend wirkt, ein Telefongespräch, eine Notiz, gewinnt in der Rückschau und unter einem veränderten „Sehepunkt“ an Relevanz. Oft sind es dabei die kleinen Worte und Gesten, die mehr ausdrücken als die öffentlich wahrgenommene, zumeist der Symbolik geschuldeten Inszenierung. So schildert Vuillard ein Abendessen in der britischen Botschaft in London am Vorabend der Besetzung Österreichs, das der deutsche Botschafter und spätere Außenminister Ribbentrop geschickt in die Länge zog, so dass eine schnelle internationale Abstimmung und damit Reaktion der europäischen Staaten ausblieb. In den Geschichtsbüchern sucht man die Episode vergebens; bei Vuillard entfaltet das scheinbar lapidare Ereignis seine ganz eigene Bedeutung.

Vuillard schildert in „Die Tagesordnung“ die psychologischen und zwischenmenschlichen Mechanismen, die Hitler an die Macht gebracht haben; und es ihm ermöglichten, sich so lange dort zu halten. Dies geschieht in Form kurzer Episoden, die das Augenmerk auf Geschehnisse und Zusammentreffen lenken, die in der herkömmlichen Ereignisgeschichte selten Erwähnung finden. Doch erlaubt gerade dieser literarische Kunstgriff bisweilen tiefere Einsichten in die Entwicklungsdynamiken als das an der Empirie geschulte Auge des Historikers.

Éric Vuillard hat kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern einen unbedingt lesenswerten Roman, bei dessen Lektüre man mehr als einmal an die Gegenwart erinnert wird.

Èric Vuillard
Die Tagesordnung
Originaltitel: L'Odre du Jour (Französisch) / Übersetzung: Nicola Denis
Matthes & Seitz
2018 · 128 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-576-0

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