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Mosaik Literaturzeitschrift
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Kritik

Wiederentdeckung eines großen Weltkundigen

Hamburg

Im Dreigestirn der großen Exilphilologen des 20. Jahrhunderts ist Erich Auerbach neben Walter Benjamin und Hannah Arendt für die meisten interessierten Laien vielleicht die vergleichsweise am wenigsten hell strahlende Sonne deutschsprachiger Gelehrsamkeit. Während Benjamin und Arendt seit Jahrzehnten zum bildungsbürgerlichen Kanon gehören, ist Auerbach hierzulande erst zu Beginn des neuen Jahrtausends wiederentdeckt worden, und dies hauptsächlich, wie Herausgeber Matthias Bormuth ausführt, aufgrund seines Hauptwerkes Mimesis, welches zweieinhalbtausend Jahre von der Antike zur Moderne "literarischer Selbst- und Weltwahrnehmung" umfasse. Der vorliegende Band ist ein wohl- edierter Einstieg in das Werk des Romanisten und Literaturwissenschaftlers Auerbach, in dem wichtige Essays und Briefe versammelt sind, die eine erste Beschäftigung mit dem philologischen Kosmos des Autors anregen sollen.

Dazu ist der Aufbau des nur rund 170 Seiten starken Buches vorzüglich geeignet. Herausgeber Matthias Bormuth leitet mit einem kurzen Abriss von Leben und Wirken Auerbachs ein und stellt einige für ihn essentielle Merkmale der dann folgenden Essays heraus; die Briefe Auerbachs an Größen der Zeit wie Karl Vosseler, Walter Benjamin, Thomas Mann und Victor Klemperer werden jeweils vor ihrem Abdruck in den entsprechenden situativen und geschichtlichen Kontext gestellt, was die Rezeption und das Nachvollziehen der Gedankengänge des Autors für den Neuling sehr erleichtert.

Ein Essay über Montaigne (1533-92) eröffnet den Einstieg in die Auerbachschen Texte. Montaigne als Schriftsteller beeindruckt Auerbach in seiner richtungsweisenden geistigen Unabhängigkeit und Lebenshaltung, er sieht in ihm nicht zuletzt auch einen Vorreiter des modernen Verständnisses vom Schriftsteller, der der gelehrten Geistlichkeit den Rang abläuft:

"Dabei war er der erste faiseur de livres im heutigen Sinne: weder Dichter noch Gelehrter, sondern Buchverfasser: Schriftsteller. [...] Dieser unabhängige und berufslose Mann schuf also einen neuen Beruf und eine neue soziale Kategorie: den homme des lettres oder écrivain, den Laien als Schriftsteller."

Auch stilistisch steht Montaigne in Auerbachs Augen den formalen Manierismen seiner Zeit diametral gegenüber, sein Talent ist die Schlichtheit der Sprache, die Fähigkeit, den jeweiligen Gegenstand seiner Untersuchung ganz und gar zu entkleiden:

"...er sucht nichts Besonderes in der sprachlichen Vorurteilslosigkeit als höchstens den Ausdruck, der der Sache genugtut: das Resultat ist vollkommenste Nacktheit der Dinge."

Mit Giambattista Vico (1668-1744), dessen Hauptwerk "Die neue Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der Völker" Auerbach übersetzt hat, beschäftigt sich ein weiterer kürzerer Text, in welchem er über die Faszination von Vicos Sonderweg des beständigen Ineinanderfließens von als göttlich verstandener Vorsehung und empirischer Geschichtswissenschaftlichkeit reflektiert. Auerbach kontextualisiert hier in eindrucksvoller Weise Vicos Werk sowohl innerhalb seiner Epoche als auch für das 20. Jahrhundert im Rückblick, und seine Deutungen vermitteln sich nie als apodiktische Endgültigkeiten, sondern als Angebote zum eigenen Nachdenken.

Diese freundliche und unprätentiöse Grundhaltung setzt sich durch die gesamte Auswahl an Essays fort, ob es nun um Dante und Vergil oder um Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit geht, immer findet er Worte, die seine Leserschaft ermutigen, sich auch auf ungewöhnliche Aspekte des jeweiligen literarischen Sujets einzulassen:

"So sprießt das tolle, fast botanische Gebilde ganz autonom, die Hand des Gestalters ist kaum zu fühlen, und wenn andere große Dichter, die Beschreibung und Analyse verschmähend, einen Charakter in seinem tragischen Augenblick mit wenigen Worten für Jahrhunderte unvergeßbar gemacht haben, so gebührt diese vielleicht erhabenere Haltung gewiß nicht dem Roman; neben Prousts Werk erscheinen fast alle Romane, die man kennt, als Novellen."

Herausgeber Matthias Bormuth merkt in seinem Vorwort an, dass die ausgewählten Texte und Briefe Auerbachs "im gedanklichen Horizont von Mimesis" stehen. So darf auch das für die vorliegende Zusammenstellung titelgebende erste Kapitel von Auerbachs Hauptwerk nicht fehlen. Die Narbe des Odysseus ist ein großangelegter Vergleich antiker Schreibhaltungen am Beispiel Homers und den Verfassern des Alten Testaments. Auerbach arbeitet minutiös die Unterschiede in Stil, Anlage und Entwicklung oder auch Abgeschlossenheit der Charaktere und vor allem in der Gesamtintention heraus:

"Die Geschichten der Heiligen Schrift werben nicht, wie die Homers, um unsere Gunst, sie schmeicheln uns nicht, um uns zu gefallen und zu bezaubern - sie wollen uns unterwerfen, und wenn wir es verweigern, so sind wir Rebellen."

In seiner Philologie der Weltliteratur von 1952 stellt Auerbach die "wechselseitige Befruchtung des Mannigfaltigen" ins Zentrum seiner Untersuchungen und offenbart sich damit teilweise als Wegbereiter sehr moderner und sehr aktueller kulturwissenschaftlicher Auffassungen, wenn er auch aus der Zeit heraus zunächst die Vorherrschaft materialistisch geprägter Ordnungssysteme beklagt, die sich internationalisiert haben, tradierte literarische Substrate, etwa des Orients, Indiens oder Chinas überlagern und damit in absurder Gleichzeitigkeit den Gedanken der Weltliteratur sowohl verwirklichen als auch zerstören. Er fordert eine historisch-synthetische Literaturbetrachtung, die sich nicht auf Sammeln und Sichten von Enzyklopädischem beschränkt und die letztlich nur durch das Individuum und gleichzeitig in einem Zusammenfallen von Theorie und Kunst zu erreichen sei; es geht ihm "nicht [um] eine Anhäufung von vielem, sondern eine Ausstrahlung, die von wenigem ausgeht". Einer allzu eingeengten philologischen Perspektive aus der eigenen Herkunft erteilt Auerbach eine klare Absage, jedoch ohne den kulturellen Hintergrund zu verwerfen:

"Jedenfalls aber ist unsere philologische Heimat die Erde; die Nation kann es nicht mehr sein. Gewiß ist noch immer das Kostbarste und Unentbehrlichste, was der Philologe ererbt, Sprache und Bildung seiner Nation; doch erst in der Trennung, in der Überwindung wird es wirk-sam. Wir müssen, unter veränderten Umständen, zurückkehren zu dem, was die vornationale, mittelalterliche Bildung schon besaß: zu der Erkenntnis, daß der Geist nicht national ist."

Im zweiten Teil des Buches versammelt der Herausgeber Matthias Bormuth wie bereits angedeutet Briefe aus verschiedenen Lebensabschnitten Erich Auerbachs. Sie nehmen, inklusive der bio- und historiografischen Anmerkungen Bormuths, weniger als ein Drittel des Gesamtumfangs in Anspruch und sind in diesem Kontext so eher als die Essays begleitende Zeugnisse zu betrachten, die Schlaglichter werfen sollen auf die konkreten persönlichen Lebensumstände Auerbachs, seine Vernetzung mit der intellektuellen Szene Deutschlands und der Welt in der Zeit zwischen 1933 und seinem Todesjahr 1957. Doch auch diese kommentierte Briefauswahl steht in engem Zusammenhang zu seinem geistigen Werk und ist angetan, die Leserschaft für die Voraussetzungen des philologischen Schaffen Auerbachs zu sensibilisieren: für seine Herkunft aus dem jüdischen Bürgertum, seine nur noch vermeintliche Sicherheit nach 1933 als Beamter im akademischen Raum des Deutschen Reiches, seine Emigration 1936 nach einem Ruf an die Universität von Istanbul, wo sein Hauptwerk entsteht, dessen Erfolg 1947 eine Übersiedelung nach den USA überhaupt erst möglich macht. Und nicht zuletzt beleuchtet sie auch Auerbachs Verlorenheit und Hoffnung in einer Epoche notwendigen Widerstehens gegen negative Entwicklungen, wie er 1938 in einem Brief an seinen Assistenten Traugott Fuchs schreibt:

"All die, die heut noch dem Recht und der Wahrheit dienen wollen, sind nur im Negativen einig - im Aktiven und Positiven sind sie schwach und zersplittert. Und doch muss und wird das Gemeinsame des Guten wieder Gestalt, Einheit und Konkretion gewinnen, zum sichtbaren Zeichen werden; der Druck ist so ungeheuer stark, dass neue geschichtliche Kräfte aus ihm entstehen müssen. Sie bei mir zu suchen, in der Welt aufzuspüren nimmt mich vollkommen in Anspruch."

Erich Auerbach · Matthias Bormuth (Hg.)
Die Narbe des Odysseus / Horizonte der Weltliteratur
Berenberg Verlag
2017 · 176 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-946334-26-2

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