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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Die vertikale Poesie des Schiefers

Esther Kinsky vermisst eine Inselgruppe mithilfe der Sprache
Hamburg

Ein altes Wort, wie eine kostbare Inklusion ins Gestein, entdeckt und wieder zutage gefördert aus der Versenkung zu frischem Gebrauch: »schiefern«. Es ist sowohl ein Adjektiv, nämlich ›aus Schiefer bestehend‹, als auch ein Verb, ›splittern, zersplittern, in dünnen Stücken abspringen‹, und wenn man weiterhin den Definitionen des Grimmschen Wörterbuchs folgt, kann es sogar ›grollen‹ und, speziell bei den Winzern, ›mit zerhacktem Schiefer düngen‹ bedeuten. Ein altes Wort also mit einem breiten Bedeutungshalo, das Esther Kinsky zum Titel ihres jüngsten Gedichtbands erkoren hat.

Der amerikanische Reise- und Naturschriftsteller William Least Heat-Moon hat den Terminus »deep map« geprägt für die nicht bloß horizontale, sondern auch vertikale Beschreibung eines überschaubaren Geländes bzw. einer Landschaft, das meint: unter Einbeziehung u.a. der historischen, biographischen, folkloristischen, oralen, reportagehaften, wissenschaftlichen Dimensionen. Vielleicht spielt Esther Kinsky darauf an, wenn sie gleich die erste Abteilung ihres Gedichtbands »Deep Time« nennt, nach dem auf James Huttons philosophischer Idee der geologischen Zeit beruhenden Bezeichnung. Denn die miteinander verknüpften Formen stellen einen Versuch dar, die Landschaft und ihre Bewohner auf komplexe, vielschichtige Weise zu erfassen oder sich ihnen zumindest anzunähern.

»Wie spricht sich die sprache am ort
mit welchem wortverlauf
längs bruchstellen und unterm wind
geduckt in den verkrauteten kriechginster?«

Ähnlich den Flügeln eines Altarbilds öffnen sich die beiden ›äußeren‹ Abteilungen, »Deep Time« und »Schrifttierchen«, um die »Siebenunddreißig Stimmen« in der Mitte herum, nämlich die Stimmen von Kindern auf einer alten Photographie. Es handelt sich natürlich um Schriftbilder, aufgezeichnet auf Schiefertafeln, hineingeritzt mit dem Griffel der Erinnerung und der Zeit. Inhaltlich wird zudem der älteste Topos der Literatur berührt, die Quest, die Fahrt, die aus Hinreise und Rückreise besteht, there and back again. Deren Ziel sind in diesem Fall die Slate Islands, eine zum Archipel der Inneren Hebriden gehörende Inselgruppe. Die Überfahrten, mit denen das Buch beginnt und endet, sind in diesem Sinne buchstäblich ›Übersetzungen‹ vom Gestein in Sprache und, im Mittelteil, von stummen Gesichtern auf einer Photographie in fantasievoll imaginierte Stimmen.

Das Buch ist symmetrisch komponiert, die eröffnenden und beschließenden Teile (›Flügel‹) bestehen aus jeweils neunundzwanzig Gedichten; die siebenunddreißig Stimmen sind vertikal angelegt, die erste und zweite stehen auf der linken Buchseite, die dritte und vierte auf der rechten usw., während zwei Satzbänder horizontal durch sämtliche Seiten dieses Zyklus verlaufen – das letzte, kursiv gesetzte Gedicht gibt die Sicht des Photographen wieder, der die Kinder abgelichtet hat, während der Prosavorspann die Perspektive der Betrachterin des Bildes einnimmt.

»Und kein Auge, das aus diesem Bild blickt, wird all der möglichen fremden eingedenk gewesen sein, die hinter dem dunklen auge des apparats als schatten schlange standen bis zum horizont, um irgendwann einmal diese fotografie zu betrachten, diese gesichter, diese füße auf dem stein, die so verschränkt fast unsichtbaren hände, mit denen sie ihr leben bestritten und bestreiten würden.«

Das Betrachten eines Photos und das Betrachten einer Landschaft unterscheiden sich nicht, hier wie dort existieren Zeichen, die man deuten will, und hier wie dort sind es beides »feinblättrige massen« mit einer innewohnenden »bestimmung zur schrift«. Der Mensch als deutendes Wesen, das allen Dingen eine sinnhafte Bedeutung gibt, weil er überall Zeichen erkennt, setzt sich in Beziehung zu seiner Umwelt, holt sie – zumindest in und mit der Dichtung – in die Anthroposphäre und findet Ähnlichkeiten und Gleichklänge.

»wir lesen in dem
was sich nicht nennt
beziffert im schleifwerk
verschieferter zeit«

Deshalb vergleicht Esther Kinsky immer wieder die menschliche »erinnerung als raum von abwesenheiten« mit der »erinnerung des steins als gegenstück zum leeren raum der abwesenheiten in der namenserinnerung«. Im Gestein und im Gedächtnis gehen dauernd Veränderungen und Entwicklungen vonstatten. Die in der Landschaft zunächst beobachtete »kaum verdeckte bedürftigkeit jeden scherbenstücks« wird allerdings ein Stück weit aufgehoben durch die aus dem Kargen blühende florale ebenso wie die humane Besiedelung, und vielleicht ist es kein Zufall, daß die Stimmen, die Zeugnis ablegen von menschlicher Anwesenheit, genau in der Mitte der Naturbetrachtung ihren Ort finden. Natürlich ist der Schiefer »ein splitterstein, ein schiefes schichtwerk aus einem alle namen verschlagenden eingriff in den stand der dinge«, aber er gestattet auch »das zutagetreten von einer anderen erzählung der zeit mit jedem splitterstück«.  In der formalen Vielfalt ist schließlich die Annäherung an die Insel auch nur ein Stückwerk, das später, beim Schreiben, womöglich auch teilweise aus der Erinnerung, neu zusammengesetzt wird. Schicht um Schicht baut sich aus der Tiefe der Vergangenheit und Erinnerung ein Gesamtbild auf, geologisch und kulturell und persönlich.

Bravourös legt Esther Kinsky mit »Schiefern« eine mit allen sprachlichen Wassern gewaschene Naturlyrik vor, die beweist, daß sie durchaus auch biographische Momente aufnehmen kann, formal komplex und vielfältig, phonetisch geschliffen und ausgeklügelt, gespickt mit Neologismen und Fachvokabular, dabei jedoch nicht abgehoben, sondern sehr tellurisch, ›mit beiden Füßen auf dem Boden‹, gefühlvoll und doch stets mit nüchternem Beobachterblick. Das ist Dichtung vom Allerfeinsten und ein rarer Hochmoment von intellektuellem Genuß.

»und halt verliert der schiefer
himmel wird der himmel meer
und nur die fahrt bleibt – überfahrt und abriss
spaltung trennung von dem ort.«

 

Esther Kinsky
Schiefern
Suhrkamp
2020 · 103 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42921-1

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