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Kritik

Poesie aus den Schattenreichen

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki und sein Gedichteband Tumor linguae
Hamburg

„Es ist der Schmutz, durch den sich seine Lyrik hindurcharbeitet“ informiert uns der Klappentext. In der Tat besingt Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, geboren 1962, nicht das drall Gesunde:  In seinen Sujets  durchaus angemessenen, passagenweise wortgleichen Wiederholungsschleifen stehen wir mit dem Dichter in einhundertundeinem Fall in Krankenhäusern, immer wieder den Sterbezimmern von Mutter und Freund, Friedhöfen, Stricherbars, Bahnhofstoiletten. Trotzdem handelt es sich hier nicht um einen Autor des Schmutzes: War Bukowski ein solcher? - sondern um Poesie der Trauer, tatsächlich wiederholt in derber Metaphorik und Wortwahl verpackt, die jederzeit verzweifelt Anschluss an poetische Tradition sucht:

meine schwester Wanda bringt eine lilie vom spaziergang / und ich schreibe ein gedicht über den tod / und ich beginne dieses gedicht über den tod / und ich beginne dieses gedicht von neuem / kann es nicht beenden // oder mittendrin aufhören damit es zittert / wie die lilie todesnah wenn ich für sie / das einzig echte wort suche / statt einen becher wasser (Gedicht III)

Auch da, wo wohl die vermeintliche Schmutzobsession des Autors nachgewiesen sein soll, will uns ein Poet entgegen blicken, der um Schattenreiche weiß, die schockant und ironisch, ein wenig humorvoll auch zu umspielen sind:

Der letzte schrei: Gemlaburbitsky bei dem seit tagen / mein körper nistet (durchtrieben / sagen sie) lächelt über diese / meine verwüstung er ist // wie eine puppe reiner mund obwohl er sich / da oft was reinsteckt was vorher in der hand / war (und danach überall) morgens hüpft er / aus tiefen wannen die ihn weder dünn // noch jünger machen und ehe ich es merke / ist er wieder mein nur diese verwüstung / packe ich mir in die hose zurück die / geschnitten ist nach dem letzten schrei

Wie seine Technik der wiederholt in nur geringer Variation aufgegriffenen Gedichtauftakte  konsequent manifestiert, will Dycki wie andere Moderne keinen Text als fertig anerkennen. Im Titelgedicht heißt es drum:

… worin besteht mein amt ich schreibe gedichte / meine herrschaften gebeugt über imaginiertes / papier wie über mich selbst es durchfließt mich / eingebung flackerndes licht ich schalte es ein // mal im dunklen zimmer unten oder mal oben / je nach situation seit ich mich erinnere hab ich / kein verhältnis herrschaften zum geschriebenen / fertigen gedicht auf wiedersehen meine liebste

Doch, auch das Freche bei Dycki mögen wir, denn wir ahnen eines jeden Mangel,

… wenn die muttermilch versiegt und als ersatz / füttert man ziegenmilchpulver vergelts Gott
(Text XC),

nicht nur denjenigen „der Geschichte der letzten Jahrzehnte des kommunistischen Polens und seiner Randgebiete im Südosten“ (Nachwort Michael Zgodzay). Das Nachwort informiert uns auch, dass die Gedichte aus den ersten acht Bänden Dyckis ausgewählt worden sind, während der neunte , Geschichte polnischer Familien, von seiner inzwischen verstorbenen Übersetzerin Doreen Daume übertragen worden war. Eine konsequent chronologische Anordnung der Gedichte in Tumor linguae scheint nicht angestrebt gewesen zu sein.

Die Übersetzungen aus dem Polnischen durch Uljana Wolf und Michael Zgodzay sind sorgfältig für Wort und Tönung ausgeführt.

Das feste Buch liegt gut in der Hand, führt Original und Übersetzung übersichtlich auf gegenüberliegenden Seiten an. Wohl keine Druckfehler.

Der zweisprachige Titel Tumor linguae des polnischen Autors Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki erweist sich als ein deutlich origineller, lesenswerter Gedichteband.

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyck
Tumor linguae
Übersetzung:
Michael Zgodzay
Übersetzung:
Uljana Wolf
Polnisch/Deutsch, übersetzt von Michael Zgodzay und Uljana Wolf. Mit einem Nachwort von Michael Zgodzay
Edition Korrespondenzen
2015 · 224 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-902951-05-2

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