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Kritik

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Hamburg

In den Naturkunden ist ein ungewöhnlicher Band erschienen, oder anders gesagt, der Band hat eine ungewöhnliche Wirkung auf Lesende. Anders als bei anderen der Reihe, die einem das Gefühl von Reisen oder Tauchen geben, geht einen Eva Meijers Die Sprachen der Tiere direkt an. Es geht um die Tierkommunikation. Jeder hat sicher im Lauf seines Lebens mal mehr oder weniger stark gedacht oder empfunden, dass einen ein bestimmtes Tier oder mehrere verstehen – wie auch immer sich das im einzelnen geäußert hat. Und mit ziemlicher Sicherheit hat man das eher noch als Kind gedacht. Dass dies aber keineswegs – natürlich nicht – eine vielleicht kindsartige Wahrnehmung ist von Tierkommunikation, oder zumindest größtenteils von großen Menschmenschen (inklusive einem selber) ausgetrieben, abgetrieben oder nicht ernstgenommen oder ganz einfach vergessen und abgewöhnt worden ist, dieses Gefühl befällt einem bei Meijers Lektüre.

In erstaunlich vielen unterschiedlichen Beispielen durch alle Maßstäbe hindurch, von Kleingarnele bis Elefant, Maus bis Riesenkalmar beschreibt die Philosophin und Autorin Meijer, auf welche, oft originelle Art es Tieren möglich ist zu kommunizieren. Und zwar entscheidend nicht auf eine nur instinktive Weise, das heißt begrenzt auf Nachrichtenäußerungen unter Akutheit, sondern fast immer: mit der Möglichkeit, frei und darüber hinaus in Grammatik oder grammatikähnlichen Sprachmodellen zu kommunizieren. Das heißt weiterhin, nicht nur artgenossenspezifisch, sondern auch transgressiv Nachrichten zu tauschen. Der letztere Fall wird in verschiedenen Aufsätzen Meijers breit diskutiert als das kommunikative Verhältnis zum Menschen. Anhand interessanter Forschungen zu Papageien, anderen Vögeln, Walen und Delphinen, Elefanten und natürlich vielen Affenarten zeigt die Autorin die frappierenden Ergebnisse langjähriger Studien und Experimente auf, die fast durchgehend zum Schluss kommen, dass Tiere eben sowohl Sprache besitzen (als Äquivalent zur menschlichen), dass sie sie schöpferisch und adaptiv einsetzen und dass sie mithin einen Gefühlshaushalt haben, den sie kommunizieren. Ihr Buch stellt interessante Querverbindungen zu linguistisch-philosophischen Problemstellungen her, die Chomsky und Wittgenstein neben anderen bearbeitet haben und sie stützt ihre Thesen mit vielen wissenschaftlichen Referenzen.

Meijer reflektiert auch die problematischen Folgen dieser Sichtweise. Nicht nur dass jene von "der Wissenschaft" oder zumindest einer Mehrheit der Wissenschaft völlig abgelehnt wird, mehr noch, der Anthropozentrismus überhaupt eines Diskurses Sprache und Definition steht hier entgegen. Man kann sagen, die Dominanz der menschlichen Sprachwelt selbst hat keinen Platz (keine Worte) für die hier diskutierten Sachverhalte. Man mag von Mitspracherecht für Tiere (durch Tiere) im Politischen halten was man will, nicht von der Hand zu weisen sei zum Beispiel nach Meijer, dass Tiere bewusst die Welt mit Menschen bewohnen, sich im Laufe der Evolution, auch in kurzen Zeitabschnitten, angepasst haben und zum Beispiel U-Bahn fahren in Moskau. So die Hunde, die wie Pendler morgens in die Innenstadt zur Nahrungssuche fahren, und abends wieder zurück, haben Tiere unleugbar Interessen und setzten sich für diese ein.

Meijer plädiert für einen Strukturwandel im Verhältnis Welt / Sprache (Intelligenz) der Menschen, nicht mehr nicht weniger. Und sie zeigt durch eine ganze Reihe verblüffender, rührender, witziger Episoden und Forschungsauswertungen, warum es keine Begründung geben dürfte, daran zu zweifeln, dass wir Menschen den größten Teil tierischer Kommunikation noch nicht einmal ansatzweise begriffen, geschweige denn entschlüsselt haben. Zum Beispiel dass Mäuse singen. So hoch, das man sie nicht hören kann, mit gelerntem und weitergebenem Liedgut. Dass Elefanten kommunizieren, mit unhörbar tiefen Lauten, über Kilometer, dass Fledermäuse eines der bestentwickelten und komplexesten tonalen Nachrichtensysteme der bisher entdeckten Arten haben, dass es grammatikalische Strukturen, Regeln im Verfärben von Tintenfischhaut gibt, die sekundenschnell vor sich geht und verarbeitet werden kann. Und und und. Die Art und Weisen sind mannigfach und wie sie Eva Meijer beschreibt, engagiert und voller Neugier, mitreißend und witzig, schafft sie, diesen 2016 im niederländischen Original erschienenen Band zu einem vielleicht künftigen Klassiker seiner Art und definitiv der Naturkunden schon jetzt zu machen.

Eva Meijer
Die Sprachen der Tiere
Übersetzung:
Christian Welzbacher
Matthes und Seitz Berlin
2018 · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-536-4

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