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Kritik

Kein Vogel könnte so weit fliegen –

Hamburg

Wenn man den zahlreichen Bowie-Biografien Glauben schenken darf, so befand er sich seit den frühen 1970er-Jahren mit seinen Plattenfirmen nahezu ununterbrochen im Streit bzw. vor Gericht: Seine ständige Forderung nach Neuberechnung der Tantiemen, exzessive Mehrfachverwertungen seitens der Firmen gegen Bowies Willen und unterschiedliche Einstellungen zu der Frage, ob jedes Album von einer Hitsingle und ausgedehnten Tour flankiert werden müsse, führten immer wieder zu Differenzen. 2001 schließlich, als Bowie 53 Jahre alt war und die meisten dachten, dass er seine Karriere langsam in ruhigeres Fahrwasser würde gleiten lassen, alle zwei Jahre ein neues Best-Of und gut, kam ein weiterer, unerwarteter Streitpunkt dazu: die Trägheit seiner damaligen Plattenfirma. Nachdem Virgin sich geweigert hatte, ein neues Album zu veröffentlichen und stattdessen eine weitere Sammlung alter Hits auf den Markt warf, reichte es ihm endgültig. Er kündigte seinen Vertrag, erklärte, dass er „schon zu viele Jahre damit verbracht habe, mir an verkrusteten Firmenstrukturen eine blutige Nase zu holen“ und gründete sein eigenes Label, auf dem bereits zwei Monate später das wunderbare Heathen erschien.

An diese kleine Anekdote musste ich unwillkürlich denken, als mir vor kurzem mit "Apnoe" der neue Gedichtband von Fabian Lenthe ins Haus flatterte, sein bereits dritter Band mit Gedichten bei Rodneys Underground Press (RUP), und das in nur drei Jahren (nach "In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel", 2018, und "Da draußen" von 2019). ___STEADY_PAYWALL___ Verleger Adelmann scheint nicht daran gelegen zu sein, Zeit zwischen den Veröffentlichungen verstreichen zu lassen: und wozu auch? Die Bücher seines Verlags machen sich untereinander nur bedingt Konkurrenz. Zudem weist die Tatsache, dass Lenthe beinahe täglich ein frisches Gedicht in die sozialen Netzwerke stellt, darauf hin, dass mehr als genug Texte für den neuen Band zur Auswahl gestanden haben dürften.

„Fabians Stil verdichtet sich immer stärker“ – so steht es auf der Verlags-Homepage – und tatsächlich kann man Fabian Lenthe nicht gerade vorwerfen, ein Schwafeler zu sein. Ein einziges der im Band enthaltenen 62 Gedichte besteht aus 18 Zeilen, alle anderen geben sich mit vier oder fünf, höchstens acht Zeilen zufrieden; viel Weiß auf den Seiten. Der ganze Band wie ein kurzer Punch; keine Erklärungen, keine Unterteilung in Kapitel. Die Titel der Gedichte finden sich im jeweiligen Text, nicht darüber. Ein Gedichtband wie ein Dorf an einer niedersächsischen Landstraße, kaum drin, ist man schon wieder raus. Dabei lohnt es sich durchaus, in dem kleinen Gasthaus am Ortsausgang (mit Kegelbahn und Fremdenzimmern) eine kleine Rast einzulegen. Wer die Gedichte nur überfliegt und/oder sie in einem Rutsch liest, der dürfte die Sehenswürdigkeiten nicht mitbekommen.

Es ist nicht so, dass diese Gedichte darauf ausgelegt wären zu irritieren, es ist vielmehr so, dass man sich wirklich auf sie einlassen muss, um ihnen nahekommen zu können. Sie werfen keine Fragen auf, bieten im Gegenzug aber auch keine Lösungen an. Ein bisschen wie ein Blick in den Himmel. Und es dauert, bis man den Eindruck des Fragmentarischen verwerfen und sie als abgeschlossene Gebilde aus Blicken und Gedanken sehen kann. Und nicht selten wirkt es gar, als sei Fabian Lenthe selbst über das verwundert, was ein Gedicht ihm mitgeteilt oder vorenthält.

Der Kühlschrank ist leer
Das letzte Ei zerbrach auf dem Boden

Gestern waren wir noch hungrig
Gestern hatten wir einen Traum

Hier eine Gemeinsamkeit, ein Wir. In vielen Gedichten ein Ich, ab und zu auch ein Du. Liebesgedichte, wenn man sie so nennen möchte. Und Gedichte über die Einsamkeit, die mal als Befreiung, deutlich öfter jedoch zerstörerisch und brutal daherkommt.

Es gibt kein Haus mehr das uns kennt
Alles was uns bleibt ist Entfernung

Du bist genauso weit weg wie ich
Kein Vogel könnte so weit fliegen

Fabian Lenthe ist noch jung, gerademal 25 Jahre alt. Und manchmal sind da diese Gedichte, die man als junger Mensch schreibt, in einem lebensmüden Sound, enttäuscht und fern der Heimat. Entstanden in jenen Momenten, in denen das Leben wenig Sinn zu machen scheint. Diese Gedichte, bei denen geängstigte Mütter auf der Stelle den Jugendpsychiater anrufen, wenn sie sie beim Aufräumen zwischen Musikmagazin und sonstigem Krempel finden:

Mit deiner Hand auf einer Schulter
 Weißt du nie wie tief es ist

Du musst schon selbst fallen

Und bleib liegen wenn du aufschlägst
Es gibt keinen schöneren Grund

Fazit: Das neue Fräuleinwunder wird Fabian Lenthe nicht mehr werden, dafür ist er dann doch schon zu alt, aber seine Gedichte haben Gefühl und Tiefe und lassen mich bewegt zurück.

Fabian Lenthe
Apnoe
mit 4 Zeichnungen von Michael Blümel
RUP
2020 · 92 Seiten · 8,95 Euro

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