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Mosaik Literaturzeitschrift
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Kritik

Lieber Picknick mit der Schulter machen

Hamburg

Nach dem famosen In verbrachter Zeit von 2014 ist bei kookbooks nun Farhad Showghis Nachfolgeband Wolkenflug spielt Zerreissprobe erschienen. Er ist nicht minder eindrucksvoll. In ähnlichen gold/ weiß farbenem Umschlag, mit einer Voronoi-Libelle, spinnt Showghi die Themen Körper, Entfernung und Räumlichkeit weiter. Es gibt Prosagedichte, doch auch solche mit klassischem Umbruch, interessante Motti, von Merleau-Ponty bis Thoreau und Karl May, die das gedichtete Programm bereits aufrufen: In sechs Teilbereichen findet der Versuch einer Konstituierung durch Sprache statt, ein "Aufbrechen mit Sprache" in Räume und Welten zwischen Gärten, Landschaften, Strauchwerk, die oszillieren innerhalb klar fassbarer Lokalität, Hamburg und Iran, und zugleich überall hinter geschlossenen Lidern sein könnten. Ein traumhaftes Reisen mit den Körperwerkzeugen Gesicht, Augen, Schultern, Rücken, Fingern. Am Ende heißt es bei "Im Halbschlaf die Sprache wechseln":

Du wirst
an den Beinen
hochklettern müssen,
um nahzukommen
dem, was du
sagen willst."

Und zu Beginn dichtet Showghi unter anderem: "Eine Sprache, die sich mit dem Körper strecken lässt". Was eine grandiose Schöpfung auf Merleau-Ponty und die Phänomenologie des Raumes und des Leibes ist, doch sie ist natürlich viel mehr, die Lyrik von Farhad Showghi. Sie geht in die Räume, die sie selbst erschafft, versucht sich zu vergewissern, was mitgekommen ist und webt ein, was sie vorfindet, das sich in ihrer Sprache sagen lässt – eine Sprache, die fast ausschließlich aus Vokalen besteht, kurze Silben, einfachste klingende Wörter, die so gar nicht deutsch krach-konsonantisch daherkommt. Zum Beispiel im Abschnitt "Jede Menge Seitenstraßen" bildet sich eine verortbare Route heraus, ein Hamburger Pastoral, mit "Bramfelder Chaussee, in Höhe Hotel Perle [...] und für die Mundsburger Brücke". Eine zweite Sprachgewinnung: das Pflanzen von klingender Vegetation wie "Erlen, Eiben, Hartriegelgewächse, Platanen, Ulmen, Zedern, Maulbeeren", die in den Landschaften, Gärten, Grundstücken gestreift oder erfühlt/ ersprochen werden. Die Gärten von "Meybod und Yazd", aber auch "Sasel".

Oft beginnen Verse, Zeilen mit "Ich sage:...", wie als notwendige Verwirklichung dessen was folgt. Der gesamte Band arbeitet mit Wiederholungen, Kauungen und dem Mitführen von Gewonnenem, häufig kommen Sträucher, Büsche, Wolken, Licht, Sonne, Lüften, Waschen, Berge, Wind, wie erwähnt Räume und der Körper vor, aber auch Ähneln, Knopfleisten und Schatten und gefundene Komposita wie Löschtrommelrede und Schüttkegelkette. Die Gedichte wechseln ebenso zwischen dem Bereich des Möglichen, indem sie Infinitivkonstruktionen andenken, wie um die Genese zunächst anzuregen, um dann in späteren Gedichten das Tun im Indikativ als vollzogen zu melden, also in den Bereich des Faktischen hinein.

Einzelne Geflechte können so aussehen:

Wenn solche wie ich mit Gladiolen kommen und nichts vorbereitet ist."

Sehr langsam gratulierend ins Geschehen kommen, dich einholen."

Solang du's nachspielen willst mit den Fingern – das Zusammennähen von Rechts und
                                                                                                                                                                  Links."

Doch deutlicher duftet eine Leere von links. Will mitähneln und eine Weile bleiben.
Ohne Kurzgras, ohne Blüte. Nah am Mund."

Ich gehe die Straße hinauf und hinunter. Fahrgeräusche und Fensterreihen spielen im
Wechsel auf Zeit, wie der Verlauf des Sich-vor-Augen-Führens von Gedanken und
                                                                                                                                                Gesichtern,
dem Stottern aus Schatten, Tempo und Kiosk."

Showghis lyrische Verfahren sind nichts weniger als phänomenal. Eigen und mit nichts vergleichbar. Die Vokalwirkung seiner Sprache ist eingängig und rhythmisch, das Bedeutete ist das genaue Gegenteil, es schwirrt, nichts ist gewiss, oder doch oder doch nicht? Und plötzlich ist auch die Sprache nicht mehr gewiss. Als ob man sich selbst beim Gehen zusieht und fundamental begreift, dass man alles auch anders machen könnte mit demselben Recht. Wolkenflug spielt Zerreissprobe hat etwas von einem ernsten Trip. Ein sich Begeben in eine inspirierende Sprachwelt, existenziell offen, so sehr offen, dass sie alles in Frage stellt. Paradox das alles. Doch überzeugend und, man muss es aussprechen, wunderschön verhandelt. Der Band ist komplex komponiert, einladend gedichtet und das Gedichtete in körperlicher Verformung der Leser sonierend. Meisterlich.

Zum Schluss ein Nachvollzug:

Vom Durchzwängen reden. Kurz sich noch umdrehen, mit Sachen han-
tieren; wieder nach vorn gebeugt, ruhig schon einmal sagen: Ich beginne
mich jetzt durchzuzwängen. Der Einfachheit halber einen Ärmel glatt
streichen, von Hand zu Hand ein Streifgeräusch machen. Für die Luft an
der Schulter Feuer fangen. Und irgendwo Wasser laufen hören, von ferne
auch Stimmen und Namen, über kurz oder lang in die Augen hinein oder
von den Lippen weit weg. Es gibt jede Menge Sträucher. Und die Gegen-
stücke für Wünsche. Den Schimmer von Salbei als frühen Beginn. Hier
verbindest du Punkt mit Punkt. Und das Wort Abendglühn mit Aufdunsung
von Abendglühn. Die Lichtwirkung des Himmels kann dir an den Fingern
gefallen. Du heißt vor dich hin. Weißt wie am längsten. Ohne Zutun des
Lautens. Eine fast ganze Geschichte. Nah am Gesicht."

Farhad Showghi
Wolkenflug spielt Zerreißprobe / Gedichte
Covergestaltung: Andreas Töpfer
kookbooks
2017 · 88 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3937445878

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