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Kritik

Berberische Erzählung aus Algerien neu erzählt

Fatima Belhadjs Debütroman „Das Geheimnis des Mondes“
Hamburg

Zwei Mädchen sitzen geduckt hinter einem Felsen und spähen zu dem, was sich im Hintergrund ereignet: Es ist eine sternenklare Nacht - und der Vollmond nähert sich der Erde an. Mehrere Frauen tanzen um ein Lagerfeuer, dessen Schein von dem gleisenden Mondlicht jedoch überdeckt wird. Die Mädchen haben ihre Augen aufgerissen, die Augenbrauen weit in die Stirn gezogen; die westlich gekleidete Französin und die in ein langes Gewand, eine traditionelle Dschellabah, gehüllte Algerierin können ihren Augen kaum glauben.

Die Schabekarton-Illustration von Künstlerin Nicola Koch in schwarz-weiß ___STEADY_PAYWALL___ziert das Cover von Fatima Belhadjs Debütroman „Das Geheimnis des Mondes“, das 2019 im Kinzelbach Verlag für Literatur aus dem Maghreb erschien. Sie stimmt die Lesenden atmosphärisch auf die Geschichte ein, doch das eigentlich Überirdische wird bewusst ausgelassen, sperrt es sich doch jeder bildlichen Darstellung: Da steigt eine Frau mit Baby alle Hundert Jahre aus dem Mond, ihren Geliebten zu treffen, mit dem sie im Diesseits aufgrund sozialer Unterschiede und feindseliger Familien nicht zusammen sein kann. Steigt aus dem Mond, er aus der Sonne.

„Da geschah das Wunder. Der Himmel verdunkelte sich […] Plötzlich ertönte eine laute Stimme. […] ‚Von diesem Tag an wird euch dafür [für das miteinander Sprechen] die Gelegenheit nur einmal im Jahrhundert gegeben sein… Im Moment der Großen Finsternis‘ “

Die Geschichte ist  schnell erzählt: Vor über zwei Jahrtausenden verliebt sich Massilya, die Tochter eines Dorfobersten aus dem Aurès-Gebirge im Nordosten Algeriens, in einen Marktverkäufer und beginnt eine Liebschaft, aus der sie schwanger hervorgeht. Die Familie hatte sie in wenigen Wochen an einen Cousin verheiraten wollen und verstößt sie, Massilya rennt mit ihrer Bediensteten zum Haus des Geliebten, wird dort von ihrem Cousin aufgespürt und zurück in ihr Heimatdorf gebracht. Öffentlich zur Schau gestellt und misshandelt steht sie an einen Baum gefesselt und muss ihren Geliebten in den Händen der Feinde sehen, der Cousin rennt mit dem Säbel auf die Schwangere zu - da verdunkelt sich der Himmel und der Schicksalsgott, so die Geschichte, versetzt die Liebenden für alle Ewigkeit auf die beiden Planeten, von wo aus sie sich einmal in hundert Jahren treffen können. Interessant offenbaren sich dem Lesepublikum auch die Geschlechterverhältnisse im frühen Nordafrika, die von Ungleichheit und Scham geprägt sind:

„Mein Vater schien gehemmt, schon allein durch meine Anwesenheit, und er wendete sich nicht mehr direkt an mich. Er tat dies im Allgemeinen über meine Mutter als Mittelsperson. Ich fühlte mich unrein, beschmutzt durch diese rötliche Flüssigkeit, die einmal im Monat mich daran erinnerte, dass ich eine Frau war.“

Fatima Belhadj stammt aus der Bourgogne und erzählt als Tochter algerischer Eltern aus dem Aurès-Gebirge ein altes Märchen der Berber nach, über das sich im Internet leider nicht viel mehr herausfinden lässt. Wandelt die Autorin es ab oder übernimmt es aus der Überlieferung? Ist es in ganz Algerien oder nur in bestimmten Regionen heute bekannt? Wie stehen Algerier*innen heute nach Jahrhunderten der Kolonialisierung zur Kultur der Berber?
Was die Autorin eindeutig tut, ist, das Märchen durch eine Rahmenerzählung über eine Französin mit maghrebinischer Herkunft, die zum ersten Mal das Dorf Bouhmama ihrer Eltern besucht, mit der Jetzt-Zeit zu verbinden. Nicht nur ist die Protagonistin 16 Jahre alt wie in der Legende Massilya zum Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft, sie befindet sich auch am gleichen Ort des Geschehens. Auch für die Ich-Erzählerin aus der Rahmenhandlung und ihre neu gewonnene Freundin Huria dreht sich viel um Fragen der weiblichen Freiheit in Frankreich und Algerien, über die Beziehung der Geschlechter und erste Verliebtheit. Die übermenschliche Begegnung mit Massilya in der Vollmondnacht hilft den beiden modernen Mädchen auch, ihre späteren „Lebenswege“ selbstbestimmt zu wählen, so der kurze Epilog.

Insgesamt fällt die Erzählung von unserer Literaturtradition aus gesehen kurz aus, und die magischen Komponenten bestätigen vielleicht eine klischeehafte Vorstellung, die wir von Erzählungen aus dem Nahen Osten und islamischen Kulturkontext, um nicht zu sagen „aus dem Orient“, haben. Wichtig ist aber zu sehen, dass es sich bei dem vorliegenden Band, der auf Französisch bereits 2008 erschien, dezidiert um die Neubearbeitung eines Märchen- oder Legendenstoffs handelt - vergleichbar also viel mehr mit der Neukontextualisierung eines Grimm‘schen Märchen als mit einem Roman.

Erhellend ist für den westeuropäischen Lesenden auch das Nachwort von Übersetzer Norbert Becker, in dem das literarische Œuvre der im sozialen Bereich arbeitenden Belhadj vorgestellt und ein grober Überblick über die Geschichte Algeriens gegeben wird. Schön herausgearbeitet wird dabei der Kniff der Autorin, in dem aktuellen algerischen Spannungsfeld von traditionellen Vertreter*innen des Islams, nationaler Befreiungsbewegung und liberaleren Tendenzen auf das gemeinsame Erbe der Berber, der ersten Volksgruppe des Maghreb, und deren Erzähltradition zurückzugreifen und die Modernität jahrhundertealten Kulturguts herauszustellen. Denn modern im Sinne der Aufklärung ist das Handeln von Massilya, die sich ihrer Sippe und dem vom Vater und damit von Gott vorbestimmten Weg für ihr Leben widersetzt und bereit ist, den höchsten Preis dafür zu zahlen. Denkt man sich die märchenhafte Wendung am Ende weg, kann man die Geschichte dieser Liebe auch als Beispiel von tragischem Realismus lesen - denn in der Wirklichkeit wurden gegen die Konventionen aufbegehrende Menschen wie Massilya und Wighlan Abdi sicherlich von der Gesellschaft ausgestoßen oder getötet; die göttliche Rettung in der Geschichte half vielleicht, solch traurigen Geschehnissen in der Realität eine leise Hoffnung auf ein mögliches Glück ‚im Paradies‘ beizuordnen.

Alles in allem eine starke Erzählung von Belhadj, die in ihrem späteren Werk weiter sozialkritische Töne anschlägt und die Brücke zu nordafrikanischem Literaturgut überzeugend schlägt. Auch die im Vergleich zum Gesamttext schwächere Rahmenerzählung und einige Mängel in der deutschen Übersetzung stellen das nicht in Abrede.

Fatima Belhadj
DAS GEHEIMNIS DES MONDES
mit Zeichnungen von Nicola Koch
Donata Kinzelbach Verlag
2019 · 96 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-94290-3-82

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