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Kritik

Oh, Jenny Jenny!

Hamburg

Was als allererstes ins Auge sticht, ist die Lieblosigkeit, mit der die Grußworte von Esther Dischereit und Ferdinand Schmatz in der neuen JENNY geschrieben sind. Erstere kreist um den Namen des Heftes, als bestünde der Inhalt desselben lediglich aus der Bandbreite dessen, was sich zwischen den Buchstaben J und Y abspielt, wobei Schmatz´ Vorwort sich auch nicht gerade durch eine profunde Auseinandersetzung mit dem Heft selbst auszeichnet. Dabei wäre es wünschenswert, wenn die beiden Hauptlehrenden an der Wiener Sprachkunst mehr über das zu sagen hätten, was zwischen diesen wieder einmal grandios designten Pappdeckeln rumort.

Es rumort nämlich gewaltig in der JENNY, die es in ihrer mittlerweile fünften Ausgabe nicht schafft, über den Tellerrand gesellschaftspolitischer Popdiskurse zu blicken und uns wahrlich Neues oder Innovatives in Sachen Lyrik, Drama oder Prosa zu vermitteln. Zugegeben: Reizvoll ist es schon, die vielen literarischen Ansätze innerhalb der Gender- und Migrationsthematik mal auf einem Haufen versammelt zu sehen, und Texte wie die von Katia Sophie Ditzler oder Henrik Pohl, die durch ein hohes Maß an Fiktionsgabe und Handfertigkeit gesegnet sind, tragen auch sicherlich Bedeutsames zu diesen Thematiken bei. Woran die neue JENNY jedoch scheitert, ist die Auswahl an Texten, die nicht nur formell ihrem Thema nicht gewachsen sind, sondern auch drohen, innerhalb dieses Konvoluts zu Versatzstücken zu werden. Beispielsweise Nicole Makarewicz´ Der Vogel des Captains, ein an Felicitas Hoppe geschulter Text, der weder an die stilistische Brillanz des Vorbilds herankommt noch durch die Eigenart des hier Beschriebenen auftrumpfen kann: zu konstruiert, zu epigonal. Anstatt über die durchaus ansprechende Konstruktion des Textes etwas zur fiktionalen deutschsprachigen Literatur beizutragen, verkommt Alexander Kappes geheime Forschungseinrichtung zum angestrengten Versuch, seinen Leser*innen Fragen moralisch politischer Zwickmühlen aufzudrängen. Thordis Wolfs „Cybergedicht“ space bar & DARPA sowie Len Sanders Text Memos stehen symptomatisch für das Unvermögen mancher Millennials, sich nur für drei Minuten auf eine Sache oder auf die Sprache selbst zu konzentrieren. Dabei könnten sie genau dieses Unvermögen thematisieren, mit demselben spielen, es entlarven! Stattdessen sagen sie der Stringenz und letztlich auch der Konsequenz auf Nimmerwiedersehen und stellen derart kaltblütig Wortkonserven aus, dass einem ganz mulmig zumute wird. Ein ähnlicher Fall sind dahingehend auch die Texte von Damon K. Taleghani und Angela Wiedermann. Pseudoexperimentelles, Ausgestelltes und Zwanghaftes haftet diesen Texten an, sie geben etwas vor zu sein, was sie niemals einhalten können. Und die Autor*innen opfern ihr sprachliches Können (und das, dessen bin ich mir sicher, besitzen die meisten der hierin Versammelten!) für äußerst relevante, tagespolitische Thematiken, denen sie aber nicht gewachsen sind und die genau dadurch drohen, ins bodenlos Lächerliche gezogen zu werden.

Freilich gibt es Lichtblicke: Der Teil Investigative, in dem ehemalige Studierende der Sprachkunst zu Wort kommen, ist wunderbar pointiert in seinen Aussagen, leider aber zu kurz. Die bereits erwähnte Sophie Ditzler legt einen moralisierenden Gedichtzyklus vor, der sich hinter seinem bildungsbürgerlichen Duktus nicht versteckt, sondern genau diesen zum Thema und Gegenstand einer eindrücklichen, lyrischen Analyse zeitgenössischer PC-Diskurse macht. Ines Berwings Zyklus einerlei ist eine herrlich lakonische Auseinandersetzung mit den Heimtücken des Alltags einer immer lauter und schräger werdenden Fake-Welt. Und Iris Gassenbauers Prosatext Chlor schafft es tatsächlich, Schwimmbädern und ihren Bademeistern wieder einen Charme zu verleihen, Die Windmühlen von Arno Schmidt lassen grüßen!

Schade nur, dass genau diese Texte unter dem mageren Rest begraben werden. Hier wäre der Vorzug sprachlich ausgefallenen Texten gegenüber tagespolitisch relevanten vonseiten der Redaktion wünschenswert. Denn nur behaupten und großtun reicht leider nicht.

Felicia Schätzer (Hg.) · Fiona Sironic (Hg.) · Timo Brandt (Hg.) · Cornelia Hülmbauer (Hg.)
Jenny # 05 2017 / Denken. Behaupten. Großtun.
DE GRUYTER
2017 · 132 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3110560541

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