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außer.dem Literaturzeitschrift
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Kritik

bedarf an bussen und wasser

Hamburg

Ganz neu in München ist eine neue Dependenz des hochroth Verlages entstanden. Ihre beiden ersten Taten sind Publikationen von Daniel Bayerstorfer und Felix Schiller. Der Band von letzterem hört auf den Titel regionale konflikte. Dieser ist tatsächlich Programm: auf konzepthafte, programmatische Weise werden die sogenannten regional-territorialen Konflikte Europas lyrisch verhandelt. Fast ein Almanach, inklusive einer Europakarte, die Krisenherde als Seitenzahlen. Aus Aktualität herausgegriffen, der Text zu Katalonien:

"das umher ist narkotikum
                                                               [durchsetztes begehren]

oder auflauf, germà, beginnen so am körper konflikte?
in barcelona am plaça de catalunya / ein neuer staat als fahne
befristet. fleißige streifen gleichen faule aus, trommeln die demo-
clowns. sie jonglieren mit gründen, proben eigene sprache an
hindernissen: trinkwasserspendern, fahrradmietstationen, müdig-
keit. ich seh es eingefasst an den rändern durch rhythmus: pauken,
diese wütenden mahner. blau beflaggte klabauter/ störung, die mit-
trägt; schlagzahl. wir sind rufchor: verstärkte stimmen als druck
auf der haut, der versetzt sich in ohren abrollt. ist diese blind-
heit hinnehmbar? wir wollen nicht mehr an warnungen orientiert
sein, in fremde bezirke gelangen. sind unsere partien bindeglieder
bereits, die transfer leisten? eine diffuse bewegung von farben
geht vor, vorüber, fällt so zusammen, das überfülle entsteht. wann
sind wir vollzählig, sichern die rückseite? wann gabeln wir uns,
sind offen zum eingriff? wie schwindet zusammenhalt?
mit starken einschnitten trenne ich wieder.
pluster sich sehnsucht im körper auf
durch zustrom in abgesperrte bereiche?
sie läuft über in sämtlich verfügbaren flächen.
was habe ich einmal gewollt?"

Abgesehen von einer freien Ein- und Ausleitung stellt Schiller 29 Konflikte vor, von Albanien bis Island, Sardinien bis Kosovo. Dabei folgt er einem stets ähnlichen Ablauf (wie oben zu sehen), eingeschlossen von kursivierten Erläuterungen bzw. lyrischen Definitionen, stellt sich der Kerntext in der jeweiligen Landessprache mit Verwandtschaftsworten und Ortsnamen den Konflikten eines Separatismus, eines Lösen oder Strebens weg vom "Mutterland". Die Form sind fast durchgehend Fragen, gegen Ende der Einzelstatements jeweils ausschließlich bzw. mit einigen Feststellungen durchwoben, und zwar in Perspektive eines lyrischen Ichs, bei dem sich grundsätzlich die Frage aufdrängt, wer das ist/ sein kann. Europa selbst, als ein Körper, dessen Stellen/ Territorien sich wie Ausschlag oder "Gnubbel, Knorpel", Wunden ins Einzelne, Selbständige bewegen? Wer ist das Wir im Gedicht, das es genauso gibt?

"wie aber können wir unberechenbar sein, uns anstoßen in raum, alarmieren?"

Die Bewegungen selbst, im Konflikt? Zusätzlich ist jenes Ich des fragenden Endes auch ein Ich des Beobachtens, das je Gedicht in den Konflikt selbst eintaucht, ihn zu bereisen scheint und jeweils beginnt mit einem: "ich seh" oder "ich les". So zum Beispiel "in brüssel [...] ich les: vormals bildung und bauern, säkular und katholisch, oder hebel und schalter im süden, häfen im norden." Es geht tatsächlich wie formalisiert in einem zugewiesenen Konzept zu, die Vorstellung, die lyrische Verhandlung, also das Einflechten von sprachlicher Entrückung auf die "Fakten" oder Beobachtungen, um dann in Fragen/ Statements des Endes zu münden, das wie erläutert ein Überkörper, ein dichtendes Ich in Identifikation oder noch etwas ganz anderes sein kann. Hier in Rumänien:

"[...]
ein trauma, das ins wissen spült.
wie viel wirkung, geb ich
isolierenden stoffen? sich abzuseitigen;
der andern bedrohung treibt
ins gefährliche: allein zu sein"

Diese Art von Reflektionen ergeben in Summe auch durchaus ein eigensinniges Gedicht, das natürlich sich nicht damit zufrieden gibt, Antworten aufzustellen, sondern primär zu suchen, zu benennen und zunächst die Frage überhaupt aufzuwerfen versucht. In der Ausleitung heißt es im Endeffekt beinahe resignierend:

"der konflikt bleibt verhärtet,
knorpelt sich durch den leib,
bleibt stark.
es ist endlos.
ich kann meine abgrenzungen nicht löschen.
ich zweifel, stagnier, verfrachte
meinen körper als stückgut zurück ins geschäft."

Zwei Dinge sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen bei regionale konflikte: Dies ist Konzeptlyrik,  – ein Kopf und eine Ausführung. Und zweitens dies ist politische Lyrik, Texte, die etwas wollen, etwas ausdrücken wollen, das nicht ausgedacht ist, das nicht allein die Sprache selbst und ihre Möglichkeiten zum Thema hat, sondern wie gesehen, an der Verwerfung, den Aufwühlungen der beobachteten Welt leidet, sie zu katalogisierend versucht und elegisch eine Art Abgang angesichts dieser vielleicht erdrückenden Konfliktherde vorzieht. Tendenziell ist das für Lyrik eine Gratwanderung, zwischen dem unbedingten Willen, etwas (Faktisches) ausdrücken zu wollen und gleichzeitig die sprachliche Freiheit und Kritizität von lyrischem Sprechen zu nutzen. Es ist dem zweifachen open mike Endrundler Schiller gelungen, einen eigenständen Gedichtband mit konsequenter Konzepthaltigkeit zu formen und es dazu elegant und leichtfüßig, um nicht zu sagen sprachlich auf hohem Niveau "durchzuziehen". Sein Ansatz, auch wenn vom Thema her völlig anders gelagert, erinnert an ein kürzlich erschienenes anderes (Lyrik) Buch, bei dem allerdings weniger klar ist, ob es sich um einen Gedichtband handelt, obwohl gedichtet wird, oder lediglich um eine andere Präsentation, nämlich lyrisch und bildhaft, von Wissenschaft (im Falle von Schiller wäre es sicher Politologie und Geschichtswissenschaft), und zwar Brigitta Falkners Strategien der Wirtsfindung. Insoweit geht Schiller ebenfalls einen eigenen Weg und liefert eine unkonventionelle Auseinandersetzung mit dem Thema, das brennend ist, nicht zuletzt nur in Katalonien, sondern er ist eben auch in der Gedichtbandkonzeption selbst originell vorgegangen. Auch wenn Fragen auftauchen der ich/ wir Haltung, der Haltung insgesamt in den Gedichten, bzw. wo kippt es ins Konzept und hat wenig Sprache oder umgekehrt, plus wenn Lyrik ein geeignetes Mittel sein soll, sich politisch auszudrücken, hätte es hier nicht noch radikaler sein können (s. Brigitta Falkner) und warum sind Konflikte (in der vorliegenden Lyrik) automatisch eine ironie-/ brechungsfreie Zone und letztlich, warum muss in jedem Gedicht ein, wenn auch guter, oldie von Gerhard Falkner als Auftakt her?

Dennoch, der Band ist gehaltvoll und mutig. Schiller findet eine Sprache, sie ist eigen und das Statement eine traurige Bestandsfilterung, ein ernstes Durchkämmen und Vorgehen. Auf keinen Fall nur ein billiger Protestsong oder gar oberflächlicher Bänkelsang. Und vielleicht ist es der Körper, der ewige Körper, an dem alles beginnt und niemand vermag ihn mehr zu bewohnen.

Felix Schiller
regionale konflikte
hochroth München
2017 · 40 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-903182-04-2

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