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Kritik

Happiness, Montana

Hamburg

Das einzige Buch der US-Autorin Fran Ross, der Roman Oreo, ist eine geballte Ladung „serendipitiver Wortspiele“, um nicht zu sagen, bisweilen eine Kalauerparade, an anderen Stellen allerdings ein Trefferdauerfeuer sondergleichen. Nun bei dtv erschienen in der geistreichen Übersetzung von Pieke Biermann, kämpft der Roman, im Original schon 1974 herausgekommen, erst im Jahre 2000 "wiederentdeckt", mit seiner sich verselbständigenden Sprache. Die sich gegen die Erzählung stellt. Manchmal mit Gewinn, manchmal zum Verlust. Die Frage ist, ob Biermann wirklich immer den Sound der Erzählerin trifft, ob es sich nicht vielmehr um einen wahnsinnigen Flow in diversen Fachsprachen, Lexika und gewollten (Antiken-) Bezügen handeln könnte, gewissermaßen eine Rap-Novel, bei der das Erzielen akrobatischer Sprachtempi nicht unbedingt nur auf aufgehende Jokes zielt, sondern auf ein Mitgehenlassen aller Fundstücke im größeren Rhythmus eines Theseus genannten Beats. Das mag verkopft klingen, und vielleicht war es genau nicht Fran Ross‘ Absicht, dennoch hakt der Lesefluss wegen der Divergenz zwischen Sprache und Fabel zum Teil enorm. Möglicherweise ist es auch ein viel experimentellerer Roman, als man gemeinhin denken soll, und es gibt nicht den Sound, sondern viele zugleich.

Feststeht, wenn man sich an das zu Lesende hält, Fran Ross macht Außergewöhnliches. Ross, die aus jüdisch-afroamerikanischem Elternhaus stammt, verbrät über einer Familienquest, die aktiv der Theseus-Sage (inklusive Handreichungen wer-spielt-wen etc.) nachempfunden ist, mehrere Lagen Sprache: afro-amerikanischen Jargon, Großstadt-Slang, Jiddisch (ein längeres Register im Annex anbei), und mehrere Lagen Anliegen: Wissenschaft vs Street, Black Power, Feminismus und religiöse Konventionen/ Fabelkonventionen mittels Ironie, fein wie derb, zu sprengen und gleichermaßen ertüchtigen, alles hinein in eine Wonderwoman-Heldin Christine gepackt, der „Oreo“ genannten doppelten Außenseiterin keksig schwarz-weiß-schwarz, die alles kann und es allen zeigt. Eine comicartige, wunderbare Welt.

Bevor der Roman, bestehend aus Miniaturen mit Handlungskarten überschrieben wie „Oreo im Wartesaal des Bahnhofs Thirtieth Street“, wirklich startet, der zudem von allerlei Zeichnungen, Rollenplänen, Speisekarten unterbrochen wird, führt Ross eine liebevolle Portraitsammlung aus.

Betr. einige Figuren; ein, zwei Aperçus

Jacob: Baut Kisten aller Art („Jake the Box Man – Ein Boxele für jedes tschotschkele“). Wie er zu sagen pflegt: „Man kann davon leben. Ich mutsch mich so durch.“ Übersetzung: „Ich bin, kejn ajnore, ein sehr reicher Mann.“

Oreo, irgendwann 16, und möglichweise wie die Autorin selbst auf der Suche „nach ihren Wurzeln“, macht sich auf und erlebt wie in der Sage ein Sammelsurium von Menschen, Sprachen und Wünschen. Ihre Waffe, und nebenbei vielleicht auch so etwas wie die unauflösbare Poetologie von Oreo, ist WITZ.

Ihre Selbstverteidigungsmethode nannte sie den Weg des interstitiell Treffsicheren Zorns, kurz WITZ. Grundlage von WITZ war die fernöstliche Vorliebe für Treffer in weiche, verletzliche Körperzwischenräume beziehungsweise au fond, auf der Schaffung derselben an Stellen, an denen vorher gar keine Zwischenräume, eben Interstitiale, gewesen waren [...] Zu diesem Behuf konzipierte sie eine Reihe von Moves, die andere Selbstverteidigungstechniken – Jiu-Jitsu, Karate, Kung-Fu, Savate, Judo, Aikido, Mikado, Kikuyu, Kendo, Hondo und Schlong – obsolet machten, indem sie deren effektivste Teile integrierte oder verfeinerte. Angesichts solcher Hammer-Moves (oder, wie Oreo sie nannte, Bumse) wie Kop-Zang, Schu-Kik, Aug-Pihk, Kop-Krach, Aug-Faus, Ell-Bruch, Kop-Bums, Fus-Trit, Schwitz-Kast, Bauch-Bums, Nack-Bruch, Ei-Bruch, Arm-Zang, Arsch-Trit schnurrten Masse wie Muskulatur des Gegners zum rein akademischen Problem zusammen.

Rein verbal agiert das Figuren-Ensemble zum Beispiel folgendermaßen, beim Treffen mit Eltern aus Ontario: „„Ich bin Moe“, sagte der Mann. „Und ich bin Flo“, sagte die Frau. „Und wir sind hier und sagen Hallo“, sagten sie im Chor. Oreo wollte sich auch vorstellen, fand aber mehr als drei Reime in einem Chorus zu sehr Cole Porter.“

Ein Action-geladener Höhepunkt des Romans ist gewiss der Oreo vs Pimp Gladiatorenkampf zu Beginn des letzten Drittels. Hier macht sich Fran Ross über die 1974 noch in praller Blüte stehende Blaxpolitation-Welle lustig und lässt Oreo mit einem präparierten Kunstgriff den „Macho-Hengst“ in aller Öffentlichkeit abprallen:

Nach beiderseitiger Zustimmung – Oreo durch einmal Nicken, Kirk durch zweimal Scharren – gab Parnell das Startzeichen durch dreimal Fingerschnippen [...] Oreo leistete keinerlei Widerstand, als Kirk sie zu Boden warf, ihr die Beine auseinanderbog wie einen einsatzbereiten Nussknacker, sein Ziel anpeilte, ansetzte, um seinen Pfahl in ihr Gewölbe zu rammen, und – zu seiner eigenen Überraschung und der aller anderen – auf eine Sperre traf, einer Schleuderrolle rückwärts machte und von der nächstliegenden Wand abprallte.

[...]

Kirk war bei seinem Einbruchsversuch an eine [...] Sperre gekommen, und zwar an ein künstliches Jungfernhäutchen aus Elasticum, einem neu entdeckten trivalenten Metall mit enormer Widerstandsfähigkeit. Die Entdeckung des Elasticums hatte ein Forschungsstipendium der Citizens against the Rape of Mommies (CAROM) möglich gemacht [...]

Parnell half Kirk mit der Stiefelspitze wieder auf die Beine und schickte ihn auf die Matte zurück, was so viel hieß wie: „Keine Ahnung, wassa los war, aber das kommt scheißsicher nich nochma vor.“ Kam es doch. Kirk startete mit etwas weniger Bums und boingte zurück von Oreos  indehiszenter Kirsche, als wäre die ein Minitrampolin – was ja durchaus stimmte.

Der Roman, leider nur einer der 1985 verstorbenen Fran Ross, ist derart in sein eigenes Tempo vernarrt, dass man keine Wahl hat, außer Aufzusteigen, Mitzufahren oder entnervt aufgibt. Ross war eine Zeitlang als Gagschreiberin für Richard Pryor aktiv, was man sich angesichts des vorliegenden Feuerwerks gut vorstellen kann. Abgesehen von seiner inhaltlichen Fassung, seiner Originalität in Bezug auf praktisch alles, gibt es einige entstehungsontologische Implikationen, denen Max Czollek in seinem Nachwort auf den Grund geht. Er schreibt: „Fran Ross hat mit Oreo gleichzeitig die jüdische und die schwarze Literaturgeschichte einen wichtigen Schritt vorangebracht, und es hat viele Jahre gedauert, bis wir das bemerkt haben. Daraus lässt sich lernen, dass Literatur den zweiten Schritt vor dem ersten machen kann – und dass wir manchmal nicht hinterherkommen [... Oreo] zeigt uns, dass es anderer Geschichten bedarf, um unser Verhältnis zu uns selbst und zur Gesellschaft zu ändern [...] Wir wussten es nicht, aber wir haben auf dieses Buch gewartet.“

Fran Ross
Oreo
Übersetzung: Pieke Biermann, Nachwort: Marx Czollek
dtv
2019 · 288 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-423-28197-3

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