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Kritik

Das Dossier im Rücken

Hamburg

Der Wortüberprüfer und lyrische Chaosforscher Francis Ponge eicht ein weiteres Mal ohne effektives Zielmaß die Welt [(der Worte) der Welt]. Mithilfe des gründlichen, unermüdlichen, passenden Übersetzers Thomas Schestag gelingt in einer Reihe großer französischer Mammutbücher (nach Perros‘ Klebebildern, Léon Bloys Tiraden) bei Matthes und Seitz Berlin ein weiterer schwerer Höhepunkt: LE SOLEIL / DIE SONNE. Was für ein Buchobjekt. Ponge beschäftigt sich stockend verstockt zweimal mit der Sonne, von 1921-1931 und von 1948-1954. Schestag schreibt: „vorliegendes Dossier unterstützt den Entwurfscharakter des Dossiers“, das Ponge einigen Bibliotheken hinterlassen hat, als unfertige Objektkunst des Textes, ein Poem-Ding wie auch Mara Genschel aus jüngerer Zeit welche herstellt.

„Die SONNE oder die SEEIGEL-Uhr“, ständig wechselt der Titel, ___STEADY_PAYWALL___Spuren von Textevolution vermischen sich mit einem riesigen Haufen Originalscans und Transkriptionen. Der Akt des Rettens und Versiegenlassens, des Überschreibens, Neuschreibens und Verlassens ist das Thema bei Ponges mythischer Herangehensweise an die Sonne, den „Löwenbeweis“. Schestag übersetzt konzeptuell das, was ihm zu übersetzen wichtig scheint, sehr viel bleibt unübersetzt, steht einfach da wie nicht abgewischte Schultafeln. Ein ziemlich singuläres Buchprojekt ist nun daraus geworden, unabgeschlossen, inspirierend ruinös.

Ein neues Genre in der Literatur? Zweifellos, wenn man bedenkt, dass jede authentische Neuerung in der Kunst immer die Form selbst antastet. Doch welche Kunst hier oder Methode? „In ihm [...] werden, der uns bewegende Gegenstand zunächst in den Abgrund versetzt, die schwindelerregende Dichte und Absurdität der Sprache, allein in Betracht gezogen, so manipuliert, dass durch innere Vervielfältigung der Beziehungen, die Verflechtung der Wurzeln und die in Doppelschleifen geschnürten Bedeutungen, jene Beweglichkeit entsteht, die allein von der wesentlichen Tiefe, von der Vielfalt und rigorosen Harmonie der Welt Rechenschaft ablegen kann.“

„Eine Sammlung aus Angezetteltem, [...] ein unberechenbares Perpetuum aus Wandlungen und Abweichungen“ schreibt Schestag, dessen Kommentare selbst äußerst flexibel auf Sprache reagieren, durchrhythmisiert sind, sich in die Thematik hineinschrauben und den kommentierenden Essay zu einer neuen Formenhöhe hieven.

Die Erdscheibe, mit all ihrer Zierfracht aus Töpfen, Krumen,
Wäldchen, Fläschchen, dreht sich wie ein
Tisch, der nie abgeräumt wird.
Und mit Eintritt des Tages öffnen alle Poren der Erde den
Mund, während alle Richter, noch schlafend in den Krumen,
Rinden, Häusern, Schalen, – mit dem Kopf unterm Arm
und den Knien gegen die Arme liegen.
Kurz wird dieser Augenblick sein.........................................

[...]

Indes rückt, weniger verheerend als es zunächst schien, der Tag vor, unwiderstehlich und wohlwollend zugleich, wie eine Schafherde, wohlwollend und unausweichlich.

Ponges kalkuliertes Scheitern an der Sonne entspricht genau seinem Programm des wortigen Durchlebens / Durchmessens aller Ebenen der hier vor Ort perpetuierenden Wahrnehmungsmöglichkeiten. Sein Buchversuch bleibt ein selbes wie das Werken aller Menschen zu Erden: Die Sonne ist nicht beherrschbar. LE SOLEIL / DIE SONNE strahlt Ruhe und Unruhe zugleich aus. Es ist ein ultratiefes Schreiben, zugleich voll kindlicher Kritzler auf den Cahiers, wie die animierte Sonnenrepräsentanz im Kinderstift eben aussieht. Rätselhaftes Objekt, auf Gedeih und Verderb „hin zur einzigen und ausschließlichen Metapher“, wie Miklós Szentkuthy in einem anderen Zusammenhang etwas völlig anderes nannte. Lyrikempfehlung!

Die Sonne spielt, indem sie es belebt und anfacht, mit dem, was sie betrachtet, ein psycho-kompliziertes Spiel, sie kokettiert.

Ihr Gießkopf überflutet manchmal uns, manchmal auch nur das Dach oder die Verglasung.

Im großen Himmelsfaß ist sie der strahlende Spund, oft in einen Lappen aus wolkigen Landstrichen geschlagen, doch immer feucht, so stark unter Druck setzt die Flüssigkeit im Innern, so einprägsam ist ihre Natur.

Daß der Spund aus der Fassung geht und die Flut (unvermischt und bedrohlich) quillt, im Augenblick des Sterbens hat Goethe das gesehen und für uns beschrieben: „Mehr Licht.“ Ja, so mag Sterben sein.

Blendender Seeigel. Garnknäuel. Zahnrad. Faustschlag. Kopfzerbrecher. Knüppel.

Zuvor und Hernach gehn hier durcheinander.
Trommel- und schlag.
Jedes Objekt hat statt zwischen zwei -wirbeln.

Francis Ponge
LE SOLEIL / DIE SONNE
Übersetzung:
Thomas Schestag
Matthes und Seitz Berlin
2020 · 883 Seiten · 98,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-775-7

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