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Kritik

Die Öffnung des Resonanzkastens

Hamburg

„Man muss sein Leben aus dem Holz schnitzen, das man hat, und wenn es krumm und knorrig wäre“, dieses Zitat von Theodor Storm hat Francisca Ricinski ihrem Buch „Als käme noch jemand“, vorangestellt. Es erinnert mich an eines meiner eigenen Lieblingszitate, einen Satz aus dem Roman „Demokratie“ von Joan Didion: „Ein Berg ist eine vorübergehende Anpassung an Druck, und das Ich ist vielleicht eine ähnliche Anpassung.“ Beide Zitate sagen ja im Grunde dasselbe, mit einer kleinen Schwerpunktverschiebung. Während ich Storm so verstehe, dass man das Holz nicht ändern kann, sich nicht mit einer (sinnlosen) Veränderung des Ichs abmühen sollte, sondern damit arbeiten muss, was eben da ist, geht es Didion darum, woraus ein Ich zusammengesetzt ist, was also, um mit Storm zu sprechen, das Holz so krumm und knorrig gemacht hat.

Francisca Ricinskis Ich musste auf viele Veränderungen reagieren, auf den Verlust der Heimat und damit einhergehend den Verlust der Muttersprache. „Ein Leben, das von politischen und persönlichen Miseren geprägt wurde, die sie dazu zwangen, immer wieder zu improvisieren, statt auf einem soliden Fundament ihre Lebensphasen zu planen und aufeinander aufzubauen“, fasst Andreas Noga im Nachwort Ricinskis Lebenslauf zusammen.

Ein Lebenslauf, von dem ich annehme, dass er dazu beigetragen hat, dass Ricinski das Fremdsein nie ganz verloren hat. Dieses Fremdsein, von dem ich das erste Mal bei Herta Müller so getroffen wurde. In ihrem Essayband „Der König verneigt sich und tötet.“

Das hat mich damals sehr berührt und es begegnet mir jetzt wieder in den Erzählcollagen und der lyrischen Kurzprosa, die Francisca Ricinski in diesem Buch zusammengestellt hat.

„Die Zeit für eine lange Geschichte reicht nicht mehr“, behauptet Ricinski in einer der ersten Texte und lädt den Leser stattdessen ein zu einer kurzen Reise in die Tiefen der Sprache.

Von der kurzen Reise über den hinkenden Konsonanten auf der Durchreise, Mittel und Ziel der Passagen bleibt immer die Sprache, egal ob die Autorin durch die Zeit, oder durch Gesichter reist, und davon erzählt, was in doppelter Wortbedeutung „dahinter“ liegt.

„Such dir aus, was du gern vor dir hättest“, rät da einer, und formuliert damit möglicherweise das Vorgehen, das die meisten von uns unbewusst befolgen, wenn sie anderen begegnen. Die zu diesem Vorschlag Herausfordernde aber, antwortet am Ende der Geschichte: „Erst dann atme ich wieder und taufe mich in meiner neuen Gebrechlichkeit jung.“

Francisca Ricinski seziert die Worte und Buchstaben so selbstverständlich wie andere ihr täglich Brot schneiden, ein Gedanke, der sich in einer ihrer Collagen spiegelt, bevor er auch in der folgenden Geschichte erneut Gestalt annimmt, in der eine „Mülltonnerin“, eine Frau, die in den Mülltonnen nach verwertbaren Essensresten sucht, auf die Bühne eines Theaters geschleppt wird, und sich, den Blicken und Scheinwerfern ausgesetzt, an die Verwandlungen während der Kindheit erinnert: „Wie wär's, wenn ich selber bestimme, wie früher als Kind, wo und was ich sein will?“ Die Tochter von Sisyphos, ein Mensch, dessen Rettung darin liegt, dass es ihm ab und zu gelingt, sich zu verwandeln.

Es liegt nahe, dass angesichts des Zusammenspiels von genauem Hinsehen und der Gabe alles, einschließlich sich selbst verwandeln zu können, die Fragen nicht ausbleiben.  Fragen wie diese: „Sind Lebewesen und Dinge bloß die Namen, die wir ihnen geben?

Eine der vielleicht zärtlichsten Geschichten in diesem Buch, erzählt von der Antwort, die einzig dazu angetan ist, all die Fragen aushalten zu können. Sie besteht aus einem einzigen Wort: „du“. „Bin in dir verstreut. Im Strom deines Schoßes, in all deinen Räumen und Tagen, in Bildern, Schuhen, im Ohr, in allem, was sich dem Schlafsand widersetzt. So tut keine einzige Grenze noch weh.“

Aber gleich darauf taucht die Frage auf: wieso bin ich noch ich? Die Verwandlungen, die Unmöglichkeit, sich zu erkennen, weil die einzige Konstante die fortwährende Veränderung ist, zieht sich durch alle Texte. „Sie erkennt sich wieder, und dennoch kommt es ihr vor, als sei sie nie so gewesen. Oder nur einen Sommer lang.“

Die Vergangenheit erscheint als eine Geschichte, die man wieder erkennt, und die doch nicht mehr wirklich zu der Geschichte zu gehören scheint, die sich jetzt gerade schreibt und noch weniger zu der, die sie aufschreibt, die sich während des Schreibens aufhebt.

Es scheint nur logisch im nächsten Schritt auch die Zeit in Frage zu stellen, ihr Verhältnis zu uns und unser Verhältnis zu ihr: „Ob die Zeit und nicht wir es sind, die frenetisch von einem Körper in den anderen schlüpfen und von einem Alter oder aus einer Geschichte in die andere wie von Baum zu Baum springen, bis in die nichtige Ewigkeit. Ob nicht wir selbst (mit den tiefen Stirnrunzeln und Mundwinkeln, die fast vergessen haben, zu lachen und zu staunen) die Zeit sind.“

Die Zeit, die uns vermeintlich gefangen hält, weil wir nicht erkennen, dass wir sie immer wieder dazu bringen, sich in uns zu verfangen. Diese Zeit, die Francisca Ricinski manchmal schreibend einen Moment lang anzuhalten versteht: „Und es wurde wieder hell und wieder Nacht, und heller und nächtlicher, und dann verfing sich die Zeit in einer Öffnung des Resonanzkastens und blieb einen Augenblick stehen.“

Die Lust am Spiel überwiegt bei aller Schwermut der Texte in den Illustrationen und in den Texten selbst. Die Miniaturen und kurzen Erzählungen sind spannungsvoll angeordnet, Themen werden verfolgt, Ideen weitergeführt, aber dann werden Zweifel gestreut. Ein virtuoses, und bei aller Schwermütigkeit heiteres, nein erhebendes, Spiel mit den Worten. Als würden die Sätze sich, einmal niedergeschrieben, über das Geschriebene erheben und aus der Vogelperspektive aller Erdenschwere zum Trotz eine Leichtigkeit finden, die zum Spiel einlädt. Spiel mit den eigenen trüben Gedanken.

Francisca Ricinski
Als käme noch jemand
POP
2013 · 115 Seiten · 13,80 Euro
ISBN:
978-3-86356-074-4

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