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Kritik

Landgewinnung durch Poesie

Hamburg

Das Festhalten an Grenzen ist symptomatisch für unsere Zeit. Landesgrenzen werden befestigt und gegen mögliche Einwanderer abgedichtet, im Berufsleben geht es nicht selten darum, gegeneinander statt miteinander zu agieren. Ein großer Teil der Unterhaltungssendungen lebt davon, dass die einen sich gegen die anderen durchsetzen, weil sie einfach „besser“ sind. „Nur einer kann gewinnen“, „America first“. Wer diesen Schlagzeilen des Zeitgeistes folgt, glaubt an die schützende und bewahrende Kraft von Grenzen. Umso wichtiger sind Stimmen, die andere Gedankengebäude errichten, die Welten entwickeln, die Grenzen antasten, verwischen, und schließlich überwinden. Zwei die dieses Ziel eindrücklich und einander bereichernd und ergänzend verfolgen sind Francisca Ricinski und Mounir Dehane. Die ebenso abstrakten wie aufschlussreichen Bilder Dehanes, der in Marokko als Maler und Französischlehrer tätig ist, bilden mit Ricinskis Wortbildern einen subtilen Dialog. Es sind offene Bilder, die gleichzeitig gebrochen sind, ein Schmerz, eine unterschwellige Trauer scheint in den warmen satten Farben zu wohnen. Seite für Seite entfaltet sich ein Gespräch zwischen Vorstellung und Sprache, zwischen Bild und Text, Prosa und Lyrik. Stets getragen durch die Infragestellung von Grenzen und der jeglicher Grenzziehung entgegengestellten Anstrengung, sich auf das verbindende Element zu besinnen. Immer wieder. Trotz allem.  Um „Orte zu finden, an denen man bleiben kann. Oder gehen, ohne den Kopf nach hinten zu drehen“.

Während Ricinski, die seit vielen Jahren als Dichterin, Übersetzerin, Journalistin und Fotografin tätig ist, in ihrem 2013 erschienen Band „Als käme noch jemand“ ihre „Erzählcollagen“ und die „lyrischen Prosa“ mit eigenen Bildcollagen in Beziehung treten ließ, zeichnet sie in ihrem neuen Band „In deinen Schuhen voller Sand“, immer in loser Verbindung zu den Bildern Dehanes eine „helldunkle Lebensgeschichte“ nach. Nicht, indem sie sie zwischen zwei Buchdeckel oder in einen Rahmen presst, eher indem sie dem Leser und Betrachter Impressionen zur Verfügung stellt. Farben und Worte, die ineinander laufen, sich vermischen, die Konturen zusehends unkenntlich machen.

Auf diese Weise werden Zwischenräume erschlossen. Orte, an denen das Leben trotz allem etwas Spielerisches behält. Ricinski bezieht die Landschaft, insbesondere das Meer und den Herbst in eine gleichzeitig melancholische wie neugierige Erkundung von Vergänglichkeit ein. Einer Vergänglichkeit, die sich unter ihren Worten verwandelt.  

In einem wunderbaren Rhythmus fügen sich „Tage, die in einer Ecke auf das alt gewordene Kind warten“, „Städte mit Hälsen, die den Vögeln die Augen auskratzen“, „der gedächtnislose Wüstensand“ als Inbegriff der Zukunft, und andere poetische, den Horizont weitende Bilder, zu einem traurigen Lied. Einem Lied, das den Schrecken und Grausamkeiten der Welt die Kraft der Poesie entgegensetzt. Eine Poesie der Gerüche, Töne und Bilder, die wie eine Berührung wirken, die einen sanften Schleier über die Traurigkeit legt.

Francisca Ricinski hat das Fremdsein auch in diesem Band nicht verloren. Vielmehr ist es dieses Fremdsein, das immer wieder Anlass zu ihren hoch poetischen Wortschöpfungen gibt. Dichterin der Nomaden, die selbst in der Sprache, der einzig möglichen Zuflucht, ein wechselhaftes, oft genug abweisendes Zuhause findet.

Ich hieß „die Nomadin“, da ich stets meine Heimaten wechselte. Oder sie wechselten mich untereinander.“

Wenn die Heimat unbeständig wird, ist Halt in etwas anderem notwendig. In der Sprache, der Poesie, dem Bild.

Der vermeintlichen Zwangsläufigkeit der Zeit setzt Ricinski die Kraft von Sprache und Vorstellungsvermögen entgegen. Heilmittel auch für das Leiden an den stets zu engen Grenzen des Körpers und des Geistes,  der immer wieder zu überwindenden Unmöglichkeit der Vereinigung, Verbindung, dem einzigen, das Erlösung und Trost verspricht.

Ricinski findet wunderschöne überzeugende Bilder für das Zusammenschnurren der Zeit und nimmt die Leserin mit in die Spirale, in ein Netz aus Verbindungen, in dem sich Kindheit und Alter ganz selbstverständlich in ein und derselben Person begegnen, von der es in Selfie heißt:

Selfie

Mein Körper, halb vertrocknet auf der Weinrebe,
der Kopf, immer noch mit den nächtlichen
Strähnen bedeckt.

Aber innen Gehirnseen, Hirnhautstickerei und
teigige Knäuel, Nerven, so dünn wie Zweige,
damit sie schnell brennen wenn sich der Schnee
auf mich legt.

Indem die Trennung von außen und innen aufgehoben wird, verwandelt sich eine oberflächliche Gegenwartserscheinung wie das Selfie in ein Portrait der alten Meister, aus Worten gemalt.

Außen und innen, Jugend und Alter, all das verliert seine fest definierten Grenzen in den Kompositionen Dehanes und Ricinskis, in denen auch die Zeit ein Land ist, dass es zu gewinnen gilt, nicht um es mit Grenzen abzusichern, sondern um sich dort entfalten zu können, mit all seinen Zweifeln, seiner Trauer und Hoffnung.

Das Brüchige, Verletzte in den Bildern, das durch die zarte Darstellung, die Harmonie der Farben nicht gemildert, aber in eine trotzige Art von Schönheit überführt wird, korrespondiert mit der Melancholie, die als Ausdruck einer tiefen, aber niemals hoffnungslosen Trauer, über allen Texten liegt.

„Worte mögen noch da sein, aber ohne Fäden bleiben sie regungslos.“

Diese Fäden sind es, die das Wort-Bild-Geflecht dieses Bandes der Leserin zur Verfügung stellt.  Die Entscheidung, ob dieses Angebot als Verunsicherung oder Aufbruch verstanden wird, liegt an jeder einzelnen Leserin und jedem einzelnen Leser, der wählen kann, ob er sich abgrenzen will, oder Land gewinnen durch Poesie.

Francisca Ricinski
In deinen Schuhen voller Sand
Mit Bildern von Mounir Dehane
POP Verlag
2018 · 96 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3863562212

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