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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
Kritik

Immerwährende Poesie

Hamburg

An einer der schroffsten Bruchstellen in Wilhelm Müllers Winterreise verkehrt sich die Ordnung im Vogelreich: «Und als die Hähne krähten, / Da ward mein Auge wach; / Da war es kalt und finster, / Es schrieen die Raben vom Dach.» In diese Bruchstelle entlässt Franz Josef Czernin hier Baudelaires Albatros, das vom häufigen Gebrauch fast schon zerfledderte Sinnbild für den modernen Dichter, «rauschwund beutelnd, übel schleim- / und schaumgebaren» (s. 41). Nun sind Albatrosse eher weiß, aber bei Czernin um nichts weniger dämonisch als die rabiat in den Tag stürzenden schwarzen Raben, göttlich aus dem Schaum geboren, aber auch Schaumschläger und schleimig, übel, berauscht, vom Rausch auch rau geworden und flugs verschwunden wie der Schaum. Im Gefieder des Dichters selbst öffnet sich die flirrende Schneelandschaft, «nichts weiss gemacht als dunst und flaum», in der ein Wort dem anderen ins Wort fällt, bis man im Gestöber verloren geht, die weisgemachten Augen zusammengekniffen im Leerlauf der vergeblichen Fokussierungsversuche.

So verwandelt sich Czernin die Winterreise durch Unschärfe an. Oszillierende Doppelworte wie «rauschwund», deren Ausprägung kippt, schlägt man die entscheidenden Konsonanten der einen oder anderen Silbe zu, «rausch-wund» oder «rau-schwund», stehen im Mittelpunkt des Verfahrens, das dem Motiv des erotisch zurückgewiesenen, durchs Schneetreiben dem finalen Leiermann-Sensenmann entgegenstapfenden Jünglings noch einmal Bedeutung abringt. Hinzu kommen Kalauer und Wortspiele, «schlafsdumm» (s. 49), «wir sind gegen manche wand erfahren» (s. 13) und immer wieder Variationen auf «außer Rand und Band» wie «fast ausser ländern bin und allem rand» (s. 16), «fast ausser rand und bändern flocken / wallten» (s. 28) oder «ausser sand und band geraten» (s. 49). Natürlich ist der wiederholte Rückgriff auf diese Redewendung kein poetischer Zufall, denn der Wanderer ist ein Randständiger, Wankelmütiger, der zwischen Zorn und Selbstironie hin- und herschwankt, in der Sehnsucht nach Verpasstem ebenso gefangen wie in der Vorfreude auf den Tod, und dessen geistiger Zustand die verschwommenen Trennlinien des Gestöbers abbildet, auch in der Plastik der Sprache, die diesen Zustand einzufangen versucht.

Allerdings ist das Reisen, von dem Czernins Band handelt, nicht ausschließlich, sondern auch winterlich («reisen, auch winterlich»), betrifft das Reisen allgemein, zuletzt das Leben insgesamt, als alttestamentarische Wanderung im finstern Tal verstanden. Unter diesem Deckmantel finden dann eben nicht nur Baudelaire und sein Albatros, sondern z. B. auch Rimbauds bateau ivre, wiederum «auch bateau ivre» (s. 53), Unterschlupf, sodass der nun seefahrende Wanderer «in eis und see gebrochen sah den stab» (s. 53), der ihn durch das finstre Tal hätte leiten können. Beinahe jeder Einfall beschwört und parodiert den Mythos der Einsamkeit, in der sich ein Mensch durchs Leben schleppt, mit der vagen Hoffnung auf Erlösung, die sich auf unerwünschte Weise erfüllen wird: «hochziehts uns gleich / an einem strang, am toten zopf» (s. 23). Trotzdem umgibt den Gruß «traurige reise, rohe fahrt!» (s. 67) vor allem ein Gefühl der Heiterkeit, die sich aus dem übermäßigen Rumstochern im Makabren ergibt, sich über die Wehleidigkeit und den Leidensdruck unseres Wanderers legt wie der Heiligenschein goldener Sülze über die Zerstückelung der Terrine.

Czernin bekennt sich zu einer poesia perennis, die «seit jeher dasselbe zeigt», aber «wieder und wieder anders» (s. 69). Seine Gedichte knüpfen die Tradition um, bis aus den alten Themen ein neues Gefüge entstanden ist, damit das, was schon immer gesagt worden ist, überhaupt noch einmal gesagt werden kann. Schließlich beginnt man, Czernins Verse wie diejenigen Müllers leise Schubertsch zu intonieren.

Franz Josef Czernin
reisen, auch winterlich
Hanser Verlage
2019 · 80 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26166-2

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