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Kritik

Erwachsen werdende Scheuchen

Hamburg

Sprachlust findet statt in Franziska Füchsls jüngst erschienener Publikation Tagwan, Ritter Verlag. Selbstbeschreibend Prosa, ist es doch ein recht freier Umgang mit sogenannten Genrekonventionen. Nicht nur ist der Text aus vielen Stimmen montiert, er läuft mitunter direkt in Gedichte, Liedtexte hinein, wechselt Haltungen und Perspektiven, braucht ein „Glos“ am Ende, in dem die hübschen dialektalen Einschübe verortet werden. Darüberhinaus ist Tagwan, wie auch Rätsel in großer Schrift, der Vorgängerband Füchsls, grafisch zu erleben, mit winzigen kieselartigen Zeichnungen eingestreut in den von der Autorin eigenhändig, anspruchsvoll gesetzten Band.

Der Duktus weiter Passagen, die Syntax, Rhythmik etc. nimmt ein bisweilen mutig verschlungenes Moment in Kauf. Interessiert am überladenen sprachlichen Erkunden geht Füchsl ein hohes Risiko ein, hält es bis zum Schluss, angenehm unterbrochen durch besagte Grafiken, Textwechsel oder abrupte Kapitelschnitte. Die Sätze in Tagwan atmen fast barock. Sie reimen sich gern mittendrin. Stürzen sich auf Geräusche, Gelände und was den Stimmen vor ihre spezifischen Sinne kommt, nicht immer aber auf einen Gesamtzusammenhang. Solcherart verselbständigt, gerät die Sprache haarscharf zum Selbstzweck, dennoch scheint hier kein kokettierendes Schreiben am Werk, sondern der echte Rausch in Klang und Rhythmus entlang einer abgelegenen Hochwelt.

Hier begegnet man dem sprechenden Spat, der philosophierenden Vogelscheuche, dem Woitsch, der Lumpensammlerin, einer Einbein-Puppe und, wie es eben scheint, der Sprache selbst. Ist es eine psycho-grafische Entwicklung dieses gesamtwachsenden/ erwachsen tuenden Ensembles, in einer buchdeckelgesteckten Zeit?

Ob ich (noch nicht ganz bei Trost) mit meinem Kreislauf nicht zusammenkomme?

[...]

Den anderen aber war nicht weiß gemacht, dass zu wachen ihr Auftrag war – nein, sie schauten in die Landschaft! Und sie schauten sich die Landschaft an.

[so die Scheuchen]
In den Überblendungen des Figurenensembles steht beispielsweise dies:

Am Rest des Wegs in beinaher Berührung den Grat entlang, hallten die Geschichten des Spats mir nach. Ganz umschalt davon, vor mir das gestarrte Loch, riss mich ein Streifen über meinen Fuß aus den Gedanken, hin zu einem gestopften Stoffzipfel, der unter dem Steinriegel hervorquoll: So unverhofft der Fund, dass ich mich umgehend danach bücke und ziehe.

Und später:

In die Windstille, im Liegen, wünsche ich, dass die einbeinige Puppe alles spürt, was mich aufspürt. Ich zwinge das Gelübde all meiner Körperwichtel in die Puppe, wünsche all meinen Verstand in sie; es stülpt sie auf, lässt sie gehen, zieht mich in den Wahn. Ich ziehe aus.

Dann schiebt sich das Portrait des Woitsch hinein, ein Flicker, der sich hauptsächlich davon ernährt, dass man ihn beim Namen nennt: „Ich sage: Woitsch.“ Später die Gugel oder die zappelige Zussa, die sich „Richtung Denkmal schlängelt. Im Hochklettern summt sie das Lied vom Zähneziehen und lässt dabei ihre prallen Backen anwachsen und platzen.“ Das Zeitloch endet in einer Schlussfigurine aus passenderweise in den Zöpfen Verflochtenen, „die Blicke ausgestreckt.“

Füchsls Prosa macht Spaß. Hier in Tagwan kann sie sich frei entfalten, nimmt sich den eigenen zu gestaltenden Raum, lebt in einer detailliert ausformulierten wie in Ausschnitten visualisierten, gezeichneten Landschaft. Ein paar Manieriertheiten sind kein Problem.

 

Sie summt.

Es gibt nur ein Geh-weg
Und das geht ewig
Ich schiebe mich, ein Milimeter
Unter den Ural

Bin ich so weit
Und teil kein Land
Seid ihr doch längst
Über alle Berge

Im Liegen liegt die Welt
Hinter uns
Und was zu sagen war
Grab ich ein

Franziska Füchsl
Tagwan
Ritter Verlag
2020 · 144 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-85415-605-5

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